Nothilfe - Der Tübinger Chirurg Bernd Domres war in Pakistan. Sein Team konnte 1 200 Menschen helfen
Eine stille Katastrophe
Von Matthias Ernst
TÜBINGEN. Sein Vorbild ist Albert Schweitzer. Der war mit 90 Jahren noch aktiv, wieso sollte also Bernd Domres mit 72 Jahren in den Ruhestand gehen? Der emeritierte Tübinger Chirurgie-Professor mit dem Spezialgebiet der Katastrophenmedizin hat sich früh mit dem »Virus« des Helfens infiziert.
Als das Ausmaß der Flutkatastrophe in Pakistan Anfang August absehbar wurde, war es für Katastrophenmediziner Bernd Domres selbstverständlich, dass er nach Pakistan ausrücken würde. FOTO: PR
Als das Ausmaß der Flutkatastrophe in Pakistan Anfang August absehbar wurde, war es für ihn deshalb selbstverständlich, dass er wieder ausrücken würde. Mit Verstärkung - Medizinstudent Ferdinand Hofer, Notfallmediziner Rashid Al Badi und einem großen Paket Medikamente - brach er am 3. August nach Pakistan auf.
Am Dienstag kehrte das Team nach neun Einsatztagen nach Tübingen zurück und berichtet von einer »stillen Katastrophe«. Bezeichnend war schon die Ankunft in der Stadt Peschawar. Hier waren die Folgen der Überflutung durch Monsunregen und Schmelzwasser aus den Bergen kaum spürbar, in der Stadt herrschte »wuseliges« Leben - von Aufregung und Hilfstransporten kaum eine Spur.
Sprechstunde in der Highschool
Einige Kilometer weiter sind plötzlich auf dem Mittelstreifen eines Motorways auf zehn Kilometer Länge Zelte und Planen aufgespannt, in denen Tausende von Flüchtlingen Unterschlupf suchen. In den ersten Tagen müssen die Obdachlosen ohne jede Versorgung auskommen, nicht einmal trinkbares Wasser gibt es. Die meist aus Lehm gebauten Gebäude in der Umgebung sind zerstört, das Vieh tot und Weide- und Anbaugrund absolut unzugänglich. Die hygienischen Zustände sind katastrophal - für die unterernährten Menschen kann schon eine Durchfallerkrankung tödlich sein.
Das Hilfsteam konnte hier aber nicht helfen. Alle Helfergruppen werden von der deutschen Bundesregierung in Zusammenarbeit mit den pakistanischen Behörden einem Einsatzgebiet zugeteilt. Das Team von Bernd Domres, das im Auftrag der Organisation Humedica und dem Institut für Katastrophenmedizin unterwegs war, wurde in den Distrikt Charsadda geschickt und dort in der »Highschool Nr. 1« untergebracht. Dort boten die Ärzte Domres und Al Badi eine Sprechstunde an, sowohl für die ebenfalls in der Schule untergebrachten Flüchtlinge als auch für Menschen aus der weiteren Umgebung. Medizinstudent Hofer übernahm die Apotheke und legte Verbände an. Im Schnitt behandelte das Team mit Hilfe von Einheimischen, die als Übersetzer fungierten, 125 Menschen pro Tag. Häufig waren darunter Patienten mit Atemwegserkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen mit Durchfall, Hautkrankheiten und -verletzungen sowie Gelenk- und Muskelbeschwerden durch die Anstrengungen der Flucht.
Ohne Hilfe keine Hoffnung
Die Situation ist anders als bei Domres' Einsatz in Haiti mit einer großen Zahl von Schwerverletzten, denen manchmal nur noch mit Amputationen geholfen werden konnte. Nach Dutzenden von humanitären Einsätzen in Krisengebieten hat der Arzt einen Blick für so etwas. Seitdem er 1975 in seinem Urlaub den Chefarzt des Sacred-Heart-Hospitals in Nigeria vertreten und dort das Operieren unter schwierigsten Bedingungen gelernt hat, war er immer wieder Katastrophenhelfer: in Algerien, Armenien, Iran bis hin zu den diesjährigen Erdbeben-Katastrophen in Haiti und Chile. Domres warnt davor zu glauben, dass die Folgen der Pakistan-Flut insgesamt weniger schlimm wären als die des Haiti-Erdbebens. Im Gegenteil: Die schlimmsten Konsequenzen stehen noch aus. Die hygienisch unterversorgten und mangelernährten Menschen sind anfällig für Epidemien. Da die diesjährige Ernte weitgehend ausfallen dürfte, wird sich die Situation weiter drastisch verschlechtern. Hilfe in Form von Spenden ist also dringend nötig. Domres betont, niemand müsse Angst haben, dass das Geld in die falschen Hände gerät. (mce)
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