ADHS

ADHS: Heilen mit der Kraft des Gehirns

Von Ines Stöhr

TÜBINGEN. Unkonzentriert, unruhig, impulsiv: ADHS-Patienten ecken in ihrem Leben an vielen Stellen an. Die Aufmerksamkeitsstörung ist in hohem Maße genetisch bedingt, da sind sich die Mediziner sicher. Behandelt wird sie in der Regel mit Medikamenten und Verhaltenstherapie. Eine Tübinger Studie hat nun gezeigt, dass Neurofeedback in besonderem Maße bei ADHS-Patienten wirkt. Im besten Fall kann das Hirntraining die Medikamente ersetzen.

Gerahmte Schriftproben im Flur des Instituts demonstrieren die Veränderung eines Jungen mit ADHS vor, während und ein paar Jahre nach der erfolgreichen Neurofeedback-Behandlung (von links): Die Schrift wird deutlicher, ruhiger, gegliederter. GEA-FOTOS: MEY/IWA
Gerahmte Schriftproben im Flur des Instituts demonstrieren die Veränderung eines Jungen mit ADHS vor, während und ein paar Jahre nach der erfolgreichen Neurofeedback-Behandlung (von links): Die Schrift wird deutlicher, ruhiger, gegliederter. GEA-FOTOS: MEY/IWA
»Wie genau das funktioniert, ist ein großes Geheimnis – vom Verstand her fast nicht zu fassen«, gibt Ute Strehl zu. Tatsache ist: Allein über die Gedanken lässt sich das Gehirn steuern. Die Neurowissenschaftlerin vom Institut für Medizinische Psychologie der Tübinger Uni hat gerade gemeinsam mit Forschern an vier weiteren Unikliniken eine Studie mit über 100 Kindern abgeschlossen, die an der Aufmerksamkeits-defizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und damit unter schlechter Konzentration, Ruhelosigkeit sowie extremem Bewegungsdrang leiden und mit ihrer Impulsivität ständig stören.

Bei den Probanden wurden die Auswirkungen eines Neurofeedback-Trainings mit einem Training zur Muskelentspannung verglichen. Verblüffendes Ergebnis: Wenn der ADHS-Patient beim Neurofeedback lernt, seine Gehirnwellen zu beeinflussen, kann er die Methode auch in Situationen anwenden, in denen es darauf ankommt, aufmerksam zu sein, und seine Symptome gegen deutlich zurück. Die Muskelentspannung war nicht so erfolgreich.

Beim Neurofeedback werden Hirnströme durch ein Elektroenzephalogramm (EEG) gemessen und dem Patienten am Bildschirm sichtbar gemacht. Zum Beispiel in Form eines Fisches, eines Flugzeugs oder eines Vogels. Die Figur visualisiert den »Erregungszustand«, der mit Aufmerksamkeit und Konzentration verbunden ist. Alle acht Sekunden muss der Patient auf ein Signal reagieren und einen bestimmten Erregungszustand herbeiführen.

Aufputschmittel fürs Gehirn

Vermutlich die meisten Menschen mit ADHS leiden unter einer Untererregung. Die Gehirnwellen, die normalerweise bei tiefer Entspannung und einem schläfrigen Wachzustand vorkommen, sind bei ihnen zu stark ausgeprägt, erklärt Strehl. Das betrifft auch die Hemmfunktionen, was sich oft in hyperaktivem Verhalten auswirkt. Die Wellen, die bei konzentrierter Aktivität und einem aufmerksamen Wachzustand vorkommen, sind dagegen vermindert.

Bekanntestes Medikament gegen ADHS ist Ritalin, vergleichbar mit der Partydroge Speed. Ist das kein Widerspruch, einem scheinbar völlig aufgedrehten Kind auch noch Aufputschmittel zu geben? Tatsächlich ist die Überaktivität rein körperlich, während das Gehirn als Steuerungsorgan zu träge ist, um adäquat zu reagieren. Das Medikament kurbelt daher die Hirnaktivität an.

Dass sich im Gehirn über das Neurofeedback etwas ändert, lässt sich auch bei einer Kernspintomografie beobachten. Es macht die Regulation sichtbar. Schneller ginge es, Neurofeedback im Kernspin zu machen, aber aufgrund der Kosten nicht praktikabel, sagt Strehl. In 25 bis 35 Sitzungen lernt der Patient im EEG-Feedback, seine Hirnaktivität zu regulieren und fällt im besten Fall komplett aus der Diagnose ADHS raus. »Ziel ist es, das Medikament absetzen zu können«, sagt Strehl.

Vorübergehend können die Medikamente jedoch ein Segen sein, weiß die Wissenschaftlerin. Zum Beispiel, wenn der Patient auf einen Therapieplatz warten muss. Die Wartezeit für einen Platz beträgt derzeit in der Region bis zu neun Monate, sagt Strehl. Solange es keine Alternative gibt, wäre die Verweigerung des Medikaments ein Fall von Körperverletzung. Aber wenn die Selbstregulation nicht erlernt wird, sind die Patienten eigentlich ein Leben lang auf Medikamente angewiesen.

Als Methode der Verhaltenstherapie und im Rahmen von Ergotherapie wird das Neurofeedback bereits angeboten. Um die Methode zu verbreiten, bietet die Fachgesellschaft für Biofeedback Weiterbildungen unter anderem für Ärzte und Psychologen an. »Bis zum Jahr 2000 gab es keine gescheiten Studien zum Neurofeedback im Vergleich zu Medikamenten«, so Strehl. Eine erste Studie absolvierte ein Tübinger Doktorand mit dem Ergebnis, dass die Wirkung von Neurofeedback und Ritalin vergleichbar war.

Aufwendige Diagnose

Früher hielt man die ADHS-Symptome für eine Reifungsstörung, die sich auswächst. Inzwischen weiß man, dass bei einem hohen Prozentsatz die Störung auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt. Die Untersuchung auf ADHS ist sehr aufwendig, dauert zwei bis drei Tage und beinhaltet viele Fragebögen, Intelligenz- und Aufmerksamkeitstests sowie Gespräche mit Eltern und Lehrern zum Verhalten der betroffenen Kinder in der Schule. »Das kann ein niedergelassener Arzt im Rahmen seines Budgets kaum leisten«, weiß Strehl.

Voraussetzung für die Diagnose ist außerdem die Beeinträchtigung zweier Lebensbereiche: Schule oder Beruf, Familie oder soziale Beziehungen sowie ein hoher Leidensdruck. Eine Behandlung, die für alle funktioniert, gibt es nicht, macht Strehl deutlich. »Sie muss individuell zugeschnitten sein. Das Trainieren der Selbstkontrolle reduziert nicht nur die Symptome, es kann auch das Selbstvertrauen stärken und dazu führen, dass sich ein Kind nicht mehr als jemand erlebt, der ständig aneckt oder nichts zu Ende bringt. Das wiederum führt zu weiteren positiven Effekten.« (GEA)

www.neuroconn.de

www.dgbfb.de



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