Umwelt - Die Uni Tübingen will Vorreiterin in Sachen Nachhaltigkeit werden. Als Erste im Süden der Republik. Töpfer: Können uns das Wegwerf-Prinzip nicht mehr leisten
»Umfassendes Leuchten«
TÜBINGEN. Bernd Jastorff weiß, wie man's macht: Man installiert einen Umwelt-Ausschuss, sorgt dafür, dass alle wichtigen Gruppen vertreten sind und auch die Professoren mitmachen, sucht sich Partner und Gutachter. Dann folgen Bestandsaufnahme und Machbarkeitsstudie. Gestartet wird mit Vorzeige-Projekten, sogenannten Leuchttürmen. Danach werden weitere Lichter angezündet. Gemeinsam steuert man aufs Ziel zu, und das heißt: »Umfassendes Leuchten«.
»Es gab viele die gesagt haben, das schaffen wir nie«, berichtet Jastorff. Der Leiter des Zentrums für Umweltforschung und nachhaltige Technologie und seine Mitstreiter haben in Bremen das Gegenteil bewiesen. Seit 2004 hat die Uni dort das begehrte EMAS-Zertifikat. Weil Tübingen Ähnliches vorhat, wurde der Chemie-Professor aus dem Norden zusammen mit anderen Experten um einen Erfahrungsbericht gebeten.
Die Uni Tübingen hat am Dienstag und Mittwoch den ersten großen Schritt unternommen. Erst traten Klaus Töpfer als ehemaliger Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und Baden-Württembergs Umweltministerin Tanja Gönner ans Pult. Tags darauf ging man in Arbeitsgruppen und skizzierte möglichst konkret das weitere Vorgehen. An den Workshops nahmen rund 80 Studierende und Angehörige der Uni teil. Die Initiatoren wollen über den Umweltschutz-Gedanken hinausgehen und Strategien für eine nachhaltige Hochschule entwickeln.
»Der Marktplatz muss wichtiger werden als der Parkplatz. Das ist Nachhaltigkeit«
Ministerin Gönner bekundete ihre Sympathie und versprach ideelle und finanzielle Unterstützung. Sie hofft auf wichtige Impulse aus den Unis und ist überzeugt: »Bildung ist die Voraussetzung für nachhaltiges Handeln.« Die Thematik müsse Bestandteil der Ausbildung an Hochschulen werden.
Töpfer betonte, »Wir können uns das Wegwerfprinzip nicht mehr leisten«, und hatte unter anderem eine anschauliche Definition parat: »Der Marktplatz muss wichtiger werden als der Parkplatz. Das ist Nachhaltigkeit.«
Der ehemalige Bundesminister plädiert für kleine Netzwerke und ganz konkrete Schritte. »Stellen Sie sich vor, ein Programmpunkt von »Greening the University« wäre, dass der Anteil an regionalen Produkten in der Mensa um 25 Prozent steigt. Man könnte Partnerschaften mit regionalen Lieferanten eingehen.«
Erfreut registrierte Töpfer das Angebot von Boris Palmer, der erneut für den Neubau eines Heizkraftwerks bei den Naturwissenschaften auf der Morgenstelle warb. Dem OB zufolge könnten dort in umweltfreundlicher Kraft-Wärme-Kopplung und mit einer Gas-Turbine zehn Prozent des Tübinger Stroms produziert werden. Schon Gerhard Mayer-Vorfelder habe als Finanzminister eingeräumt, dass dort ein großes Einspar-Potenzial bestehe. Töpfer hält das Kraftwerk für eine ausgezeichnete Idee: »An dem Tag, an dem der erste Spatenstich stattfindet, machen wir ein Symposium und hinterher einen Umtrunk, und ich bringe die ersten 50 Flaschen Wein mit.«
Uni-Rektor Bernd Engler hofft, dass das Symposium »die Initial-Zündung« für die EMAS-Zertifizierung bringt und bescheinigte den Studierenden, sie hätten einen wichtigen Anstoß gegeben. Kanzler Andreas Rothfuß beteiligte sich selbst an den Workshops und am Erstellen eines ersten Aktionsprogramms.
Doris Sövegjarto-Wigbers aus Bremen riet den Tübingern, stets alle Informationen breit zu streuen und die Öffentlichkeit als Verbündeten zu betrachten. Umwelt-Management bringe letztlich auch Imagegewinn. (GEA)
GREENING THE UNIVERSITY
Eine Initiative von Studierenden hat sich vorgenommen, wirksame Schritte für Ökologie und Nachhaltigkeit an der Uni Tübingen zu unternehmen. Sie hat das Symposium vorbereitet und organisiert. Seit dem Wintersemester 2007/2008 trifft sich die 15-köpfige Gruppe im zweiwöchentlichen Rhythmus - bei Bedarf öfter. Bei der Uni-Leitung rannten die jungen Leute mit ihrem Anliegen offene Türen ein. Kanzler Andreas Rothfuß: »Ich bin begeistert, wie kreativ unsere Studierenden sind.« (-jk)
EMAS - UMWELTZERTIFIKAT
Die Abkürzung EMAS steht für Eco-Management and Audit Scheme, auch bekannt als EU-Öko-Audit. EMAS wurde von der Europäischen Union entwickelt und entspricht weitgehend der internationalen Norm ISO 14001. Es handelt sich um eine freiwillige Verpflichtung. Das Verfahren ist in einzelnen Schritten festgelegt. Die Uni Tübingen ist die erste Hochschule im Süden Deutschlands, die diesen Prozess startet. (-jk)