Tübingen
Zehn Jahre Abi - Er war der Einzige seines Jahrgangs, der vom Höhnisch zur Bundeswehr ging: Simon Fauser

Denkpause in der Kaserne

Von Philipp Förder

GOMARINGEN/DUSSLINGEN. Am Ende fehlt ein Punkt. Ein Pünktchen. Im Mündlichen sammelt er in Geschichte 14 Punkte ein, mit 15 hätte es gereicht. »Ich hab?s in Mathe verbockt. Da war ich sonst besser. Aber darüber rege ich mich heute nicht mehr auf.« Simon Fauser lacht, wenn er erzählt, wie das damals gelaufen ist bei den ersten Abitur-Prüfungen im gerade einmal neun Jahre alten Karl-von-Frisch-Gymnasium.

Früher saß Simon Fauser oft in Sportklamotten auf den Steinen vor der Schule. Heute trägt er meistens Anzug.
Früher saß Simon Fauser oft in Sportklamotten auf den Steinen vor der Schule. Heute trägt er meistens Anzug. FOTO: Uschi Pacher
Verbockt? Alles relativ. Das eine Pünktchen, das gefehlt hat, hätte seinen Abi-Schnitt von 1,4 auf 1,3 gehoben, an seinem Leben nach der Schule aber wohl nicht viel geändert. »Berater und Wissenschaftler« beschreibt er seinen Beruf »so deutsch wie möglich«. Er unterrichtet BWL an den Hochschulen in Heilbronn und Reutlingen, er berät kleine und mittelständische Unternehmen, vermittelt Kapital, arbeitet Businesspläne aus, bewertet Patente.
Marktabschätzung, Marktanalyse ? die Schwerpunkte des Ein-Mann-Betriebs Simon Fauser. »Die selbstständige Arbeitsweise liegt mir«, sagt er. »Etwas selbst machen zu können, das ist mir wichtig, auch wenn es nicht der einfachste Weg ist.«

Der einfachste Weg hätte ihn in ein Unternehmen geführt. BWL-Bachelor in Karlsruhe, Master an der ESB Reutlingen, Promotion an der katholischen Uni in Mailand über ökonometrische Arbeitsmodelle, Auslandssemester in Sydney, Praktikum in Südafrika bei Siemens, Abschlussarbeit bei Porsche ? die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Aber Simon Fauser will es anders. Im Ausland quartiert er sich nie im Studentenwohnheim ein, sucht sich »wegen der Sprache« immer selbst ein Zimmer bei Einheimischen.

Als Einziger seines Jahrgangs geht er zur Bundeswehr: W 10. Zwei Monate Grundausbildung, im November und Dezember in Stetten am kalten Markt. Danach landet der Dußlinger, der seit vier Jahren in Gomaringen wohnt, für acht Monate an der Schule für Feldjäger und Stabsdienst in Sonthofen.

Hier hätte er, der neben Mathe noch Sport als Leistungskurs gewählt hat, seine Zeit mit der Betreuung der Sportsoldaten verbringen können. Wieder wählt er einen anderen Weg, tauscht mit einem Kumpel, um in den IT-Bereich zu kommen, Server einzurichten und Kabel zu verlegen. Schließlich hat er eine Zusage für einen Studienplatz in Reutlingen für Wirtschaftsinformatik.

Sicher ist er sich aber nicht. Während der Schulzeit verschwendet er keinen Gedanken an später. Erst die Zeit bei der Bundeswehr wird ausschlaggebend für die Berufsfindung. Am Ende entscheidet er sich für BWL in Karlsruhe. »Ich habe gespürt, dass ich lieber mit Menschen arbeite als mit Computern.« Die zehn Monate in der Kaserne sind eine Denkpause im doppelten Sinn: »Nach der Bundeswehr hatte ich so weit abgeschaltet, dass ich wieder richtig Lust zum Lernen hatte.«

Der Schule ist er immer noch verbunden. Zusammen mit seinen Abi-Jahrgängerinnen Katrin Wuchter und Claudia Klett managt er Symbiz, einen Zusammenschluss von Ehemaligen des Karl-von-Frisch-Gymnasiums. Alle zwei Jahre organisieren sie einen Studien- und Berufsinformationstag für ihre Nachfolger. Sein Beispiel, findet Simon Fauser, soll nicht unbedingt Schule machen: »Heute muss man sich früher Gedanken darüber machen, wie es nach der Schule weitergehen soll. Alles hat einen viel längeren Vorlauf.«

Symbiz oder die Dußlinger CVJM-Handballer, die er trainiert: Sich für andere zu engagieren, das hat Simon Fauser neben der Hochschulzugangsberechtigung von der Schule mitgenommen. Die Abi-Zeit selbst war für ihn nicht schlimm: »In der Oberstufe habe ich die ganze Zeit gedacht: Ich habe einen Halbtagsjob, und andere müssen den ganzen Tag arbeiten.«

Zwei Tage nach dem Abi muss er ins Krankenhaus und einen Kreuzbandriss operieren lassen. Dort wird ihm bewusst, dass die Schulzeit vorbei ist. Das nimmt er mit etwas Wehmut wahr: »Je älter ich wurde, desto mehr habe ich die Schule gemocht.« (GEA)

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