Tübingen
Ausstellung - Uni-Museum zeigt »Himmel - Wunschbild und Weltverständnis« im Tübinger Schloss

Bis zum Mond und noch viel weiter

VON JOACHIM KREIBICH

TÜBINGEN. »Apollon und Artemis sind umgezogen«, sagt Museums-Mitarbeiterin Sigrid Schumacher und weist auf zwei antike Statuen im Rittersaal. Beide sind ein paar Meter weiter gerückt. Neben moderne Exponate wie Bilder von der Mondlandung und farbenprächtige Aufnahmen ferner Nebel in den Tiefen des Universums. Apollon und seine Zwillingsschwester sind gewissermaßen mitten drin im Geschehen, während die anderen Statuen die Kulisse abgeben für die derzeitige Ausstellung. Schließlich geht es ums Thema Himmel - da haben die griechischen Gottheiten einiges beizutragen.

Bedeutende Exponate: Julius Grimms 1875 konstruiertes Teleskop und seine "Ansicht des vollen Mondes" von 1895. Um möglichst präzise zu sein, schuf der Mond-Beobachter erst dreidimensionale Modelle und malte dann seine Mond-Portraits. Das Gemälde lagerte lange Zeit unbeachtet auf dem Dachboden der Neuen Aula. GEA-FOTO: PACHER
Bedeutende Exponate: Julius Grimms 1875 konstruiertes Teleskop und seine "Ansicht des vollen Mondes" von 1895. Um möglichst präzise zu sein, schuf der Mond-Beobachter erst dreidimensionale Modelle und malte dann seine Mond-Portraits. Das Gemälde lagerte lange Zeit unbeachtet auf dem Dachboden der Neuen Aula. FOTO: Uschi Pacher
Mit »38 Dingen« hat es angefangen. Ein schmuckloser Titel für eine Schau der besonderen Art im Jahr 2006. Etwas mehr als drei Dutzend Objekte, die nur zehn Tage lang präsentiert wurden. Kurioses, Wertvolles und wissenschaftlich Bedeutendes, das danach wieder im Tresor verschwand. Die Ausstellung lieferte einen Vorgeschmack auf das, was in einem noch zu schaffenden Uni-Museum in Tübingen möglich wäre.

Die Grund-Idee wurde beibehalten, doch die Ausgestaltung seitdem variiert. Außerdem hat man in der Folge feste Themen vorgegeben. Wie beim »Körperwissen« 2009/2010 fiel auch diesmal die Wahl auf den Rittersaal des Schlosses als Ausstellungsort. Ein wissenschaftliches Symposium diente der Vorbereitung (wir berichteten) und ist im Katalog dokumentiert.



Aus vierzig Sammlungen

Ernst Seidl und seine Mitarbeiter Philipp Aumann und Frank Duerr haben mehr als 100 Objekte aus vierzig Sammlungen der Uni zusammengetragen und in einen gemeinsamen Kontext gestellt. Was sonst verstreut in diversen Instituten und Archiven sein Dasein fristet, steht nun beisammen und erlaubt neugieriges Schauen, Staunen und Verstehen - quer durch die Fach-Disziplinen.

Tübinger "Ahnengalerie" mit (von links) Johannes Stöffler, der vor 500 Jahren die Astro-Uhr am Rathaus konstruierte, Michael Mästlin, Professor für Mathematik und Astronomie, Wilhelm Schickard, vor 400 Jahren Konstrukteur der ersten Rechenmaschine der Welt, und Georg Wolfgang Kraft, der den Bau der ersten Tübinger Sternwarte leitete. GEA-FOTO: PACHER
Tübinger "Ahnengalerie" mit (von links) Johannes Stöffler, der vor 500 Jahren die Astro-Uhr am Rathaus konstruierte, Michael Mästlin, Professor für Mathematik und Astronomie, Wilhelm Schickard, vor 400 Jahren Konstrukteur der ersten Rechenmaschine der Welt, und Georg Wolfgang Kraft, der den Bau der ersten Tübinger Sternwarte leitete. FOTO: Uschi Pacher
Auch dem Laien öffnen sich neue Einsichten. Und die jüngeren Besucher wurden keineswegs vergessen: In einem Computerspiel erklärt ein Alien den Kindern, welche Abenteuer man im Weltraum erleben kann, ein Filmbeitrag berichtet vom Wettlauf zum Mond und dem ersten Erdenbewohner, der an Bord einer Raum-Kapsel ins All vorstieß - einem Schimpansen.

Alte Chroniken und Atlanten

Erstaunlich wie stets sind auch diesmal die Vielfalt der Objekte und die vielen Bezüge zu Tübingen. In den Vitrinen finden sich seltene Originale alter Chroniken und Himmels-Atlanten, das Institut für Astronomie und Astrophysik präsentiert unter anderem das unter Tübinger Mithilfe konstruierte und einzige jemals wieder zur Erde zurückgebrachte Weltraum-Teleskop, eine Tübinger »Ahnen-Galerie« zeigt, wie Gelehrte in den vergangenen Jahrhunderten sich mit Himmels-Phänomenen beschäftigten. Kurios und pfiffig sind Exponate wie die »Veranschaulichung der vier Mondphasen mittelst einer künstlich beleuchteten Citrone«.

Auch die künstlerische Auseinandersetzung wird gewürdigt. Nicht nur mit einem echten Dürer und dem beeindruckenden »Luzidizi«, einer 3,5 mal 2 Meter großen Installation des Nürtingers Philip Loersch. Sondern auch mit Beiträgen von Mitgliedern des Künstlerbunds wie Axel von Criegern, Dieter Luz und Gerhard W. Feuchter. (GEA)

Viele besondere Objekte


"Blitzspitzen" und ein "Himmelsstein" vom Mond
Uralt: Die ältesten Exponate sind weder die Himmelsscheibe von Nebra noch der Sargdeckel des Ägypters Idi mit seiner Sternuhr (beide 4 000 Jahre alt), sondern »Blitzspitzen«. Die Finder glaubten, hier seien den Blitzen beim Auftreffen auf den Boden die Spitzen abgebrochen. Die Forscher wiesen nach: Es handelt sich um Steinbeile aus der Jungsteinzeit, etwa 7 500 Jahre alt.

Bunt: »Das ist bestimmt koloriert«, vermuten viele Besucher beim Betrachten der Aufnahmen, die das Hubble-Teleskop zur Erde funkte. Irrtum: In den Sternen-Nebeln, wo neue Sonnen-Systeme entstehen, geht's einfach farbenprächtig zu.

Vorsicht Steinschlag: Wenn der Zufall es so will, trifft ein Meteorit den Mond und schleudert Teile ins All, die dann bis zur Erde fallen. Der Mond-Meteorit »Dar al gani 400« ist der größte und schwerste je gefundene. Der »Himmelsstein« wurde 1998 in Libyen entdeckt und wird sicher in Tübingen verwahrt. (-jk)

Führungen


Rund 6 000 Besucher haben die Ausstellung im Tübinger Schloss bisher gesehen. Sie wurde bis zum 3. Oktober verlängert. An den Sonntagen, 4. und 18. September, jeweils um 11 Uhr gibt's Führungen. Das Museum ist mittwochs sowie freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags von 12 bis 20 Uhr.

www.uni-tuebingen.de/museum-schloss/himmel.html

0 70 71/2 97 73 84


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