Terrorismus - Tübinger Germanist: Selbstmordattentate sind kein islamistisches Phänomen

Auf den Spuren des Götter-Blitzes

Der Japaner Arata Takeda hat ein Buch über die Ästhetik der Selbstzerstörung geschrieben

TÜBINGEN. Der Tübinger Germanist Arata Takeda warnt davor, Selbstmordattentate für ein islamistisches Phänomen zu halten. "Die Strategie, sich selbst das Leben zu nehmen und die Feinde mit in den Tod zu reißen, gehört seit langem zu den Vorstellungen des Menschen", sagt der Literaturwissenschaftler.

Belege dafür gebe es selbst in der Bibel. »Es ist nicht Teil einer bestimmten Religion oder Kultur - auch der Westen hat eine Geschichte des Suizidterrorismus.«
Statt wie bisher vor allem auf die arabische Welt oder den Islam zu schauen, müsse man Macht- und Gesellschaftsstrukturen betrachten, forderte Takeda. Die Geschichte vieler Selbstmord-Attentate zeige, dass Religion dabei sehr selten eine Rolle spiele. »Meistens geht es um soziale Probleme oder die eigene Ohnmacht.«
In der abendländischen Literatur ist Takeda auf viele unterschiedliche Darstellungen von Attentätern gestoßen. »Sehr lange wurde das Selbstopfer als heldenhafte Tat gesehen und beschrieben«, sagte der aus Japan stammende Wissenschaftler. Erst in jüngerer Zeit habe sich dieses Bild gewandelt. Heute seien Attentäter in den Augen der meisten Menschen keine Helden oder Märtyrer mehr, sondern Mörder.
Die Idee von Massentötungen im Lager der Feinde gebe auch in der westlichen Kultur schon sehr lange, betonte der Forscher. In der Antike hätten die Menschen die Vorstellung von Götter-Blitzen gehabt, die sehr viele Menschen gleichzeitig töten. Die Bibel erzählt von Simson, der im Tempel die Säulen einreißt. 3000 seiner Feinde, darunter viele Frauen und Kinder, werden unter den Trümmern begraben - und auch Simson selbst stirbt.
Mit der Erfindung des Dynamits seien diese Vorstellungen tatsächlich umsetzbar geworden, sagte Takeda.
Über die Parallelen zwischen Selbstmordanschlägen in Literatur und Realität hat Takeda das Buch »Die Ästhetik der Selbstzerstörung« (Wilhelm Fink Verlag) geschrieben. (dpa)



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