Emigration - Erste Ausstellung in Tübingen über Auswanderer in Georgien. Ziel der Forscher: Ein virtuelles Museum

Auf den Spuren der Schwaben

VON JOACHIM KREIBICH

Foto: Tatarashvili
Foto: Tatarashvili
TÜBINGEN. Anrufe, E-Mails, gut 200 Besucher bei der Eröffnung und viele Kommentare im Gästebuch. »Die Resonanz ist großartig – so hätte ich das nicht erwartet.« Evamarie Blattner ist freudig überrascht. Fürs Tübinger Stadtmuseum hat sie eine kleine Ausstellung gestaltet, mit vielen Fotos, einigen Karten und Beschreibungen. »Schwaben in Georgien«, dort haben mehrere Tausend württembergische Siedler vor 200 Jahren Dörfer gegründet. Allein 17 Familien im Ort Katharinenfeld kamen aus dem Kreis Tübingen.

Blattner hat ein fast vergessenes Kapitel aufgeschlagen. Die Auswanderung nach Amerika oder die Geschichte der Donauschwaben sind gut erforscht. In Sachen Schwabendörfer in Georgien steht man dagegen vergleichsweise ziemlich am Anfang. Doch die Initiatoren der Ausstellung sind fest entschlossen, mehr herauszufinden.

Die Tübinger Schau ist ein guter Start. Anrufer und Besucher boten Materialien an und wussten Geschichten zu erzählen. »Der eine hat ein Fotoalbum, der andere könnte einen Kontakt vermitteln«, sagt Blattner. Solche Spuren will man weiter verfolgen.

Oliver Reisner ist voll des Lobes über die Tübinger Aktivitäten. Der 52-jährige ist Professor an der Ilia State University in der georgischen Hauptstadt Tbilisi. Er hat über georgische Geschichte promoviert und war jahrelang Mitarbeiter der EU-Delegation in Georgien. Vor wenigen Jahren hat er mit anderen einen Verein gegründet, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Erbe zu bewahren.

Zwar sind die Schwaben wie viele andere 1941 von Stalin nach Sibirien und Kasachstan deportiert worden. Doch einige kamen zurück in ihre Dörfer. 1 000 Gebäude sind erhalten, wenn auch oft in sehr schlechtem Zustand.

Reisner hat die Ausstellungseröffnung im Stadtmuseum genutzt, um dabei zu sein und mit der Tübinger Germanistik- und Komparatistik-Professorin Dorothee Kimmich zusammen ins Thema einzuführen. In Kooperation mit dem Stadtmuseum, dem Deutschen Seminar der Uni Tübingen, dem Institut für donauschwäbische Landeskunde und dem Goethe-Institut will er weiter forschen. Viele der Auswanderer stammten aus den Dörfern um Tübingen und Reutlingen. Eigentlich müssten zum Beispiel ihre Namen in den damaligen Ausbürgerungs-Listen zu finden sein.

Nach dem Hungerjahr

Ausgewandert waren die Siedler, weil sie nach dem Hungerjahr 1816 in der Heimat keine Zukunft mehr sahen. Der russische Zar Alexander I. lockte mit 3 000 Rubel pro Familie, bot Land und Privilegien wie Religionsfreiheit und Selbstverwaltung und das Recht, weiter die deutsche Sprache zu pflegen. Willkommen waren Handwerker und Landwirte. Alleinreisende wurden nicht zugelassen.

Reisner sieht die Dörfer geradezu als Modell für kulturelle Vielfalt. Die Neuankömmlinge organisierten sich effektiv und spielten zum Beispiel im Weinbau und -handel eine große Rolle. Am liebsten würde Reisner ein virtuelles Museum einrichten und die Materialien auf diese Weise allen zugänglich machen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Da Reisner ursprünglich aus Hannover stammt, muss er bei der Erforschung der Schwaben eine gewisse sprachliche Barriere überwinden. Doch die scheint nicht hoch. Bei der Unterhaltung mit drei älteren Damen in Katharinenfeld hat er schon sehr genau zuhören müssen, um ihr Schwäbisch zu verstehen, gesteht er. »Aber es war leichter verständlich als bei anderer Gelegenheit in einem bayerischen Dorf bei Regensburg.«

IM STADTMUSEUM

Vor 200 Jahren sind schwäbische Siedler nach Georgien gezogen und haben dort Dörfer gegründet, Kirchen und Schulen gebaut. Viele der Emigranten stammten aus der Gegend um Tübingen und Reutlingen. Die Ausstellung im Stadtmuseum läuft bis Sonntag, 30. Juli. Der Eintritt ist frei. Das Museum (Kornhausstraße 10) hat dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. (GEA)
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