Studie - Trainingsmethoden zur Verbesserung der Körperzufriedenheit an der Uni Tübingen zeigen erste Erfolge

Es geht nicht ums Abnehmen

VON INES STÖHR

Symbolbild. Foto: Armin Weigel
Eine Studienteilnehmerin (links) im Gespräch mit Kerstin Krohmer. GEA-FOTO: ISTNicht die Waage soll den Verzicht auf Dickmacher diktieren. Er soll sich aus der Zufriedenheit mit dem Körper ergeben. FOTO: FOTOLIA
TÜBINGEN. »Als ich mich das erste Mal in Unterwäsche im Spiegel gesehen hab – das war schon hart und schwer zu ertragen.« Den Ganzkörperspiegel zu Hause hat Anna Maier (Name von der Redaktion geändert) gemieden. Erst nach dem Ankleiden warf sie täglich einen kurzen Blick hinein, um zu kontrollieren, ob das Outfit in Ordnung ist. Über das Training zur Körperzufriedenheit an der Uni Tübingen hat die 58-Jährige in den vergangenen Monaten gelernt, ihren 113 Kilogramm schweren Körper auch positiv zu sehen.

Im Mitteilungsblatt ihrer Krankenkasse hat sie vor einem knappen halben Jahr von der Studie am Psychologischen Institut der Uni über Essstörungen gelesen. »Ich war schon skeptisch und hab mich gefragt, wie das funktionieren soll«, gesteht die Mössingerin ihre anfängliche Skepsis. Ziel der Therapie ist es, eine realistische Einstellung zum eigenen Körper zu entwickeln. Zu erkennen: Es gibt Stellen, die gefallen mir nicht, aber andere sind schön.

»So, wie ich aussehe, das ist mein Leben« §§ Das Training beginnt mit einer Befragung der Teilnehmer zu ihrem Körpergefühl, ihrem Alltag, ihren Essgewohnheiten. Dann folgt die Betrachtung von Bildern von sich selbst im Vergleich zu anderen, und schließlich die genaue Inspektion des eigenen Körpers, die Beschreibung jedes einzelnen Teils. Es kam darauf an, auch Positives zu sehen, erklärt Kerstin Krohmer, die die Studie zusammen mit den Wissenschaftlerinnen Julia Baur und Sophia Press unter der Leitung von Professor Jennifer Svaldi durchführt.

Sich nicht nur auf die Problemzonen zu konzentrieren – das fällt am Anfang sehr schwer, bestätigt Maier. »Der Kopf passt, aber der Rest war in meinen Augen nicht schön.« Bei der zweiten Sitzung war es nicht mehr ganz so schlimm, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen.

Und schließlich wurde ihr klar: »So, wie ich aussehe, das ist mein Leben.« Maier arbeitet in der Altenpflege und muss oft schwer heben. Sie hat fünf Kinder und ist die Alleinverdienerin der Familie. Auf ihren Schultern liege eine große Last, da brauche es den massigen Körper als eine Art Schutz, um das aushalten zu können. »Von da an ist es mir leichter gefallen, auch etwas Positives über meinen Körper zu sagen und kann jetzt gut damit leben«, sagt Maier. »Das hätte ich nie erwartet, nicht in der kurzen Zeit. Früher habe ich nur hässliche Dicke gesehen. Das ist jetzt auch anders.« Essen ist nicht mehr das Wichtigste. Und der Heißhunger vor allem auf Süßigkeiten ist nicht mehr so häufig und nicht mehr so heftig wie vor dem Training.

Abzunehmen sei nicht das Ziel gewesen. Ihr gehe es eher darum, ihr jetziges Gewicht zu halten. Ihr Höchstgewicht lag bei 125 Kilo. Nach dem zweiten Kind habe sie nicht mehr geschafft, auf ihr Normalgewicht zu komme, erzählt die Mössingerin. Sie habe viele Diäten ausprobiert und jedes Mal unter dem Jojo-Effekt gelitten. »Und irgendwann verliert man dann die Lust.« Sie habe auch versucht, gar nichts Süßes mehr zu kaufen, aber dann wurde das Verlangen nach Schokolade übermächtig.

»Die Lebensgeschichte spielt eine große Rolle bei einer Essstörung«, sagt Julia Baur. Das Training, das bei Magersucht und Bulimie-Patienten bereits erfolgreich angewendet wird, galt eigentlich Betroffenen einer Binge-Eating-Störung, das heißt Menschen, die unter unkontrollierten Essattacken leiden. Übergewichtige Teilnehmer wie Anna Maier waren ursprünglich als Kontrollgruppe gedacht. Doch auch diese profitieren von dem Training, da die Körperunzufriedenheit auch bei der Beibehaltung von Übergewicht eine Rolle spielt.

In beiden Gruppen wird das Frustessen zum Problem. »Und wenn man dann schon mal angefangen hat, ist es auch egal«, hat Baur aus den Gesprächen mit den Studienteilnehmern erfahren.

§§ »Die Lebensgeschichte spielt eine große Rolle bei Essstörungen«
 
Die Unzufriedenheit mit dem Körper kennen aber auch die meisten Normalgewichtigen, weiß Sophia Press. »Das können sich Menschen mit Essstörungen oft gar nicht vorstellen.« Woher kommt die Unzufriedenheit? Das Äußere hat einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Die Bewertung durch andere, oft schon sehr früh, unter anderem durch die Mutter, spielt eine große Rolle. Abweichungen vom gesellschaftlich diktierten Idealbild resultieren oft in einem niedrigen Selbstwertgefühl. »Viel spielt sich im Kopf ab«, sagt Krohmer. Weshalb das Training auch die Einstellung betrifft. »Man legt viel strengere Maßstäbe an sich selbst, als an andere«, ergänzt Baur.

Es gibt aber auch Teilnehmer, die nach dem Training abgenommen haben. Bisher beteiligen sich 40 Übergewichtige und 30 Patienten mit einer Binge-Eating-Störung an der Studie. Die Trainingsphase dauert ein bis zwei Monate mit insgesamt vier Sitzungen. Nach einer dreimonatigen Pause gibt es ein Abschlussgespräch.

In den Sitzungen werden die Teilnehmer mit ihrem Spiegelbild konfrontiert. »Wie in einer klassischen Angsttherapie werden sie der negativen Situation ausgesetzt«, erklärt Press. Ziel ist es, sich dann nicht auf die Problemzonen wie Bauch und Oberschenkel zu fixieren. »Da schaut man lange hin und nimmt andere Körperteile gar nicht wahr.«

Die Erfahrung, bei einer Ganzkörperbetrachtung aber auch schöne Körperteile zu entdecken, ist oftmals neu. »Viele Probanden haben schon lange keinen Blick mehr auf sich selbst geworfen«, sagt Sophia Press. Und sind überrascht, dass der Bauchumfang geringer ist, als erwartet. (GEA)


TEILNEHMER GESUCHT


Betroffene, die sich für die kostenlose Teilnahme am Training interessieren, können sich telefonisch oder per Mail bei Kerstin Krohmer melden. (GEA)

koerperbild@psycho.uni-tuebingen.de

0 70 71/2 97 50 25

www.uni-tuebingen.de/de/56168



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