Medien - Was geschieht wirklich bei Casting-Shows? Tübinger Studierende haben Insider interviewt
Das Geschäft mit der Naivität
Von Joachim Kreibich
TÜBINGEN. Casting-Shows machen Quote auf allen Kanälen. Kandidaten hoffen auf die Traum-Karriere vor einem Millionen-Publikum. Bei einem Seminar von Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und Journalist Wolfgang Krischke an der Uni Tübingen haben sich zwei Dutzend Studierende mit dem schönen Schein und der schnöden Wirklichkeit auseinandergesetzt.
Junge Autorinnen: Jana Seifried, Alexandra Schaal und Kati Tinkner wissen, was sich bei Castings hinter den Kulissen abspielt.
FOTO: Ines Stöhr
Kati Trinkner (22), Jana Seifried (26) und Alexandra Schaal (24) beschrieben mit ihren Kollegen »das Geschäft mit der Naivität«.
Ernüchtert. Die Ausgangspunkte waren unterschiedlich. Die Eine war »Feuer und Flamme«, hat regelmäßig Casting-Shows geguckt und sich im Bekanntenkreis darüber ausgetauscht. Die Andere besitzt gar keinen Fernseher und kannte Reality-TV nur vom Hörensagen. Nach der intensiven Beschäftigung ist für alle klar: Casting-Shows und Reality-TV sind kein unschuldiger Spaß für Kandidaten und Zuschauer. Trinkner: »Ich krieg' da mittlerweile Aggressionen beim Zusehen.« Ihre jüngste Erfahrung, als sie beim Zappen hängenblieb: »Die ganze Zeit: Drama, Streit, Heulereien. Dabei hätte ich den Gesang hören wollen.«
Interviews. Um herauszufinden, was sich hinter den Kulissen der Casting-Shows abspielt, haben die Studierenden Strippenzieher, Kritiker, Produzenten, ehemalige Kandidaten, Moderatoren, Juroren und andere Insider befragt. Nicht alle Interviews wurden abgedruckt. In einigen Fällen haben die Auskunftgeber ihre Einwilligung zurückgezogen. Nachzulesen sind 26 Interviews mit Leuten wie Ex-Ministerpräsidentin Heide Simonis, Moderatorin Inka Bause, Komödiantin Anke Engelke, Rock-Musiker Markus Grimm, Model Fiona Erdmann, Medien-Anwalt Christian Schertz oder Schönheits-Chirurg Werner Mang.
Das geheime Drehbuch. Was in den Sendungen geschieht, wird nicht dem Zufall überlassen, sondern folgt gewissermaßen einem Drehbuch. »Das funktioniert wie eine griechische Tragödie«, lautet eine Erkenntnis der Studierenden. »Es gibt fixe Rollen, zum Beispiel den Schurken, die Zicke, den Helden, den Mädchenschwarm, das hässliche Entlein, die Weinerliche.« Erwünscht ist, dass die Leute ein schweres Schicksal erlitten haben: den Verlust von Vater oder Mutter, eine schwere Krankheit - oder unschuldig hinter Gittern saßen. »Die Produzenten haben eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was Quote bringt«, betont Schaal.
Träume. »'Jeder kann Promi werden', versprechen die Shows«, sagt Seifried. »In Wirklichkeit reicht es im besten Fall zu 15 Minuten Ruhm, wie Andy Warhol das einmal beschrieben hat.« Die meisten Kandidaten verschwinden gleich wieder von der Bildfläche. »Eine Ausnahme sind vielleicht die No Angels«, hat Trinkner festgestellt. Der Aufstieg zum Weltstar bleibt völlig illusorisch. »Über Deutschlands Grenzen reicht das sowieso nicht hinaus.«
Die Opfer. »Die wirklichen Verlierer sind die, die gewinnen«, hat Seifried beobachtet. »Erst werden sie ins Nirvana katapultiert. Und spätestens nach einem Jahr fallen sie ins Bodenlose.« Wer sich auf ein Casting einlässt, muss damit rechnen, bloßgestellt und getäuscht zu werden, berichten die Studierenden. Ein Beispiel: In einem Vor-Casting sei ein Kandidat zu Liegestützen aufgefordert worden. »In der Sendung ist das dann ganz anders dargestellt worden« - als Illustration, wie der Junge sich seinen ersten Geschlechtsverkehr vorstellt.
Knebelverträge. In Schriftstücken ist detailliert festgehalten, was Teilnehmer dürfen - von den Kleidervorschriften bis zum Handy-Verbot. Festgeschrieben ist auch die strikte Bindung an den jeweiligen Sender - damit niemand auf Wechsel-Gedanken kommt. Trinkner: »Verdienen tun die ziemlich wenig. Lukrativ ist das bloß für Sender und Produktionsfirmen.«
Die Spätfolgen. Nicht wenige Ex-Teilnehmer der Shows haben mit Mutlosigkeit, Lethargie oder Depressionen zu kämpfen. Mancher kommt über die öffentliche Demontage und das Scheitern nicht hinweg und kann sich im früheren Bekanntenkreis nicht mehr blicken lassen. »Lisa Loch ist jetzt noch in Behandlung«, erinnern die Studierenden an ein drastisches Beispiel. »Es wäre wichtig, die Leute danach aufzufangen und ihnen psychologische Betreuung zu bieten.« Im Übrigen: Richtige Promis haben Anwälte, die sie vor vielen Zumutungen schützen. »Casting-Kandidaten sind dem hilflos ausgeliefert.«
Die Grenzen. Sender rechtfertigen ihr Tun gern mit dem Hinweis, die Kandidaten hätten sich ja alle freiwillig gemeldet. »Denen ist aber nicht klar, worauf sie sich einlassen«, sagen die Studierenden. Solange es Quote bringt und die Landesmedienanstalten nicht einschreiten, werde sich kaum etwas bessern - eher im Gegenteil.
Selbstversuch. Kommt nicht in Frage, sind sich die Studierenden einig. »Es gibt genügend 'Casting-Situationen' im Leben«, sagt Seifried, ob bei der Jobsuche oder der Bewerbung in einer Wohngemeinschaft: »Ich würde mich nicht in so einer Situation vor die Kamera stellen.« Trinkner nickt: »Ich würde auch nie einen Vertrag unterschreiben, der mich so einschränkt.« Schaal: »Das wird man auch nie wieder los.«
Die Casting-Gesellschaft
Bernhard Pörksen/Wolfgang Krischke (Hrsg.): "Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien." Herbert von Harlem Verlag. 346 Seiten, 18 Euro. (a)