Erziehung - Der Waldkindergarten »Kleine Wiesel« in Kirchentellinsfurt wird zehn Jahre alt. Pioniere erzählen
Am liebsten auf die Schlammrutsche
Von Brigitte Gisel
KIRCHENTELLINSFURT. Die Fingernägel sind lackiert, die Antworten ungeschminkt. Was war das Schönste am Waldkindergarten? »Die Schlammrutsche, die Schlammrutsche, die Schlammrutsche.« Kim, Lilly und Sofia, allesamt 13, müssen keine zwei Sekunden nachdenken. Mit der Rutschhose auf dem feuchten Schlamm den Hügel bei der kleinen Hütte herunterzugleiten ist und bleibt das Größte. Kim, Lilly, Sofia, Sara sowie Emil, Anton, Elias und David gehören zu den Pionieren der »Kleinen Wiesel«. Ihre Eltern haben 2001 den Kirchentellinsfurter Waldkindergarten gegründet, sie waren die Ersten, die auf dem Gelände hinter dem Schützenhaus ihre Kindergartenzeit erlebt haben.
Im Tipi ist es fast wie damals. Lilly, Sofia und Kim Koch (vorne von links), Elias Behling, Sara Windel, Emil Kupfer, Anton Grawe (hinten, von links) waren die ersten Kinder, die den Waldkindergarten Kirchentellinsfurt besucht haben.
FOTO: Brigitte Gisel
Es klingt, als hätten die »kleinen Wiesel« ihre Kindheit mit Pippi Langstrumpf im Taka-Tuka-Land verbracht. »Es gab ganz wenig Regeln«, erinnert sich Lilly. »Toll war auch, dass man nie aufpassen musste, ob man sich dreckig macht«, ergänzt ihre Zwillingsschwester Kim. Vor Schmutz hat es den ersten Waldkindergartenkindern anno 2001 nicht gegraust. »Manchmal haben wir uns auch das Gesicht und die Haare mit Lehm eingeschmiert«, erinnert sich Sofia Koch. Sie hat kürzlich bei ihrem Sozialpraktikum im Waldkindergarten festgestellt, dass die Kinder von heute deutlich weniger schmutztolerant sind als sie es waren.
Auch die Jungs hatten ihre Vorlieben. Elias fand es klasse, im Winter vor dem prasselnden Feuer im Tipi zu sitzen. »Die Mädchen haben viel mitgemacht«, erinnert sich der 13-Jährige und es klingt fast wie ein Lob. Unterschiede gab es nur im Kleinen: Die Mädchen hätten für die Eltern eher Blumen gepflückt, während die Jungs lieber Nägel sammelten. Alle zusammen hatten ihren Spaß, wenn es ans Kochen ging: Stockbrot am offenen Feuer, Suppe, Grillen. Krank geworden sind sie entgegen allen Unkenrufe bei Wind und Wetter auch nicht. »Das werden wir auch heute fast nie«, sagt Sofia. »Waldkindergarten härtet ab.«
Die elf Jungs und Mädchen von damals, heute längst Teenies, treffen sich selten, aber sie haben noch Kontakt zueinander, so wie in einer großen Familie. Lange hält es sie nicht am Tisch. Kurz mal ein bisschen auf einen Baum klettern, auf der alten Kabelrolle balancieren, nach der Schlammrutsche gucken. Aus Teenagern sind für ein paar Minuten wieder fröhliche Kinder geworden. »Wir könnten doch eine Nacht auf dem Gelände zelten«, heißt es, als sie zurückkommen.
Was ist geblieben von der Waldkindergartenzeit? Förster oder Försterin will niemand werden. Dass sie jeden Vogel am Krallenabdruck erkennen, ist ebenso eine falsche Vorstellung wie der Glaube, dass die Mädels auf Krabbeltiere stehen. Aber die Liebe zur Natur ist ihnen geblieben. Matthias und Regine Koch, die Eltern von Kim und Lilly, staunen, wie gern ihre Töchter mit ihnen wandern gehen. Und wie gut sie durchhalten.
Die Schule war zu laut
»Wir haben uns wegen schlechtem Wetter damals viel mehr Sorgen gemacht als die Kinder«, erinnert sich Gründervater Matthias Koch. Auch andere dunkle Prophezeiungen haben sich nicht erfüllt. Kein einziges Kind ging all die Jahre im Wald verloren. Und von schweren Unfällen blieben die »Kleinen Wiesel« bis heute verschont. Auch die Eltern fühlen sich durch die Waldjahre verbunden. »Wir waren damals eine große Clique«, sagt Matthias Koch.
»Unsere Kinder waren eine gute Reklame für den Waldkindergarten«, sagt Tony Gummer. Auch wenn es in der Schule manchmal der Überzeugungsarbeit bedurfte. Mit den Worten »dann bist du ja eine Wilde«, ist Gummers Tochter Teresa von der Lehrerin damals begrüßt worden. Nach vier Jahren war sie überzeugt, dass auch Waldkindergartenkinder zivilisiert sind. Heute gehen die meisten von ihnen in Tübingen aufs Gymnasium. Lilly erinnert sich, dass sie sich auf die Schule gefreut hat, weil man sich nicht mehrmals am Tag umziehen muss. »Emil hat sich beschwert, dass es zu laut ist in der Schule«, erinnert sich seine Mutter Gaby Kupfer. Die Erklärung ist einfach. »Draußen hallt es nie so sehr wie in einem Raum«, sagt Gummer.
Wie hat sich der Wald auf die Kinder ausgewirkt? »Die Mädels sind alle keine Zicken geworden«, stellt Gaby Kupfer anerkennend fest. Und auch die Jungs haben eine soziale Ader. »Anton will seinen Zivildienst im Waldkindergarten machen«, erzählt Andrea Grawe. Sie hat ihm noch nicht erzählt, dass es gar keine Zivis mehr gibt. (GEA)
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