Fasnet - Narren im Kreis geben beim Rathausstürmen Gas. Nur in Gomaringen waren sie nicht ganz so unter Strom

Fasnet: Schneewittchen macht Wölfe scharf

VON NÄRRISCHEN SCHREIBERLINGEN

KREIS TÜBINGEN. Es war wie beim Superbowl in den USA: Plötzlich war der Strom weg. Nachdem in Gomaringen die Käsperle, unterstützt von den Schlosshexen, Bürgermeister Steffen Heß aus dem Rathaus geschleppt und im Bollerwagen auf der Straße herumkutschiert hatten, musste Zunftmeister Dietmar Rau seine ganze Manneskraft in die Stimmbänder legen, um dem Schultes die Leviten lesen zu können. »Wahrscheinlich«, witzelte er über die saftlose Lautsprecheranlage, »hat die Gemeinde ihre Stromrechnung nicht bezahlt.«

Voll abgefahren: Gomaringens Bürgermeister Steffen Heß.
Voll abgefahren: Gomaringens Bürgermeister Steffen Heß. FOTO: Philipp Förder
Doch dann war der Strom wieder da, und das Oberkäsperle konnte lästern. Über die Denkerpose des Bürgermeisters auf der Homepage der Gemeinde, den neuen Knöllchenwart und das neue Rathaus, das wohl noch lange auf sich warten lassen werde: »Dein Büro muss dann ebenerdig sei, sonscht kommscht mit Deim Rollator net nei.« Heß verteidigte sich bei seinem ersten Rathaussturm tapfer: »Ich bin der neue Käpt'n hier am Ort, und seit Sommer auch an Bord.« Es half aber nichts. Bis Aschermittwoch gilt: Schlüssel weg, Schultes weg. Aber: Strom wieder da.

Kreuzfahrt in die Südsee

In Mössingen nahm die Rathaus-Mannschaft auf dem Traumschiff MS Steinlach Kurs auf die Südsee. Die Narren mussten beim Sturm den Weg über eine echte Gangway auf die Decks finden. Überall Rettungsringe und Gummirettungsboote, Infos zum Schiff. Auf den Sonnendecks rekeln sich elegante Damen mit Hüten und Sonnenbrillen sowie sportliche Damen im Aerobic-Dress auf Liegen. Alle haben kühle Drinks von der alkoholfreien Cocktailbar (»Trink-Bar«) in den Händen. Auch über Programme beim Landgang wird informiert. Keine Spur von Personal-Knappheit, es wimmelt nur so vor Service-Kräften. An der Türe der Kabine von OB Michael Bulander hängt ein Schild »Bitte nicht stören«, er lenkt die Geschicke des Ozeanriesen als Kapitän, muss dazu nicht einmal auf die Brücke an den Maschinenhebel.

Die Narren stellen dem OB bei der Übernahme schwierige Aufgaben, so muss er etwa mit Ketten an den Füßen Lambada tanzen. Und er warnt noch: »Das ist saumäßig gefährlich, so ein Schiff ohne Kapitän.« Michael Baur, Vorsitzender des Original Steinlachtaler Fasnachtsverein, musste nach dem Rathausschlüssel mit 1,8-Promille-Tauchbrille und Flossen tauchen. Doch im Kreise von anderen Tauchern, lebenden Rettungsringhaltern sowie Leuten, die ganz lässig mit dem Plastikkrokodil unterm Arm für alles gewappnet sind, konnte er die Aufgabe lösen. Die Narren haben vom Kapitän allerdings die ganze Arbeit aufgehalst bekommen, samt als Knäuel übergebener technischer Infrastruktur wie Computer und Telefone. Und dann hieß es: Volle Kraft voraus. Nach Sydney zum Frühstück, warum denn nicht?

Schon in aller Früh begann für die Ofterdinger Narren der Tag: Um sechs Uhr starteten die Fürstenwaldhexen, Moritzle und Äckerlesmacher mit ihrem Wagen die Tour durch den Ort. Besucht wurden Gönner des Vereins und Kindergärten. »Man muss sich ja blicken lassen«, sagt Obernarr Thomas Wiech. Bei Bürgermeister Joseph Reichert hatten die wilden Weiber und Mannen leichtes Spiel: Das Rathaus war im Nu erobert. Den Schlüssel hatte der Schultes extra aus Leichtmetall anfertigen lassen: »Damit ihr nicht so schwer zu schleppen habt.«

Äußerst kreativ zeigten sich die Gemeindemitarbeiter in Nehren . Einfach erstürmen ließen sie ihre Festung in der Hauptstraße nicht. Durch ein Loch in der Tür mussten die Eindringlinge ins »Zwergenland« kriechen. Für ihre Mühen wurden sie dort aber alsbald entschädigt: Voll Anmut rekelte sich zwischen Rosenranken eine schwarzhaarige Schönheit im rosafarbenen Seidenkleid: Schneewittchen und einige Zwerge hatten die Rammert-Wölfe schon erwartet.

Anfangs noch etwas schüchtern taute die junge Frau in den pinkenen Pumps zunehmend auf. Beim Wissensquiz mit Showmaster Günther Jauch alias Narrenanführer Andreas Schultz glänzte sie mit charmant dargebotenem Halbwissen rund um die Gemeinde Nehren und die Fasnetzunft. Beim gemeinsamen Chili-Schnaps-Trinken entglitten der Märchenfigur dann aber die Züge und zwischen ebenholzfarbenen Strähnen schimmerte ein Hauch männlicher Derbheit durch. »Meidet Bett und schlechte Laune - für Letzteres wird der Schultes dann schon sorgen«, waren Schneewittchens letzte Worte, bevor sie am Stand mit Leberkäsweckle und Sekt verschwand.

Frauen an die Macht

Frauen an die Macht hieß das Motto bei der Narrenzunft Ranzenpuffer, Kirchemer Sau. Denn die neue Obersau ist Sonja Harringer, die Bürgermeister Bernhard Knauss in die Schandgeige einspannen ließ und mit Mega-Schlüssel in Kirchentellinsfurt die Macht übernahm. Ihre Farbvorstellung vom neuen Rathaus war gewöhnungsbedürftig, denn sie wünschte es sich in rosa. »Das hat kein anderer im Kreis.« Auch ein Schuhladen im Erdgeschoss sollte es geben. Nächstes Jahr, bei seinem letzten Rathaussturm als Bürgermeister, will Knauss die Narren im Neubau empfangen. Als der Sekt auszugehen drohte, ließ Knauss sich nicht lumpen. Aus seinem Kühlschrank zauberte er Kirsch- und Birnenschnaps, was die Narren wieder milde stimmte.

Begleitet von den getragenen Melodien der Lumpenkapelle Raba-Gautscher und in Qualm aus dem Hexenkessel gehüllt marschierten Rufabach-Hexa und Riaba-Moschter in Kusterdingen auf den Rathausplatz. Unter dem Applaus zahlreicher Zuschauer vollführten die Hästräger waghalsige Kunststücke. Dann ließ Joachim Kaiser, stellvertretender Zunftmeister der Kusterdinger Narren, die Höhepunkte der Kommunalpolitik Revue passieren, bevor er Bürgermeister Jürgen Soltau den Rathaus-Schlüssel abnahm: Er erinnerte an die Einführung von Tempo 30 für ganz Kusterdingen im Alleingang Soltaus, das neue Gymnasium, an dem auch nur mit weißer Kreide geschrieben wird, das Narrenheim, das seit einem Jahr nicht genutzt werden kann, weil die Statik nicht stimmt, die vakante Pfarrstelle in Mähringen und die Blumendiebe auf dem Friedhof. (GEA)




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Rathaussturm in Kirchentellinsfurt FOTO: Arnfried Lenschow
 

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Beim Narrensturm im Mössinger Rathaus hieß es "Schiff ahoi" - alle gingen zusammen auf eine Kreuzfahrt in die Südsee. FOTO: Michael Merkle
 
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