Wohnungsnot - Die achtköpfige Familie Hijjo muss aus ihrem Mietshaus ausziehen, findet aber kein neues Zuhause

Familie muss ausziehen und findet kein neues Zuhause

VON MAREIKE SPAHLINGER

NEHREN. »Hartz IV-Empfänger sind asozial.« »Die machen alles kaputt.« Diese und ähnliche Aussagen bekommt Joumana Hijjo bei ihrer Wohnungssuche zu hören. Ihrer Familie droht eine Räumungsklage. Seit vergangenem September hätte die achtköpfige Familie bereits ihr Mietshaus in Nehren verlassen müssen. Doch die Umstände der Familie sind denkbar schwer.

Foto: Spahlinger
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Die Eltern sind auf Hartz IV angewiesen, sechs Kinder zwischen zwei und 21 Jahren gehören zum Haushalt. »Keiner will so viele Kinder«, stellt die Mutter nüchtern fest. Erschwerend kommt hinzu, dass eine ihrer Töchter schwerstbehindert ist.

Mit sechs Jahren hatte die heute 17-jährige Neriman einen Badeunfall in Neckartailfingen. Das Gehirn wurde mit Sauerstoff unterversorgt. Seitdem hat das junge Mädchen keine Kontrolle mehr über ihre Arme und Beine, sitzt im Rollstuhl. Täglich kommt eine Krankenschwester von der Diakonie Kinderkrankenpflege Metzingen und kümmert sich um Neriman. Ein neues Zuhause müsste behindertengerecht sein oder dahin gehend umgebaut werden. Außerdem hat Joumana Hijjo das Gefühl, ihr Kopftuch sei ein zusätzliches Problem. »Am Telefon sind die Vermieter immer nett. Wenn ich dann mit meinem Kopftuch ankomme, bekomme ich nur Absagen.«

Gerne will sie mit ihrem Mann und den Kindern zurück nach Reutlingen. Dort leben ihre Verwandten. Als Zehnjährige ist Joumana mit ihrer Familie von Beirut nach Reutlingen gekommen. Nerimans Unfall und die wachsende Familie veranlassten sie vor einigen Jahren, aus ihrer Wohnung von der Wohnungsbaugesellschaft (GWG) Reutlingen nach Nehren zu ziehen. Dort bot sich die Möglichkeit, für die Zeit von fünf Jahren in ihr heutiges Haus zu ziehen, das sich die Familie hergerichtet hat. Diese Zeit ist nun abgelaufen. Der Vermieter will das Haus verkaufen, droht mit einer Klage.

Möglichkeiten sind ausgeschöpft

Joumana Hijjo erzählt, dass sie seit dem Unfall der Tochter auf eine größere und behindertengerechte Wohnung der GWG warte. Wenn sie etwas höre oder lese, fahre sie selbst bei jeder Gelegenheit zu passenden Häusern und Wohnungen, bewerbe sich über diverse Internetportale - doch ohne Erfolg. Auch die Rathäuser von Nehren, Tübingen und Reutlingen hat die Mutter erfolglos abgeklappert. Bernd Pulla vom Ordnungsamt Nehren kennt den Fall. »Unsere Möglichkeiten sind ausgeschöpft«, sagt er. Auf längere Sicht seien von der Gemeinde keine Wohnungen oder Häuser frei. Die Wohnungen, die der Stadt gehörten, hätten ohnehin nicht die Größe, die die Familie benötige. Mehr könne die Gemeinde für die Familie nicht machen. »Augen und Ohren offenhalten«, rät er.

Margit Lehle, Pressesprecherin vom Jobcenter Tübingen, erklärt auf Anfrage, dass man sich schnell um Hilfe für die Familie bemühen werde. »Eine unserer Teamleiterinnen hat Kontakt zu den entsprechenden Behörden aufgenommen und versucht, zu vermitteln.« Doch auch Lehle befürchtet, dass es aufgrund des angespannten Wohungsmarktes und der besonderen Umstände nicht ganz einfach sein werde, schnell eine passende Wohnung zu finden. In jedem Fall sei es aber so, dass das Amt durch den Hartz-IV-Anspruch die Mietkosten der Familie übernehme, versichert Lehle. Somit müssen Vermieter keine Mietrückstände befürchten.

Doch auch hier gibt es Grenzen. »Wir bekommen eine Miete von etwa 1 100 Euro«, weiß Hijjo. In ihrer Verzweiflung sei sie schon bereit gewesen, aus der eigenen Tasche mehr zu zahlen. Das wiederum hätte den potenziellen Vermieter abgeschreckt. »Ich würde auch in ein Asylantenheim ziehen«, sagt sie. »Wir müssen ja irgendwohin.«

Die Nerven der Mutter liegen merklich blank. Selbst eine Jugendhelferin vom Jugendamt Tübingen, die die Hijjos betreut, hat erfolglos versucht, zwischen den Wohnungsgesellschaften und der Familie zu vermitteln, sagt die verzweifelte Mutter. Von den Wohnungsbaugesellschaften wurde sie immer wieder darauf verwiesen, dass der Wohnraum knapp und die Nachfrage nach Sozialwohnungen das jährliche Kontingent übersteige. Außerdem hätten Bewerber, die bereits in der entsprechenden Stadt wohnen oder arbeiten, Vorrang, erzählt die 40-Jährige.

»Eine barrierefreie Wohnung in dieser Größe habe wir nicht in unserem Bestand«, erklärt Jennifer Reents von der GWG Reutlingen das Problem. In der Heilbronner Straße in Reutlingen etwa gebe es zwar barrierefreie Wohnungen, diese seien aber zu klein.

Auch das Kreissozialamt Tübingen hat sich inzwischen eingeschaltet und will sich mit der Kreisbaugesellschaft in Verbindung setzen, um zu helfen. (GEA)

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