Forschung - Wissenschaftler am Tübinger Lehrstuhl für klinische Medizin untersuchen ADHS bei Erwachsenen

ADHS: Wenn die Gedanken ständig abschweifen

VON INES STÖHR

TÜBINGEN. An ihrem Arbeitsplatz hängt ein Zettel mit dem Hinweis »Konzentration«. »Wenn meine Gedanken mal wieder abschweifen, hilft das, sie zurückzuholen«, erklärt Anna S. (Name von der Redaktion geändert). Sie hat die Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) ohne die Hyperaktivität (ADHS). Eine Freundin – selbst positiv diagnostiziert – hatte sie auf die Idee gebracht, sich auf ADHS testen zu lassen, nachdem sie bereits eine Therapie wegen Depressionen hinter sich hatte.

In einer Studie wollen Wissenschaftler am Psychologischen Institut in Tübingen nun herausfinden, ob Neurofeedback bei Erwachsenen auch so gut wirkt, wie bei Kindern. Diese lernen, über die Steuerung ihrer Gehirnströme die ADHS-Symptome abzuschwächen oder sogar ganz in den Griff zu bekommen (der GEA berichtete). Parallel dazu erhält eine zweite Studiengruppe ein metakognitives Training, in dem Betroffene üben, der Störung mit Strukturen zu begegnen. Erwachsene ADHS-Patienten scheitern oft an der Komplexität von Aufgaben.

Symptome bleiben oft erhalten

»Beim Googeln bin ich dann auf die Studie gestoßen«, erzählt die 54-Jährige. Nachdem sie den Fragebogen ausgefüllt hatte, wurde sie zu einem Gespräch eingeladen und als Teilnehmerin aufgenommen. Sie sei schon als Kind eine Tagträumerin gewesen, erinnert sich die technische Zeichnerin. Ihre Schulnoten waren eher schlecht. Im Kunstunterricht stand sie stundenlang am Waschbecken und hat die farbverschmierten Becher gespült. »Ohne ADS wäre ich bestimmt aufs Gymnasium gegangen und hätte studiert«, meint Anna S.

Früher glaubte man, dass sich die Störung mit den Jahren auswächst, weiß Studienleiter Michael Schönenberg. Tatsächlich leidet aber fast jedes dritte ADHS-Kind auch als Erwachsener noch unter den Symptomen der Störung. Dass es auch Erwachsene mit den Merkmalen der zappeligen Kinder gibt, hat man erst in den vergangenen zehn Jahren festgestellt.

So äußert sich die Hyperaktivität bei Erwachsenen zum Beispiel in innerer Anspannung. Doch wie ADHS-Kinder haben sie Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen, können sich schlecht konzentrieren und bei der Sache bleiben, erklärt Alexander Schneidt die Symptome. »Sie fallen anderen ständig ins Wort oder beenden deren Sätze, weil es ihnen nicht schnell genug geht.«

Schönenberg warnt jedoch davor, ADHS als Modediagnose zu sehen. Jeder ist mal unkonzentriert, schiebt Dinge auf, ist ungeduldig oder vergesslich, sagt er. Doch bei Erwachsenen mit ADHS kommt es oft zu weiteren psychischen Leiden wie Depressionen oder Angststörungen, wenn sie nicht lernen, ihre Defizite auszugleichen.

Voraussetzung für die Diagnose ADHS sind entsprechende Merkmale schon in der Kindheit. Die Symptome müssen zurückverfolgbar sein. Das schließt Schulzeugnisse sowie die Befragung von Angehörigen, Freunden und Kollegen mit ein. Oft kommen die Erwachsenen über ihre eigenen Kinder auf die Idee, dass sie selbst auch betroffen sind, zumal die Störung eine genetische Veranlagung ist. »Das erklärt dann viel in der Rückschau.« Viele hadern dann mit ihrem Schicksal, stellen sich vor, was aus ihnen hätte werden können, wenn sie in jungen Jahren richtig gefördert worden wären.

Während das ADHS-Medikament Ritalin früher nur für Kinder zugelassen war, dürfen Ärzte es jetzt auch Erwachsenen verschreiben. Ob die Patienten auch ohne Tabletten zurechtkommen, soll die Tübinger Studie zeigen. Sie erfolgt auf zwei Ebenen: einerseits über ein Neurofeedback, das ähnlich wirkt wie Ritalin und die Konzentrationsfähigkeit stärkt. Und andererseits über eine Verhaltenstherapie, die bewirken könnte, dass die Symptome verschwinden.

Anna S. hat Mitte September mit dem Neurofeedback-Training begonnen. Anfangs hielt sie die Bläschen auf dem Bildschirm mit Gedanken an eine Autofahrt in Bewegung. »Ich fahre sehr gerne Auto«, sagt sie. Als das dann langweilig wurde, fing sie an, in Gedanken ihre Wohnung zu putzen. Nach zehn Sitzungen kriegt sie zumindest bei der Arbeit jetzt »immer öfter wieder die Kurve«, wenn ihre Gedanken von der aktuellen Aufgabe weg auf Wanderschaft gehen. Das wird mit der Zeit immer besser funktionieren, ist Schneidt überzeugt. »Alles eine Sache der Übung.« (GEA)

Erwachsene Studienteilnehmer gesucht


Für die Studie zur Behandlung von Erwachsenen mit der Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) werden weitere Teilnehmer im Alter von 18 bis 60 Jahren gesucht, die zurzeit nicht in psychotherapeutischer Behandlung sind. Eine Diagnose ist manchmal schwierig, denn andere psychische Beeinträchtigungen wie Depression oder Angststörungen zeigen ähnliche Symptome, sagen die Forscher. Daher ist vorab ein Fragebogen auszufüllen, der über die Homepage der Uni aufgerufen werden kann. Die Einteilung in die Gruppe des Neurofeedback-Trainings oder des metakognitiven Trainings erfolgt per Los. Die Trainingsphase dauert 15 Wochen, die Sitzungen sind ein- bis zweimal die Woche. Nach sechs Monaten wird die Wirksamkeit des Trainings überprüft. (ist)

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