Musik - 200000 Euro gesammelt, 40000 fehlen. Unterstützer in Tübingen protestieren gegen Entscheidung des Rektorats

Festsaal: Ärger um gestoppte Tübinger Orgelsanierung

VON INES STÖHR

TÜBINGEN. Seit über 40 Jahren ist sie nur noch dekorativer Hintergrund im Festsaal der Uni Tübingen. Dann kam vor knapp fünf Jahren um Kirchenmusikdirektor und Stiftskirchenkantor Ingo Bredenbach und Unimusikdirektor Philip Amelung eine Initiative zusammen, um die Orgel anlässlich des Bachfestes 2018 wieder spielbar zu machen. Im April 2013 gab die Uni ihre Zustimmung zu der Sanierung. Doch nun hat das Rektorat das Projekt gestoppt: Es seien bis zum verabredeten Termin nicht genügend Spendengelder zusammengekommen. Bredenbach will jetzt versuchen, das Vorhaben trotz der Absage der Uni noch zu retten.

Der Festsaal der Universität Tübingen mit der Orgel im Hintergrund.
Der Festsaal der Universität Tübingen mit der Orgel im Hintergrund. FOTO: Markus Niethammer
Die fünfteilige elektrische, von der Echterdinger Firma Friedrich Weigle mit fast 4 000 Pfeifen und 56 Klangregistern geschaffene Konzertorgel wurde 1931 bei der Festsaal-Renovierung in der Neuen Aula eingebaut. Das Instrument war jedoch nicht oft im Einsatz und wurde schließlich 1972 stillgelegt, der Pfeifenbestand ist aber weitestgehend erhalten, weiß Bredenbach. Um die Orgel wieder zum Klingen zu bringen, muss sie grundlegend saniert und technisch verbessert werden. Die Kosten dafür liegen bei 300 000 Euro.
»Zu laut und mit dem Uni-Betrieb nicht vereinbar«
 

Zwischen Uni und Initiative war vereinbart worden, dass 80 Prozent der Gesamtkosten aus Spenden finanziert werden sollten. Der Betrag sollte Ende 2016 vorliegen, damit die Sanierung rechtzeitig vor dem Bachfest im Oktober 2018 in Auftrag gegeben werden konnte. Begonnen hatte die Spendenaktion mit einer Gala im Festaal der Uni. Neben vielen Einzelprojekten galt auch das Engagement der Stiftskirche mit zwei Benefizkonzerten im Jahr innerhalb der Reihe »Wort und Musik« diesem Zweck, sagt Bredenbach.

Derzeit liege der gespendete Betrag bei rund 200 000 Euro. Der Kirchenmusiker hatte in den vergangenen vier Jahren selbst etliche Benefizkonzerte zugunsten der Sanierung gegeben. Über 50 Patenschaften für die Pfeifen von Gemshorn bis Schalmei im Wert von 50 bis 5 000 Euro sind in der Zeit vergeben worden. Weil jedoch noch 40 000 Euro an Spenden fehlen, wurde Anfang März auf Vorschlag des Rektors Bernd Engler im Rektorat ein Mehrheitsbeschluss gefasst, das Projekt zu stoppen.

»Obwohl sich die Initiatoren, maßgeblich Herr Amelung und Herr Professor Bredenbach, hier in beeindruckender Weise engagiert haben, ist das Ziel verfehlt worden«, bedauert Antje Karbe, Pressesprecherin der Uni. »Das Rektorat hatte sich selbst noch Anfang dieses Jahres um Sponsoren für die Festsaalorgel bemüht und potente Spender aus der Industrie angesprochen, um die bestehende finanzielle Lücke zu schließen. Hier ging es um eine sechsstellige Summe. Leider waren auch diese Bemühungen vergeblich. Vor diesem Hintergrund gab es aus Sicht des Rektorats nur noch die Option, das gesamte Projekt zu beenden. Alle anderen Argumente waren nicht Gegenstand der Entscheidung.«

»Eine Finanzierung der Restaurierung zum jetzigen Zeitpunkt wäre realisierbar gewesen«, ist Bredenbach dagegen überzeugt. »Nicht nachzuvollziehen ist meines Erachtens, dass der Projektstopp zunächst begründet wurde mit: 'die Orgel ist zu laut und mit dem Betrieb der juristischen Fakultät nicht vereinbar', dann mäandernd damit, dass die 'renovierte Orgel zu viele weitere Konzerte im Festsaal ergibt', 'Orgelübzeiten im Festsaal nicht mit dem regulärem Uni-Betrieb vereinbar' sind und 'ein Orgelkonzert im Jahr ausreichend ist, und sich die Renovierung dafür nicht lohnt'.«

Er habe den Eindruck, dass diese Argumente vorgeschoben seien, weil »das Rektorat oder vielleicht mehr der Rektor die Renovierung der Orgel nicht mehr möchte«. Gelder für die Renovierung waren vorhanden, privat zugesagt und hätten durch weitere Spenden und Aktivitäten eingeworben werden können, ist Bredenbach sicher. Mit dem Aus für das Projekt missachte man bürgerschaftliches Engagement, stoße Spender vor den Kopf und verpasse eine einmalige Chance zur Renovierung dieses bedeutenden Orgelmonuments.

»Helfen kann jetzt ein Zeichen von möglichst vielen, dass die Entscheidung des Uni-Rektorats nicht akzeptiert wird und die Festsaalorgel doch noch renoviert werden soll«, sagt Bredenbach und ruft zu weiteren Spenden auf das Projektkonto (Unibund, Stichwort: 3501 Orgel Neue Aula, Bank: KSK Tübingen, IBAN: DE98 6415 0020 0000 1106 08, BIC: SOLA DE S1 TUB, Spendenzweck: Festsaalorgel) oder Patenschaften für die Orgelpfeifen auf. »Sollte die Renovierung tatsächlich nicht erfolgen, kommt das Geld eben wieder zurück.«

Festsaalorgel

Mit den unter den Bögen aufgestellten, bis zu siebeneinhalb Meter hohen Prospektröhren aus mit Aluminiumbronze überzogenem Zink gehören 3 944 Pfeifen zur Festsaalorgel. Sie weist 56 Klangregister auf. Im zweiten Manual die altertümlichen Zungenstimmen wie Rankett, Krummhorn sowie die Labialstimmen Rohrflöte, Nachthorn, Glöckleinton. Alles geschätzte Vorzüge der Orgeln des 17. Jahrhunderts. Das dritte Manual verfügt über Register wie Russischhorn, Schwiegel, Schalmei, Lieblich Gedeckt und Vox coelestis. Die Festsaalorgel ist ein Prunkstück der weltlichen Orgelkunst, nicht nur neben der etwas umfangreicheren Stiftskirchenorgel, ihrem geistlichen Pendant. 460 Drahtleitungen verbanden das Pfeifensystem mit dem fahrbaren Spieltisch, eine Luftschleudermaschine bot eine Leistung von 62 Kubikmetern Wind pro Minute. (GEA)

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