Premiere - Die finnisch-schwäbische Band »Vaaralliset huulet« stellt ihre CD »Kirschenblütentango« in Nehren vor

Finnisch-schwäbische Band mit »Kirschenblütentango«

Von Arnfried Lenschow

NEHREN/TÜBINGEN. Sich als Finne zu fühlen, ist keine Frage der Nationalität. Bei der vierköpfigen Band »Vaaralliset huulet« ist der finnische Anteil auch nur ein Achtel. Den steuert Sängerin Claudia Jochen ganz alleine durch ihre finnische Mutter bei. Und vielleicht auch dadurch, wo sie ihre Kindheit verbracht hat. »Wer in Orschel-Hagen aufwächst, kann schon melancholisch werden«, sagt die Studentin der empirischen Kulturwissenschaft, die 2001 zur Band gestoßen ist, zwei Jahre nach ihrer Gründung.

Finnischer Tango und Nordic Talking: Die Tübinger Band »Vaaralliset huulet« mit (von links) Julian Jochen-Warth, Norbert Bremes, Claudia Jochen und Harald Schwarz präsentiert ihre Musik mit einem großen Schuss Selbstironie.  FOTO: PATRICK RITTER
Finnischer Tango und Nordic Talking: Die Tübinger Band »Vaaralliset huulet« mit (von links) Julian Jochen-Warth, Norbert Bremes, Claudia Jochen und Harald Schwarz präsentiert ihre Musik mit einem großen Schuss Selbstironie. FOTO: PATRICK RITTER
Diese Melancholie ist es auch, die in Finnland eine musikalische Form gefunden hat, nämlich den Tango, der als Blues der Finnen gilt. Während im anderen großen Tangoland Argentinien dieser Tanz als »vertikaler Ausdruck eines horizontalen Verlangens« zelebriert wird, muss in Finnland bei diesem Tanz »die Frau den betrunkenen Mann festhalten«, scherzt Claudia Jochen, die so gar nicht in das Klischee vom schweigsamen Finnen passt. Vielleicht gilt dies ja auch nur für die Männer, sagt ihr Mann Julian Jochen-Warth, weil diese nicht zu Wort kommen.

Eigenbrötlerisches verbindet

Das Eigenbrötlerische und die Wortkargheit verbinden die Finnen mit den Schwaben. Die drei Herren, von denen sich Claudia Jochen mit Gitarre (Harald Schwarz), Bass (Julian Jochen-Warth) und Akkordeon (Norbert Bremes) begleiten lässt, sind denn auch eher diesem Menschenschlag zuzurechnen. Alle haben einen ganz unterschiedlichen Hintergrund. Akkordeonspieler Norbert Bremes ist Altenpflegerhelfer, Bassist Julian Jochen-Warth kommt vom Reggae und macht gerade die Ausbildung zum Lehrer in Musik, Technik und Wirtschaftslehre, und Harald Schwarz sei nicht nur modemäßig 1910, bestenfalls 1930, stehen geblieben, stichelt Claudia Jochen.

Die Verbindung zum Schwäbischen wurde jetzt noch enger geknüpft. Denn die melancholische Grundstimmung fand die Band auch in den »Kirschblütengedichten« des Nehrener Autors Jürgen Jonas wieder. »Die Gedichte passen wie die Faust aufs Auge«, sagt Claudia Jochen. Flugs war die Idee zu einer CD geboren, an einem Tag in einem Pfullinger Tonstudio aufgenommen, produziert von Evelyn Ellwart-Mitsanas, die schon in ihrem Verlag »Holunderwerk« die »Kirschblütengedichte« als ihr erstes Projekt herausgebracht hat.

Auf der CD, die am Freitag in Nehren vorgestellt wird, wechseln sich Gedichte und Tangos ab, das eine beleuchtet das andere. Das Schwäbische wird auch zur Brücke in den hohen Norden. Denn den Kampf mit der finnischen Sprache zu bestehen, fällt den normalen Mitteleuropäern schwer.

Schon der Name der Band bringt ins Stolpern. »Vaaralliset huulet« heißt übersetzt »gefährliche Lippen«. Aber daraus ist auch schon »Varalliset huolet« geworden, was »die wohlhabenden Sorgen« bedeutet. Oder »Viralliset hullut«, also »die offiziellen Irren«, womit sich die mit Selbstironie gesegneten Bandmitglieder anfreunden können.

Denn ein gewisses Maß an Verrücktheit braucht es für ihre Musik schon, die bei der kleinen Kolonie von rund 50 Finnen in Tübingen immer für Heimatgefühle sorgt. »Jeder kennt die Texte«, weiß Jochen über ihre Halb-Landsleute. Auch sie selbst hat als Kind über die Kassetten, die ihre Mutter abspielte, den finnischen Tango eingesogen. Auch ihre zwei Kinder, die zweisprachig erzogen werden, wachsen mit dieser Musik auf. Der kleinste Sohn Henri, gerade mal neun Monate alt, durfte auch schon mit dem Papa mit auf die Bühne.

Sächsisches Finnisch

Das sei zwar eine Musik der 60er-Jahre, aber »Erasmus-Studenten aus Finnland schmelzen dahin, wenn sie das hören«. Denn finnischer Tango, das ist Heimat für sie. Manchmal hört dann einer auch heraus, dass Claudia Jochens Finnisch eine Färbung hat. Es ist der Zungenschlag von Tampere, der drittgrößten finnschen Stadt im Südwesten des Landes, was in finnischen Ohren so klingen würde, »als ob ich Sächsisch singe«, sagt Claudia Jochen. Zumindest musste sie sich schon fragen lassen, aus welchem Dorf sie denn eigentlich kommt. Denn auch manche Wörter, die sie verwendet, sind wohl inzwischen ein bisschen aus der Zeit gefallen.

Was ja auch zur Musik von »Vaaralliset huulet« passt, bei der zwischen die Tangos auch manchmal Walzer und Polkas eingestreut sind. Eine Musik für Gestrandete in der Welt, für Heimatsuchende an kalten Wintertagen, die manchmal zufällig Finnen sind - oder sich zumindest so fühlen. (GEA)



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