Geschichte - Neue Wechselausstellung im Schloss widmet sich dem Käsperle und seinen historischen Wurzeln

Die Seele des Vogts spukt weiter

VON CLAUDIA HAILFINGER

GOMARINGEN. Disketten lösen sich in Luft auf, Unterlagen gehen verloren, das Formatieren der Eröffnungsrede klappt einfach nicht – für Zunftmeister Dietmar Rau ein klarer Fall: Das Käsperle hat wieder zugeschlagen. Und die bis dato ungläubige Ausstellungsmacherin Birgit Walliser-Nuber eines Besseren belehrt: Das Käsperle spukt noch immer.

GEA-FOTO: HAILFINGER
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Dass die Sagengestalt und Fasnetfigur mehr als ein Mythos ist, weiß die Kulturwissenschaftlerin sehr wohl. Sie geht zurück auf Christoph Tobias Kaspar, der von 1695 bis 1710 Vogt im Wiesaztal und beim Volk äußerst unbeliebt war, ließ er die damals 700 Gomaringer doch für sich schuften und nahm ihnen die Wiesen weg. Für diese Taten, so nun die Sage, wurde er nach seinem Tod zum »geistweis gehen« verdammt und spukte fortan im Unnot-Hof, seinem ehemaligen Viehhaus im Gewann Auchtert, trieb Schabernack und Streiche.

Heß Zeuge des Treibens

Eine weiße Zipfelmütze, Schnallenschuhe und Kniebundhosen soll er dabei getragen haben. Nach diesem Vorbild hat die Gomaringer Narrenzunft 1994 dann auch ihr Käsperle erschaffen. Zum 20-jährigen Bestehen, so befanden die Narren, wäre es Zeit für eine Ausstellung. »Das hat uns gezwungen, uns noch stärker mit unserer eigenen Geschichte zu beschäftigen«, erklärte Willi Kemmler, Vorsitzender des Geschichts- und Altertumsvereins bei der Eröffnung der Schau »Dem (Gomaringer) Käsperle auf der Spur« am Dienstagabend.

Die 38. Wechselausstellung im Gustav-Schwab-Museum zeigt Zeugnisse aus der Zeit, als Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg die Vögte zum Geldeintreiben aussandte, in Gomaringen mit einer 1 000 Schafe starken Herde eindrang und Vogt Kaspar im Gomaringer Schlosshof den Turm einreißen ließ. Auch geklärt wird die Frage, warum ein Kaspar eigentlich käspert.

Im Zimmer nebenan wird manch Geheimnis um die fröhliche Fasnetfigur »Käsperle«, mit der die Gomaringer Sage ins Land hinaus getragen wird, gelüftet. Etwa die um die Entstehung der markanten Holzmaske oder dem Inhalt des prall gefüllten Käsperle-Sacks. »In langem Brainstorming haben wir die Frage geklärt: ›Warum bin ich ein Käsperle und keine Hexe‹«, lässt Oberkäsperle Rau zudem augenzwinkernd wissen. Die Tatsache, dass uns noch sage und schreibe 209 Tage von der nächsten tollen Zeit trennen, mag manch Feiergewilltem beim Blick auf die kunterbunt bestückten Glasvitrinen die Tränen in die Augen treiben. Mit Engelsgeduld, so berichtet Rau, hat Walliser-Nuber die Schau zusammengetragen. Manch »habt ihr nicht noch ...« oder »so was wäre auch gut ...« habe die Narren dabei ziemlich ins Schwitzen gebracht.

Nicht nur Bürgermeister Heß, der alljährlich vom Käsperle in seinem Rathaus heimgesucht wird, weiß, dass dieses wohl auch weiterhin sein Unwesen in Gomaringen treiben wird. »Die Seele des Vogts wird niemals Ruhe finden«, davon ist jetzt auch Walliser-Nuber überzeugt. Da hilft auch kein noch so lautes »Käsperle sei still«. (GEA)



ÖFFNUNGSZEITEN

Die 38. Wechselausstellung im Schloss, die der Gomaringer Geschichts- und Altertumsverein dieses Mal zusammen mit der Narrenzunft Käsperle auf die Beine gestellt hat, kann jeden Sonntag von 13 bis 17 Uhr besichtigt werden. Auch das Thema für die 39. Wechselausstellung im Juli steht schon fest, wie Willi Kemmler vom Geschichtsverein verraten hat: Sie wird sich auf die Spuren von Gomaringer Aussiedlern begeben. (hai)
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