TÜBINGEN. Badener denken, Schwaben schaffen. Mit Martin Strittmatter, dem Geschäftsführer der »Forst Baden-Württemberg«, ist nach dieser Devise eine wichtige Position in diesem Land in Personalunion besetzt. Der Mann, der mitgemischt hat bei der jüngsten baden-württembergischen Verwaltungsreform, die im Forst zwanzig Prozent Personal abgeholzt, verjüngt und das Ziel 2010 erreicht hat, gibt jetzt an der Spitze im Regierungsbezirk Tübingen die Leitlinien für die Zukunft vor.
Der Kurswechsel auf dem Sektor Wald und Holz läuft. Begonnen schon vor Strittmatter, der jetzt am Amtssitz Bebenhausen dem Abteilungsdirektor Hubertus Windthorst nachgefolgt ist und neue Ziele setzt nach Programmen, die er seit einigen Jahren als ministerieller Forst-Vordenker auf den Weg bringt.
Nach Windhorst, der aus Thüringen stammt und seit 2006 die bis dahin eigenständige Forstdirektion Tübingen geleitet, als leistungsfähige Abteilung in das Regierungspräsidium integriert und als Teil der Betriebsleitung der »ForstBW« etabliert hat, nun also der Vertreter einer neuen Generation: Baden-Württemberger par excellence.
Gerade fünfzig geworden, Freiburger. Forst-Studium in Freiburg, Referendar in Konstanz, Albstadt und Tübingen. Karriere in Freiburg, wo er 2002/2003 Abteilungsleiter Forstpolitik Nord an der Forstdirektion war, und Stuttgart, wo er bis 2008 das Referat Holzmarkt, Waldarbeit, Marketing und nachwachsende Rohstoffe am Ministerium Ländlicher Raum geleitet hat.
»Nachhaltigkeit ist heute viel mehr als Holzproduktion«
Das sind für ihn die zentralen Themen geblieben, und damit ging's steil bergauf. Von April 2008 bis Juli 2010 war der Forstpolitiker, wie der Parteilose sich selbst sieht, Leiter der Zentralstelle des Ministeriums für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg mit dem Forst-Kollegen Peter Hauck als Minister. Hauck ist seit dem baden-württembergischen Ministerpräsidentenwechsel in diesem Frühjahr von Oettinger zu Mappus als dessen Nachfolger Fraktionschef im baden-württembergischen Landtag.
Strittmatter macht Forstpolitik auf staatlicher Schiene, wenn es um Flächennutzungspläne geht, um Naturschutz und Bannwälder, um Planungsrechte, um Erholungsplanung.
Dass der Vater Forstmann war in Schopfheim im Wiesental und in Kirchzarten bei Freiburg, hat ihn auf jeden Fall beeinflusst. Was indessen der Urgroßvater beruflich vorgelegt hat, war ungewöhnlich: Der Mann aus dem winzigen Strittmatt an der südlichen Ecke des Hotzenwaldes ging nach Freiburg, machte zwei Gaststätten auf und die Posthalterei in Breisach.
Ungewöhnlich in der Biografie des gradlinigen Karrieristen Martin Strittmatter, der 1994 bis 1996 in Brüssel bei der EU-Kommission in der Generaldirektion Landwirtschaft als nationaler Experte tätig war und dann in Bonn zwei Jahre Geschäftsführer des Deutschen Forstwirtschaftsrates, der Vertretung aller Waldbesitzer Deutschlands, ist allenfalls das Forstausbildungs-Auslandspraktikum. Er hat es in der Zentralafrikanischen Republik absolviert, die an Zaire und Sudan grenzt. Ein französischer Freund, beteiligt an einem Entwicklungshilfeprojekt war, hatte ihn dazu gebracht.
Jetzt also Forst-Entwicklung von Tübingen aus, mit Freiburg einer der beiden verbliebenen Forstdirektionen für die vier Regierungsbezirke des Landes. »Nachhaltigkeit«, sagt Strittmatter, der neue Chef in Bebenhausen, »ist heute viel mehr als Holzproduktion« und meint die soziale Funktion des Waldes als Erholungsregion, seine ökologische Funktion, seine Lebensräumen und Artenvielfalt: »Das müssen wir erhalten.«
»Wir brauchen Bäume, die mit dem Klimawandel klarkommen«
Deshalb die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinien der Europäischen Union. Deshalb Konzepte für das Gesamtsystem. Deshalb das »strategische Nachhaltigkeits-Management« des Staates, der sich nach wie vor dazu verpflichtet sehe, nicht nur Gewinnmaximierung anzustreben, sondern die Verantwortung habe für die wirtschaftliche, die soziale und ökologische Funktion des Waldes.
Die forstliche Planungs-Norm sind zehn Jahre. Die perspektivische Planung ist auf rund fünfzig Jahre ausgerichtet. Strategische Nachhaltigkeit zielt auch auf stabile Mischbestände, auf eine »Baumarten-Zusammensetzung, die mit dem Klimawandel klarkommt«, und darauf, dass der Wald mit all seinen Facetten und Aufgaben bleibt, was er nach Strittmatters Definition ist: »Das naturnächste Ökosystem, das wir haben.«
Dazu Zahlen: Baden-Württemberg hat 1,38 Millionen Hektar Wald - 38,1 Prozent der Gesamtfläche. Ziel ist ein Verhältnis von jeweils fünfzig Prozent Nadel- und Laubholz. Laubholz, vorrangig Buche, liegt derzeit bei 42 Prozent. Bei Nadelholz - 58 Prozent - dominiert die Fichte.
Dem Land gehört davon mit 330 000 Hektar Staatswald ein Viertel, 38 Prozent sind Kommunalwald, 37 Prozent Privatwald, ein Prozent gehört dem Bund. Siebzig Prozent des Privatwaldes sind »Kleinprivatwald« in der Hand von rund 220 000 Besitzern, die durchschnittlich 1,3 Hektar bewirtschaften.
Fette Ernte: Mit einem durchschnittlichen Holzvorrat von 365 Kubikmetern pro Hektar liegt Baden-Württemberg in Deutschland hinter Bayern - 403 Kubikmeter pro Hektar - an zweiter Stelle. Bei 130 Millionen Euro lag 2009 für Baden Württemberg der Ertrag aus dem jährlichen Einschlag von 2,1 Millionen Festmetern Holz. (GEA)