Tübingen
Internet - Der Leiter des Kreismedienzentrums sensibilisierte in Ofterdingen Schüler und Eltern für den Datenschutz

Anonymität im Netz senkt Hemmschwelle

Von Alexander Thomys

OFTERDINGEN. Es waren vor allem die praktischen Beispiele, die die rund 50 Zuhörer - Schüler und Eltern gleichermaßen - nachdenklich machten. Bei seinem Vortrag »Schöne neue Medienwelten - Unterwegs im Web 2.0« griff Thomas Rudel, Leiter des Tübinger Kreismedienzentrums, viele Beispiele aus der Realität auf und führte vor allem den jüngeren Gästen dabei anschaulich vor Augen, was mit ihren ins Internet gestellten Informationen so alles geschehen kann. »Das Netz vergisst nichts«, so seine eindringliche Warnung.

FOTO: dpa
Eindrücklich waren vor allem Rudels anschauliche Beispiele, Bilder und Ausschnitte aus Profilen in sozialen Netzwerken etwa. Um sich die dafür nötigen Informationen zu holen, reicht dem Lehrer oft nur eine Suchmaschine, gelegentlich ist der Medienpädagoge aber auch unter falschem Namen und Alter in sozialen Netzwerken aktiv, um Anregungen und Beispiele zu gewinnen - und findet die nötigen Informationen auf den allzu freigebigen Profilen junger Nutzer.

Etwa das einer 16-jährigen Tübingerin, die ein Profil im Netzwerk »Kwick« angelegt hat - offen einsehbar für alle Internetnutzer. Auf den ersten Blick nur mit unverfänglichen Informationen über sich: Hobbys, dem Beziehungsstatus (der übrigens nach Umfragen in gut der Hälfte aller Profile falsch ist), der Schule und dem Sportverein. Rudel bekommt aber schnell viel mehr heraus: Die Seite des Sportvereins verrät die Trainingszeiten, die Schul-Homepage die Stundenpläne des Mädchens - bis zu den Busfahrplänen ist es da nur noch ein kurzer Weg. »So kann man leicht einen ungebetenen Begleiter bekommen, der auch noch vieles über einen weiß«, sagt Rudel. Vor allem den älteren Zuhörern läuft dabei ein Schauer über den Rücken.

Privatsphäre schützen

An sozialen Netzwerken führt bei Jugendlichen realistisch gesehen dennoch kein Weg vorbei. »In der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen sind nahezu 100 Prozent auf Facebook aktiv«, sagt Rudel. »Die Kinder davon abzubringen, ist fast unmöglich.« Aber aus seiner Sicht auch nicht nötig. »Viel wichtiger ist es, den Schutz der Privatssphäre zu vermitteln und die Kinder und Jugendlichen aufzuklären.« Internet-Sperren hält Rudel dagegen für den falschen Weg.

»Wer pfiffig und jung ist, hat genug Zeit, um diese Sperren zu umgehen.« Auch dass Jugendliche viel Zeit im Internet verbringen, sieht Rudel eher gelassen. »Früher haben wir auch bis tief in die Nacht im Schulhof gesessen und relativ sinnfrei die Zeit totgeschlagen«, erinnert Rudel seine erwachsenen Zuhörer. Nun würde dies zum Teil eben ins Internet verlagert, das die Jugendlichen inzwischen hauptsächlich über das immer greifbare Handy nutzen.

Den Eltern rät Rudel, sich nach Möglichkeit selbst ein Bild der Aktivitäten ihrer Kinder zu machen. Scheu vor dem Internet und sozialen Netzwerken will der Medienpädagoge abbauen. »Der Vorsprung der Kinder ist gar nicht so groß, man lernt das schnell«, sagt Rudel und ergänzt: »Medien sind nur so gefährlich, wie wir sie machen.«

Profile in sozialen Netzwerken zu pflegen, ist also nicht von sich aus gefährlich - man sollte nur gründlich darüber nachdenken, welche Infos man einstellt und wer diese lesen könnte. Zumal die Netzwerkbetreiber selbst allerlei Daten sammeln und dadurch Profile erstellen, etwa für die Werbewirtschaft oder wie jüngst bewiesen auch für staatliche Geheimdienste. So rät Rudel einem am Ende des Vortrags etwas verunsicherten Jungen auch nicht, sein Facebook-Profil zu löschen - sondern es zu pflegen und sensible Informationen zu entfernen.

Größere Probleme entstehen indes dann, wenn Mobbing ins Internet verlagert wird. »Dadurch entsteht eine räumliche und zeitliche Entgrenzung«, erklärt Rudel. Zudem seien Täter oft nicht gleich zu identifizieren - die Anonymität senkt so ebenfalls die Hemmschwelle. Wird das »Cyber-Mobbing« zu einem ernsten Problem, kann heute auch die Polizei helfen, weiß Rudel. »Auch die Beamten sind heute dafür sensibilisiert.«

Das soll übrigens auch der nächsten Vortrag der Reihe »Kinder sicher ans Netz« zeigen, denn der Freundeskreis der Burghofschule um die Vorsitzende Ute Heß lädt als nächsten Referenten einen Vertreter der Polizei in die Ofterdinger Zehntscheuer ein. Das Interesse ist auf jedem Fall gegeben. (GEA)


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