Fasnet - Narren stießen bei den Rathausstürmen auf unterschiedlich starken Widerstand der Bürgermeister

Blues Brother und andere Gespenster

VON ARNFRIED LENSCHOW UND CLAUDIA HAILFINGER

KREIS TÜBINGEN. »Manege frei« hieß es am Schmotzigen im Mössinger Rathaus, in dem der wohl närrischste unter den närrischen Bürgermeistern der Region regiert. Kurzerhand wurde hier deshalb der graue Betonbunker zum kunterbunten »Zirkus Bulandini« erklärt. Die Fäden oder viel mehr die Peitsche hatte trotz Entmachtung an diesem Tag Oberbürgermeister Michael Bulander in der Hand.

Bernd Haug gab sich in Kirchentellinsfurt bei seiner Schmotziga-Premiere schnell den Ranzenpuffern und ihrer Anführerin Sonja Harringer geschlagen.
Bernd Haug gab sich in Kirchentellinsfurt bei seiner Schmotziga-Premiere schnell den Ranzenpuffern und ihrer Anführerin Sonja Harringer geschlagen. FOTO: Arnfried Lenschow
»Hereinspaziert, hereinspaziert, die Narren werden heut dressiert«, verkündete er im feinsten Frack und hielt die Hästräger auf Trab: »Zu mir im Schritt, schnell hopp, hopp, hopp, der Brielmann, der Leuthe im Galopp«, bestellte er Schatzmeister und Brauchtumswart vom Original Steinlachtaler Fasnachts-Verein zu sich. »Ein Affenzirkus sag ich dir, das kannst du auch erleben hier«, berichtete er fortan von den Mühen eines Schultes.

»Gebt ihm eins ins Genick, der hört schon wieder nicht zu«
 

Buntes Treiben herrschte auch bei seinem Amtskollegen in Nehren . Ohne größere Widerstände ließen sich Egon Betz und seine Rathauscrew von den Kirschenfeldschülern und den Rammert-Wölfen aus dem Verwaltungshaus entführen, um gemeinsam durch Nehrens Gassen zu ziehen. Glänzte Betz im vergangenen Jahr als Schneewittchen, gab er sich dieses Mal cool als »Jake Blues« von den Blues Brothers –
»der kleine Dicke«, erklärte er. Nach wildem »Fliegerlied«-Tanz mit den Kleinen und Vorführungen der Schüler musste Betz den Rathausschlüssel schließlich an den Narrenanführer Andreas Schultz rausrücken.

Massiven Widerstand gegen die Narrengewalt leistete in Gomaringen Bürgermeister Steffen Heß. Erst nach langem Suchen machten die Hästräger die Rathausmannschaft ausfindig –
vermummt unter weißen Gespenstergewändern. Einige freche Griffe von Ober-Käsperle Dietmar Rau unter die Laken waren nötig, um den Rathauschef zu identifizieren. »Gebt ihm eins ins Genick, der hört schon wieder nicht zu«, nahm Rau den Schultes hart ran, bis der sich – trotz zahlreicher Fluchtversuche – schließlich geschlagen geben musste.

In Ofterdingen waren die Narren traditionell bereits ab 6 Uhr morgens unterwegs, mit einer neuen durchdringenderen Hupe, die von einer alten DDR-Rangierlok stammte und mehr Leute als sonst an die Fenster trieb. Trotz zahlreicher Stärkungen war es dann doch keine beherzte Machtübernahme im Rathaus. Auf die Frage von Bürgermeister Joseph Reichert, was sie denn wollen, hatte Zunftmeister Thomas Wiech die nicht von großem Machtwillen geprägte Antwort: »Wir wollten Grüß Gott sagen.«

Die Riaba-Moschter und Rufabach-Hexa in Kusterdingen hatten auf den Rathausplatz ein Feuer mitgebracht, das nicht unbedingt die Schadstoffgrenzwerte einer Umweltzone erfüllte, zu der ja auch Kusterdingen gern gehören würde. Nachdem Narren-Vorstand Joachim Kaiser die traditionelle Klage nach einem eigenen Haus für die Narren angestimmt hatte und sonst noch manch Lokalpolitisches reimend kritisierte, tat Soltau dies bei der Festlegung der Umweltzonen der Städte Reutlingen und Tübingen, was Kusterdingen Durchgangsverkehr von Qualmern beschere. Für Soltau eine Narretei außerhalb der Narrenzeit.

»Ich erwarte vom neuen Bürgermeister nicht viel – er ist nur ein Mann«
 
Neuer Bürgermeister, alte Schandgeige. Bernd Haug wurde in Kirchentellinsfurt auf traditionelle Weise von den Ranzenpuffern vorgeführt. Beim Quiz über die Ranzenpuffer musste Haug sein Nichtwissen bekennen, was löffelweise mit nicht immer Schmackhaftem bestraft wurde. Die am Ende verabreichte Knoblauchzehe dürfte seinem nachmittäglichen Besuch eines 90. Geburtstag eine eigene Duftnote gegeben haben. Obersau Sonja Harringer sah zwar ihren Vorjahrswunsch erfüllt, dass der »Neue« ein stattlicher Mann sein sollte, sagte aber auch: »Ich erwarte nicht viel von ihm – er ist nur ein Mann.« Immerhin einer, der mit Schwäbisch Gereimten gegenhielt. Vor 15 Jahren habe er im Staatsdienst sogar einen »Höhergruppierungsantrag« in Reimform verfasst, erzählte Haug. Die Höhergruppierung gab’s nicht, aber Bestnote im Ausdruck. (GEA)


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Narren an der Macht

Rathausstürme im Kreis Tübingen

Rathaussturm in Mössingen
Mössingens Rathaus wird eingenommen. FOTO: Claudia Hailfinger
 
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