Landtagswahl - CDU-Kandidatin Lisa Federle setzt vor allem auf soziale Themen. Und auf ihren Bekanntheitsgrad

Bunter Vogel im grünen Nest

VON BRIGITTE GISEL

TÜBINGEN. Merkel war da. Mappus auch. Ebenso Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und EU-Kommisar Günther Oettinger und die Landes-Prominenz der CDU sowieso.

Gestatten, Lisa. Lisa Federle wirbt in Tübingen nur mit ihrem Vornamen. In der Region gibt's auch Wahlplakate mit Bild.
Gestatten, Lisa. Lisa Federle wirbt in Tübingen nur mit ihrem Vornamen. In der Region gibt's auch Wahlplakate mit Bild. FOTO: Uschi Pacher
Im Wahlkreis 62 waren viele Promis die letzten Wochen im Einsatz für »Lisa«. Lisa Federle, die vor zwei Jahren ohne CDU-Parteibuch in Gemeinderat und Kreistag als Tübinger Stimmen-Königin in die Politik einzog, soll nun als Nachfolgerin von Monika Bormann gegen die Grünen das Landtagsmandat für die CDU retten. Federles Person ist Programm. Schlicht »Lisa« steht auf den Buttons, die sie im Wahlkampf verteilt, »Lisa - Mitten im Leben«, oder »Lisa - Immer im Einsatz« auf den Postern, die in Tübingen hängen. Das reicht, weil »Lisa« ohnehin mit der halben Stadt per Du ist. Im Rest des Wahlkreises hat die CDU vorsichtshalber Plakate mit Bild aufgehängt.

Lisa Federle steht für das, was bei Politstrategen urbaner neuer Konservatismus heißt. Statt der klassischen Karriere ein bunter Lebenswege-Mix: Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, überwiegend alleinerziehende Mutter von vier Kindern, Medizinstudium, Kneipenwirtin, Notärztin, Politikerin.

Polit-Routinier ist sie noch nicht. Was auf einer Podiumsdiskussion durchaus mal zu Steilvorlagen für die Konkurrenz führen kann. »Wir brauchen mehr Schulsozialarbeit«, sagt Federle beim d.a.i.-Podium. Prima, kontert Rita Haller-Haid von der SPD. Nachdem die CDU im Land die Finanzierung der Schulsozialarbeit gestoppt habe, könne Federle sie mit ihr zusammen ja wieder einführen.

Sie punktet, wenn sie politische Begriffe mit Leben füllen kann. Diskriminierung? »Wenn ich als Notärztin in eine türkische Familie komme und mir der Mann erklären muss, dass seine Frau starke Regelschmerzen hat, weil die Frau kein Deutsch kann, dann ist das diskriminierend.« Sozialpolitik? Sie will eingreifen, wenn ein Elfjähriger morgens um zehn Uhr neben seiner betrunkenen Mutter liegt, statt zur Schule zu gehen. Genauso kämpft sie um 13-Jährige, die sich ins Koma saufen und für Alte, die sterben, während die Pflegeversicherung noch über ihre Einstufung nachdenkt. »Soziale Brennpunkte sehe ich in meinem Job früher als andere.«

Im schwarzen Milieu ist die frühere Sozialdemokratin schon lange gut vernetzt. Günther Oettinger hatte sie früh im Blick, der Tipp kam vom grünen Federle-Freund: »Rezzo Schlauch hat empfohlen, sie zu beraten, für die CDU zu kandidieren«, sagte der frühere Ministerpräsident kürzlich in Tübingen.

Oettinger und Trollinger

Ihr Wahlkampfstil ist für CDU-Verhältnisse unkonventionell. Zum Tübinger Medientermin mit EU-Kommissar Oettinger lud Federle in den »Boulanger«. In der Altstadtkneipe stand sie einst hinter dem Tresen, heute gehört ihr das Lokal. Oettinger erzählt, wie er als Ulmia-Fux in vollem Wix im »Boulanger« höllisch Ärger bekam und schwenkt nahtlos zu den Perspektiven einer europäischen Energieversorgung unter Einbeziehung Nordafrikas. Dann gibt's zum Wasser für alle noch »eine Flasche Trollinger, aber einen guten«.

Lisa Federle weiß, dass nicht alle in ihrer Partei ihren raschen Aufstieg und ihren Stil goutieren. Ihre Nominierung klappte erst im zweiten Anlauf und sorgte für ernste Zerwürfnisse zwischen den Partei-Lagern. Im Landtagswahlkampf erlebt sie nun zum ersten Mal auch Gegenwind. Ein Sturm der Entrüstung blies durch Tübingen, als sie in Rottenburg dem »grünen Nest« den Kampf ansagte. Genüsslich dokumentieren Grüne, wann sie in welcher Sitzung fehlt.

Die eigenen Reihen notieren Alleingänge. Am Vortag des Mappus-Besuchs hatte sie sich gegen das Universitätsmedizingesetz ausgesprochen - es heißt, der Ministerpräsident sei »not amused« gewesen.

Dabei ist sie in zentralen Fragen sehr wohl auf Kurs. Atomenergie? Ausstieg ja, aber erst die Energieversorgung auf europäischer Ebene gewährleisten. Ja zur Ganztagsschule, aber Wahlfreiheit für die Eltern. Auch das dreigliedrige Schulsystem will sie nicht antasten. »Wenn unsere Schulen schlecht wären, hätten wir nicht die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit.« G8? Aber klar, doch bitte Lehrpläne entrümpeln.

Beim Oettinger-Besuch im »grünen Nest« Tübingen spielten im Boulanger grüne Nester mit bunten Primeln auf die »Nest«-Debatte an. Spaß muss sein. »Ich will mich nicht verbiegen lassen«, sagt sie. Auch als Kandidatin sind die Röcke kurz, glitzern die Schuhe, weht die Mähne. Oettinger hält »Lisa« für ein Zugpferd. Seine Prognose für die Wahl: »41 Prozent für die CDU im Land, minus fünf für Tübingen, plus zwei für Lisa, macht 38 Prozent«. (GEA)



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