Tübingen
Wissenschaft - Die Abwehr von Feinden stellt Pflanzen vor ein Dilemma: Resistenz gegen Krankheiten hat ihren Preis

Auch in der Natur gilt: Nichts ist umsonst

TÜBINGEN. Individuen ein und derselben Pflanzenart sind unterschiedlich erfolgreich bei der Abwehr von Krankheitserregern: Während eine Rose überlebt, geht die benachbarte an dem Befall von Bakterien oder Pilzen zugrunde. Wissenschaftler der Abteilung Molekularbiologie am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen sind diesen Unterschieden auf den Grund gegangen. Das Ergebnis: Krankheitsresistenz ist mit hohen Kosten verbunden.

So bilden besonders resistente Pflanzen der »Ackerschmalwand Arabidopsis thaliana« weniger und kleinere Blätter und sind damit in der Abwesenheit von Feinden weniger konkurrenzfähig als anfälligere Pflanzen. Ob es vorteilhafter ist, in die Resistenz oder aber in Biomasse zu investieren, hängt somit von den jeweiligen Umständen ab, die jedoch nicht vorhergesagt werden können.

Daher findet man in der Natur immer sowohl die großen und verwundbaren Individuen als auch die kleinen und wehrhaften. Pflanzen haben im Laufe der Evolution viele Wege entwickelt, um sich gegen Feinde zu wehren. Einige produzieren übel riechende oder übel schmeckende Stoffe, andere entwickeln Stacheln oder haben eine besonders effektive Immunabwehr gegen Viren und Bakterien. Bei einem genügend hohen Selektionsdruck wäre zu erwarten, dass immer nur die Individuen überleben, die sich am besten wehren können.

In der Folge sollten die Erreger einen schweren Stand haben. Das ist aber nicht der Fall. Tatsächlich unterscheiden sich die Abwehrkräfte einzelner Pflanzen sehr - sowohl von Art zu Art als auch innerhalb einer Art. Eine Erklärung für diese Variation liegt in den unterschiedlichen Angriffsstrategien der Krankheitserreger und Fraßfeinde. Sie machen es der Pflanze schwer, sich gleichzeitig gegen jeden möglichen Feind zu verteidigen. Zudem vermutet man schon lange, dass besonders effiziente Abwehrmechanismen mit einem hohen Aufwand und dadurch mit erheblichen Kosten für die Pflanze verbunden sind. Diese Investition lohnt sich deshalb nur in Jahren oder an Standorten, in beziehungsweise an denen die Feinde tatsächlich auftreten. Wie hoch die Kosten dafür ausfallen, war bislang jedoch unklar.

Universalwaffe im Abwehrkampf

Wissenschaftler in der Gruppe von Detlef Weigel haben nun eine Variante des ACD6 Gens dingfest gemacht, das eine Universalwaffe im Abwehrkampf gegen Pflanzenschädlinge darstellt: Es bewirkt, dass die Pflanzen in erhöhter Konzentration Chemikalien bilden, die entweder direkt für Krankheitserreger giftig sind oder die als Signalstoffe für die Immunantwort dienen.

Die Ackerschmalwand ist damit in der Lage, nicht nur Bakterien und Pilze abzuwehren, sondern auch Insekten, etwa Blattläuse. Jedoch besitzt längst nicht jede Sorte der Ackerschmalwand diese Genvariante: Sie ist zwar an allen Standorten zu finden, an denen sie wächst - von Nordafrika bis Skandinavien, und von Zentralasien bis Westeuropa - aber immer nur in etwa zwanzig Prozent der Individuen. Dies deutet bereits darauf hin, dass die Genvariante auch nachteilige Eigenschaften hat.

»Wir konnten zeigen, dass das Gen die Pflanzen zwar resistent gegen verschiedene Krankheitserreger macht, aber gleichzeitig das Blattwachstum stark beeinträchtigt, sodass die Pflanzen weniger Blätter bilden und insgesamt wesentlich kleiner bleiben«, sagt Detlef Weigel. Sobald Feinde auftauchen, sind die Pflanzen ihren Artgenossen gegenüber im Vorteil. An Standorten oder in den Jahren, in denen es wenige Feinde gibt, sind sie aber im Nachteil. Denn die geringere Blattmasse verringert die Samenproduktion und führt somit zu einer geringeren Anzahl an Nachkommen. Das Fazit von Weigel: »Auch in der Natur gilt: Nichts ist umsonst.« (em)


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