Tübingen
Medizinstudium - In der Uniklinik diskutierten Politiker und Ärztevertreter über Reformen

Der Arztberuf im Schweinezyklus

Von Arnfried Lenschow

TÜBINGEN. Einer der sichersten Wege, sich ein Magengeschwür zuzuziehen, dürfte die Beschäftigung mit Gesundheitspolitik sein. Alle sind sich gewöhnlich einig, dass etwas passieren muss. Doch was, ist eben die Frage.

 Forderte Änderungen beim Medizinstudium: Dr. Frank-Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer. FOTO: AL
Forderte Änderungen beim Medizinstudium: Dr. Frank-Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer. FOTO: AL
Die wurde auch gestern beim vom Thieme-Verlag ausgerichteten Symposium »Medizinstudium 2.0« in der Tübinger Uni-Kinderklinik nur teilweise beantwortet. Die eigentlich geplante Diskussion zwischen beiden Seiten fiel aus, da einige Referenten ihren Zeitrahmen deutlich überschritten.

Die Tübinger CDU-Bundestagsabgeordnete Annette Widmann-Mauz, zugleich parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit, sprach statt geplanter zehn Minuten mehr als doppelt so lang. Sie beantwortete die selbst gestellte Frage, ob es Unterversorgung gibt oder nicht mit dem Hinweis, die Zahl der niedergelassenen Ärzte in den letzten Jahren sei um elf Prozent gestiegen, die der Klinikärzte gar um 20 Prozent. In 40 Prozent der Kreise gebe es Überversorgung, also 25 000 Kassenärzte zu viel.

Also doch kein Problem angesichts 5 000 unbesetzter Arztstellen? Was auch die Staatssekretärin nicht so stehen lassen wollte angesichts der Abwanderung von Ärzten ins Ausland oder in andere Berufsfelder. Honorarreform, stärkere Vereinbarkeit von Beruf und Familie angesichts der »Feminisierung« des Berufs nannte sie als Schlagworte. Am bundesweiten Staatsexamen will die Regierung festhalten. In der Ausbildung müssten aber die Kapazitäten erhöht werden, ein »unterstützendes Geldpaket« werde derzeit auf den Weg gebracht. Gegen Vergabe von Stipendien an diejenigen, die sich verpflichten, als Landarzt zu arbeiten, konnte sie nichts Verwerfliches finden.

Veränderungen mahnte dagegen der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, an, der sich die Planspiele der Regierung zur Brust nahm. »Die Zeiten der Ärztelandverschickung sind vorbei«, sagte er und bekam dafür Applaus. Montgomery sprach sich gegen Abschaffung des Numerus Clausus aus, über den 20 Prozent ins Medizinstudium kommen, wollte aber zugleich das »entwürdigende« Auswahlverfahren, über das sich 60 Prozent qualifizieren, abschaffen zugunsten von professionellen Assessment-Centern mit externen Profis.

Die Lehre stärken

Ein großes Anliegen ist ihm, die Lehre zu stärken, Studenten früher mit der Praxis zu konfrontieren und dass das praktische Jahr bezahlt wird. Man müsse die Arbeitsbedingungen verbessern, so wie es die neue Generation will, forderte Montgomery auch mit Blick auf jene, die zwar ihren Abschluss machen, aber dann in anderen Feldern arbeiten. In den nächsten fünf Jahren würden 62 000 Ärzte das 65. Lebensjahr erreichen. Es gebe einen Bedarf für 30 000 Ärzte, so Montgomery, der selbstkritisch einräumte, noch vor 15 Jahren prophezeit zu haben, dass 50 000 bis 60 000 Ärzte jetzt arbeitslos wären.

Rüdiger Strehl, bis vor einem Jahr kaufmännischer Direktor des Klinikums und nun Generalsekretär der Universitätsklinika Deutschlands, führte solche Fehleinschätzung auf den sogenannten Schweinezyklus zurück, der auch für Ärzte gilt. Dieser Begriff aus der Wirtschaft besagt, dass die Preise hoch sind, wenn es nur wenig Schweine gibt, was logischerweise dazu führt, dass mehr Schweine aufgezogen werden und die Preise so weit fallen, bis es sich nicht mehr lohnt, dann aber wieder Knappheit einsetzt mit höheren Preisen. Strehl kritisierte die Überfrachtung mit zu vielen Fächern und die Forcierung auf Exzellenz, was Lehre nicht attraktiv macht.

Felix Bernhard, Vizepräsident der Bundesvertretung der Medizinstudierenden und der Einzige, der sich an sein Zeitbudget hielt, forderte die schriftliche Prüfung fürs zweite Staatsexamen vor das praktische Jahr zu legen, das auch vergütet werden soll. Die Motivation würde es auch heben, wenn man im praktischen Jahr unter Anleitung mehr Verantwortung übernehmen dürfe. »Davon profitiert auch die Klinik durch Entlastung der Assistenzärzte.« (GEA)


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