Zusammenleben - Die A.M.T. Group aus Syrien geht in Schulen und macht Workshops mit Kindern über deren Rechte

Brücken für gegenseitiges Verstehen

VON ARNFRIED LENSCHOW

TÜBINGEN. Wie die Welt verstehen, die sich so rapide wandelt? In Deutschland auch durch die Konfrontation mit anderen Kulturen, die hierher Geflüchtete aus ihrer Heimat mitbringen. Drei junge Syrer, die sich nach ihren Vornamen Aliaa, Mohamad und Tareg A.M.T. Group nennen, haben für sich einen Weg gefunden, wie sie zur Integration der Neuankömmlinge, die sie ja auch selbst sind, einen Beitrag leisten können. Sie machen Workshops in Schulen über Kinderrechte, deren Charta von 193 der 197 Staaten der Welt anerkannt wurde. Unterstützt werden sie dabei vom Verein Kultur GUT und vom baden-württembergischen Ministerium für Soziales und Integration. Im Landratsamt zogen sie jetzt Bilanz.

Beim gemeinsamen Reden, interaktiven Theaterspiel, Schreiben, Videos drehen zum Thema Kinderrechte versuchen die drei Syrer, mit den Kindern Brücken zu bauen für das gegenseitige Verstehen. Und sie hoffen dabei, dass die Kinder das, was sie in den Workshops über Grundrechte lernen, auch an ihre Eltern weitergeben. Ein Weg der Vermittlung von Wissen, der den gewohnten von Erwachsenen zu Kindern umkehrt.

Was den Kindern wichtig ist

In den Workshops zeigen sich dabei die unterschiedlichen Welten, in denen die Kinder leben. Die Workshop-Leiter machten die Erfahrung, dass deutsche Schüler bei den Kinderrechten besonders interessiert waren am Recht auf Freizeit und Spiel, offensichtlich eine Reaktion der Kinder auf ihr verplantes Leben nicht nur in der Schule. Für andere Kinder aus unterschiedlichen Herkunftsländern, die etwa die Erfahrung des Krieges gemacht haben, waren Sicherheit und Gesundheit am wichtigsten, oder das Recht, in die Schule gehen zu können und nicht arbeiten zu müssen.

Die Seelenlage all dieser Kinder ließ sich auf den Wandzeitungen erschließen, die im Landratsamt ausgehängt waren. Bisher hat die A.M.T. Group Workshops für Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren gemacht. Workshops mit älteren Kindern bis sechzehn Jahren, so die Idee, sollen dazu kommen. Jugendliche, mit denen die Auseinandersetzung über Integration intensiviert werden könnte. Dania Al-Masri, 17 Jahre alt, arabischer Herkunft und hier aufgewachsen, gibt einen Vorgeschmack, empfiehlt, sich überall einzubringen, auf die Leute zuzugehen. Die junge Clara sagt, Integration könne nicht nur von einer Seite ausgehen, die Sprache spiele eine große Rolle.

Die Syrerin Danja Saman, 17 Jahre alt und seit zwei Jahren in Deutschland, will in ihrem neuen Leben nicht ihre Identität verlieren. Deren Basis ist für sie Essen, Sprache, Religion, Tanzen, Musik, und die Heimat nicht zu vergessen. Bei ihren Zukunftswünschen hat sie sich schon auf die hiesige Gesellschaft eingestellt, nachdem sie es geschafft hat, ihren syrischen Hauptschulabschluss anerkennen zu lassen, den Werkrealschulabschluss mit der Note 2,3 gemacht hat und nun aufs Wirtschaftsgymnasium geht. Irgendwas mit Wirtschaft will sie studieren, von einer Rückkehr nach Syrien geht sie nicht aus.

Auch die drei syrischen Workshop-Leiter haben einen Lernprozess hinter sich. Solche Workshops hatten sie auch schon in der Türkei mit syrischen Flüchtlingskindern gemacht, ehe sie sich im Mai 2015 übers Mittelmeer nach Europa aufmachten und ihre Fahrt in einem bewegenden Video dokumentierten. In Deutschland ihre Workshop-Arbeit fortzusetzen, war nicht so einfach. Zumal sie selbst eine entscheidende Hürde nehmen mussten, nämlich das Erlernen der deutschen Sprache. Nach zwei Jahren Aufenthalt klappt das schon ganz gut, wenn auch nicht perfekt. Aber das machen Aliaa Hwijah, ihr Mann Mohamad Karaf und der Dritte im Bunde, Tareg Alwawi, mit ihrem Charme wett. Und mit dem Glauben an ihr Projekt.

Frust durch Ablehnungen

Aliaa Hwijah, die in ihrem Heimatland Syrien Fernsehproduzentin für die internationale Nachrichtenagentur Reuters war, verschweigt nicht den Frust, den sie hatte, wenn sie in Schulen angerufen hat und dabei auf Ablehnung stieß, auf Schulleiter, die einfach aufgelegt hätten. Eine Unzugänglichkeit, die sie nicht verstehen konnte, weil sie ungewohnt war. Erfahrungen in der neuen Heimat, die auch dazugehören zu ihrer Integration. Die Hoffnung, dass Schulen vorbehaltlos einfach Vertrauen haben, erfüllte sich auf jeden Fall nicht. Doch einige Schulen sagten zu. Und ein Empfehlungsschreiben von Wolfgang Sannwald, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, Archiv und Kultur im Landratsamt, dürfte bei der Akquise wohl auch hilfreich gewesen sein.

Obwohl die A.M.T. Group inzwischen in zwölf der angesprochenen 70 Schulen Workshops gemacht hat, schwingt doch etwas Enttäuschung mit, weil es nicht mehr waren. Eigentlich, versichert einer der Zuhörer an diesem Abend, sei das doch eine sehr gute Quote. Eine, mit der er selbst mit seinen journalistischen Angeboten für Schulen nicht mithalten könne. »Bei mir war das gerade mal eins zu zwanzig.« (GEA)



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