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03.01.2018

Natur - Immergrüne Heilpflanze, Glücksbringer, Futterpflanze und Energieräuber

Tübingen

Die Mistel bereitet Sorgen: Gefährliche Baumsauger

GOMARINGEN. Früher wurden sie zu Weihnachten teuer aus Frankreich importiert: Denn nach angelsächsischem Brauch war dem Paar, das sich unterm Mistelzweig küsste, der Zauber lebenslanger Liebe vergönnt. Doch gerade jetzt im Winter wirken die dunklen Kugeln in den Baumkronen eher bedrohlich.

Mistelnester in einer Pappelkrone. Birnbäume hingegen trifft es äußerst selten.
Wie die Obstfachberater der anderen Landkreise im Streuobstparadies beschäftigt sich auch Joachim Löckelt in Tübingen seit drei Jahren mit der Pflanze zwischen Himmel und Erde. Die Obstfachwarte aus Gomaringen, Kiebingen und Kirchentellinsfurt hatten Alarm geschlagen, die Mistel geriet in den Obstwiesen zur Plage. Der ganze Kreis Tübingen litt darunter; auch Buchbach und Auchtert in Gomaringen waren stark befallen.

Das Problem trat nicht plötzlich auf. Über Jahrzehnte konnte sich die Mistel ziemlich unbeachtet etablieren, wurde geschätzt und geehrt. Der Halbschmarotzer kann in seinen Blättern Fotosynthese selbst betreiben, wurzelt aber tief in den Ästen des Wirtsbaumes und zapft dessen Wasserleitungen an.

Je nach Zuordnung sind zwischen 400 und über 1 400 Arten bekannt, darunter bei uns die Laubholz-Mistel, die gern weit oben auf Pappeln und Weiden siedelt. Verbreitet wird sie durch Vögel wie die Mistel- und die Wacholderdrossel, die Mönchsgrasmücke und den Seidenschwanz - gern auch in die Kronen benachbarter Apfelbäume. Die zunehmend milderen Winter kommen nicht nur der Mistel entgegen, die gemäßigte Zonen schätzt. Auch Zugvögel bleiben länger hier, fressen mehr von den winterreifen Mistelbeeren, verbreiten mit ihrem Kot oder über ihre Schnäbel mehr von den klebrigen Samen.

»Eine Mistel alleine bringt den Baum noch nicht um«
 

Die weißbeerige Mistel hat einen angestammten Platz in der europäischen Kulturgeschichte. Mit dem Leim aus den klebrigen Früchten der Eichenmistel wurden früher in ganz Europa Vögel gefangen. Der moderne Begriff »Viskosität« hängt mit ihrem lateinischen Gattungsnamen »Viscum« = Leim zusammen; ihr deutscher Name eng mit »Mist«, Vogelmist in diesem Fall.

Der immergrüne Strauch spielt bereits in der nordischen Mythologie um den Licht- und Vegetationsgott Baldur eine wichtige Rolle, Germanen schnitten Mistelzweige als Glücksbringer zur Wintersonnwende, in Skandinavien besiegelten sie Friedensgespräche und noch heute sind Misteln beliebte Motive auf Weihnachts- und Neujahrskarten.

Am bekanntesten ist sicher ihre Heilpflanzen-Karriere: Schon der römische Gelehrte Plinius nennt die hohe Wertschätzung der keltischen Druiden für die weißbeerige Mistel. So wurde sie auch Generationen von Asterix-Lesern bekannt. Den antiken Griechen half sie als Mittel gegen Gift, vom Mittelalter bis in die Neuzeit als Mittel gegen Epilepsie und Schwindelanfälle, wie auch Sebastian Kneipp sie als Mittel gegen Fallsucht pries. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts setzt die Alternativmedizin die Mistel in der Krebstherapie ein.

Als Krebsgeschwür wird aber mittlerweile die Mistel selbst empfunden: Seit den 1960er Jahren scheint sie sich im Streuobstbestand exponentiell zu vermehren. Gleichzeitig, hat Löckelt beobachtet, ging aber auch die regelmäßige Obstbaumpflege zurück. Das Gleichgewicht ist heute am Kippen: »Eine Mistel bringt den Baum noch nicht um.« Aber abhängig von seiner Vitalität könne es auch zu viel werden, was die Mistel an Wasser und Nährstoffen entzieht.

Ein Teufelskreislauf: Je geschwächter die Obstbäume, desto anfälliger werden sie auch für Krankheiten. »Wir müssen abwägen«, sagt Löckelt. Sollen die Bäume als Ertrags- und Kulturbäume erhalten werden, ist klar: Die Mistel muss weg. Sind Bäume sowieso schon überaltert und zu sehr befallen und geschwächt, lässt man die Misteln. Denn auch diese Bäume haben als Habitate ihre Berechtigung.

In Gomaringen waren vor allem die Streuobstanlagen im Buchbach und im Auchtert gefährdet; aus den umstehenden Weiden und Pappeln wurde der Befallsdruck immer stärker. Die Buchbach-Pappeln sind inzwischen gefällt. Vor allem 2017 wurden die Schnittmaßnahmen intensiviert; auch Günter Letz vom OGV Gomaringen war in den letzten Wochen viele Stunden mit der Säge unterwegs. Rund 510 Streuobstbäume gehören der Gemeinde, 288 davon im Buchbach. Der Mistelbefall dort ist nun größtenteils gebändigt, denn allein im Dezember schnitt Letz mit anderen Fachwarten gut 50 Bäume. Knapp 30 kommen im März noch dazu. Und Stockacher Obstbäume: »Da sehen viele katastrophal aus«.

»Rahmenbedingungen wie den Klimawandel können wir nicht ändern«
 

In einem Mistelschnittkurs erklärte Joachim Löckelt im Buchbach kürzlich die Biologie der Mistel und den fachgerechten Schnitt. Eigentlich sei nichts Besonderes zu beachten: »Es gelten die Regeln des normalen Baumpflegeschnitts.« Das Kronengerüst muss also erhalten bleiben, im Feinastbereich können die Wucherungen mitsamt dem Ast weggeschnitten werden. Das geht von der Leiter oder vom Boden aus mit der Stangensäge und - vorsichtig - mit dem Hochentaster.

Sind der Stamm und wichtige, starke Äste befallen, werden die Büschel astparallel gekappt. Im gefrorenen Zustand lassen sie sich auch einfach wegschlagen. Je stärker diese Mistel war, desto schneller regeneriert sie sich allerdings. Die kleinen Triebe sollten immer beseitigt werden, denn die kann der Baum leichter überwallen und einkapseln.

Der Erhalt der Baumwiesen wird künftig mehr Aufmerksamkeit und Aufwand einfordern, denn der Infektionsdruck bleibt. »Wir können nicht alle Quellen ausrotten«, betont Löckelt. »Und die Rahmenbedingungen - wie den Klimawandel - können wir auch nicht ändern.« Am stärksten ist der Apfel betroffen, darunter Sorten wie Roter Ziegler, Luikenapfel und Spätblühender Taffetapfel. Recht robust scheinen hingegen Boskoop, Brettacher und Gewürzluike. »Ganz schwer zu sagen, warum das so ist«.

Birnen trifft es äußerst selten. Vielleicht können sie sich besonders gut abschotten? Auch Zwetschge, Kirsche oder Mirabelle scheinen nicht gefährdet. Liegt es an einer glatteren Rinde? Werden sie weniger von den verbreitenden Vögeln angeflogen? Oder ist das Holz härter? Löckelt wundert sich; Robinie und Eiche seien doch auch befallen.

Auf jeden Fall haben Apfelbäume gute Chancen gegen die Mistel, wenn sie vital sind. Und die Vitalität lässt sich durch einen fachgerechten Schnitt stark beeinflussen. Als regelmäßige Maßnahme gehört der ohnehin zum Überlebenskonzept der Streuobstwiesen, darin sind sich alle Streuobstexperten einig. (GEA)

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