Tübinger Rückkehrberater - Wolf Henrik Poos, Rückkehrberater beim Kreis, sieht sich als Helfer der Flüchtlinge bei schweren Entscheidungen

»Weg zurück ist für Flüchtlinge nicht immer einfach«

VON ARNFRIED LENSCHOW

TÜBINGEN. Mit Postern glücklicher Menschen, die in ihre Heimat zurückkehren, hat Wolf Henrik Poos nichts am Hut. Die gerade vom Bund versandten Poster, mit denen für eine freiwillige Rückkehr von Flüchtlingen geworben wird, hat er nicht aufgehängt. Wer sich bis Ende Februar entscheidet, bekommt wesentlich mehr Geld als Starthilfe als bisher, hat das Bundesinnenministerium entschieden. Bis zu 6000 Euro für eine dreiköpfige Familie sind nun möglich, bisher waren es nur 3000 Euro. Ein Angebot, das von Organisationen wie Pro Asyl als »Winterschlussverkauf« kritisiert wurde.

Der schwere Weg zurück ins Herkunftsland wird vom Bund noch bis Ende Februar mit zusätzlichen Prämien belohnt.
Der schwere Weg zurück ins Herkunftsland wird vom Bund noch bis Ende Februar mit zusätzlichen Prämien belohnt. FOTO: dpa
»Zu mir ist noch keiner wegen des Geldes gekommen. Da fragt keiner alles erstes: was kriege ich?«, sagt Poos, der seit Juli beim Kreis für die Rückkehrberatung zuständig ist. Denn keiner kannte die Programme, die von der Bundesregierung bisher zur Unterstützung von Rückkehrwilligen aufgelegt wurden.

Zu ihm kommt man freiwillig, während etwa in Hessen der Leistungsbezug gekoppelt ist mit der Pflicht, ein Gespräch mit dem Rückkehrberater zu führen. »Wir drängen uns keinem auf«, sagt Poos, der weiß, dass es viele Vorbehalte gegen Rückkehrberater gibt. »Jedem Landkreis ist es überlassen, wie man da vorgeht.« Er habe keine Vorgaben, sondern versteht die Rückkehrberatung als Angebot, bei der eigenen Entscheidung zu helfen. Wer sich an ihn wendet, versichert er, bleibe auch anonym.

Plan für Heimatland entwickeln

Bisher habe er nur Flüchtlinge erlebt, die dankbar waren, dass es die Rückkehrberatung gibt, erzählt Poos. Wobei er darauf Wert legt, seine Gespräche mit Flüchtlingen ergebnisoffen zu führen. So kann es auch sein, dass er seine Gesprächspartner zurück an die Asylberatung oder an einen juristischen Beistand verweist, wenn diese doch weiter im Asylverfahren bleiben wollen.

Und er stellt auch klar, dass es nicht für alle Rückkehrer Leistungen gibt. Syrer, die heimwollen, seien nicht »förderfähig«, weil es in ihrem Heimatland keine Organisationen gibt, die Programme für Rückkehrer haben. Poos ist aber froh, dass er in anderen Fällen Geld in die Hand nehmen kann. In manchen Ländern könne man mit relativ wenig Geld eine große Wirkung erzielen.

Prinzipiell sei er für alle Ausländer zuständig, bei Flüchtlingen sowohl für die, die einen Asylantrag gestellt haben oder vorhaben, einen zu stellen, und auch abgelehnte Bewerber. Rund die Hälfte seiner Klientel kommt aus den Westbalkan-Staaten, etwas weniger als die Hälfte aus Syrien oder Irak, erläutert Poos. Darunter sind auch schwierige Fälle.

Was etwa tun mit einem unbegleiteten Flüchtling, der zu seiner Familie zurückkehren will. Der Vormund müsste zustimmen, es müsste sichergestellt sein, dass er am Flughafen abgeholt wird und es müsste klar sein, wo er leben kann. Oder es kommen Langzeitgeduldete, die ihren Lebensabend doch in der alten Heimat verbringen wollen. »Jeder Fall ist anders, und Einzelfälle können sehr komplex sein«, sagt Poos.

Die Konsequenzen einer Rückkehr macht Poos seinen Gesprächspartnern sehr deutlich. Dazu sei er auf Dolmetscher angewiesen. Schließlich müssen die Leute verstehen, was es bedeutet, wenn sie ihren Asylantrag zurückziehen. Oder dass sie das Geld für die Rückreise und die Starthilfe zurückzahlen müssen, wenn sie doch wieder als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. »Da merkt man schon, dass bei manchen im Gespräch der Knoten platzt«, sagt Poos darüber, dass sie sich klarer werden über ihre Situation.

Noch wichtiger für die Rückkehrwilligen dürfte es aber sein, dass Poos dabei hilft, einen Plan für das Heimatland zu entwickeln. »Der Weg zurück ist nicht immer einfach«, sagt er. Das beginnt damit, dass auch die Probleme vor der Ausreise gelöst werden müssen. Ersatzpapiere sind zu beschaffen, oder eine internationale Geburtsurkunde für hier geborene Kinder. Poos sucht für jeden Einzelfall nach Organisationen, die Programme haben, mit denen vor Ort bei der Re-Integration geholfen werden kann.

Hilfsorganisationen finden

Ein Großteil seiner Vorbereitungszeit auf den Job bestand daher darin, sich kundig zu machen über alle Möglichkeiten, die zur Verfügung stehen. »Bei vielen, die zu mir kommen, gibt es kein Vertrauen in die Institutionen in ihrem Heimatland. Da müssen wir schon mal Überzeugungsarbeit leisten, dass eine Hilfsorganisation sie unterstützen kann.«

Der Rückkehrberater ist sich aber der eigenen Grenzen bewusst. Schließlich könne er nicht über die Lage in allen Ländern Bescheid wissen. In Afrika sei er noch nie gewesen. Eine Exkursion, oder besser gesagt eine Dienstreise, nach Kosovo und Albanien hat ihm zumindest geholfen, einen Eindruck zu bekommen von Ländern des Balkans, aus denen Menschen nach Deutschland geflüchtet sind.

Dass er zuvor in Bonn in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet hat und seinen Magister in Mittelasien-Kaukasienwissenschaft in Berlin abgelegt hat, hilft dem gebürtigen Hannoveraner, der Anfang des kommenden Jahres seinen 40. Geburtstag feiert.

Auch Auslandserfahrung hat er durch Feldforschung für das Zentrum für Entwicklungsforschung der Uni Bonn gewonnen, etwa bei der Arbeit in einer usbekischen Baumwollkolchose. Dort hat er auch versucht, Usbekisch, das verwandt ist mit dem Türkischen, und Russisch zu lernen.

Über zu wenig Arbeit kann sich Poos nicht beklagen. Sozialarbeiter, aber auch Ehrenamtliche sorgen dafür, dass Flüchtlinge, die über eine Rückkehr nachdenken, bei ihm landen. So hat ihm eine Kollegin aus dem Sozialdienst eine Familie vermittelt, die nur noch weg wollte, weil hier alles problematischer ist, als sie es sich vorgestellt haben, und alles viel zu lange dauert. Ein Iraker wollte zurück, weil seine Eltern, die keine anderen Verwandten zur Betreuung haben, nach einem Autounfall schwer verletzt im Krankenhaus lagen.

Gegen Rückkehr entschieden

Bisher waren es bei Poos 37 Beratungsfälle, sowohl Einzelpersonen als auch Familien. In 13 Fällen, die rund 30 Personen betrafen, gab es danach eine Rückkehr. In einem Fall nach Frankreich, das Erstaufnahmeland, wo ein iranisches Ehepaar seinen Asylantrag hätten stellen müssen. Aber auch Fragen, wie es mit einer Weiterwanderung in einen Drittstaat aussieht, etwa Australien oder Kanada, hilft Poos zu klären.

Eine Handvoll hat sich nach seiner Beratung aber auch bewusst gegen eine Rückkehr entschieden. »Sie sehen vielleicht im Gespräch, dass der Rechtsweg noch offen ist. Der Hauptgrund ist aber: Sie haben noch nicht mit der Hoffnung abgeschlossen, hier in Deutschland zu bleiben.« (GEA)



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