Uniklinik - Forschungsinstitut für Frauengesundheit sorgt über breit gefächertes Netzwerk laiengerecht für Aufklärung

»Es gibt noch zu viele Tabuthemen«

VON INES STÖHR

TÜBINGEN. Die einen trauen sich nicht mehr in die Öffentlichkeit, weil sie an Blasenschwäche leiden und befürchten, nach Urin zu riechen. Andere ignorieren Vorsorgeuntersuchungen aus Angst vor der Diagnose Brustkrebs und dem mit der Behandlung befürchteten Verlust ihrer Weiblichkeit. »Es gibt noch immer viel zu viele Tabuthemen«, weiß Sara Brucker, Ärztliche Direktorin des Tübinger Forschungsinstitut für Frauengesundheit (FFG). Dies ist hervorgegangen aus dem vor zehn Jahren gegründeten Institut für Frauengesundheit (IFG), das mit gebündeltem Expertenwissen sowie laiengerecht und verständlich aufbereiten medizinischen Informationen aufklären will.

Schon länger habe sie die Idee gehabt, dem Thema Frauengesundheit ein eigenes Ressort zu widmen, sagt Brucker. Der höchste Stellenwert komme der Aufklärungs- und Präventionsarbeit zu. Gerade Letztere spiele eine große Rolle. Sie habe das zu Beginn ihres Arbeitslebens in der Schweiz erfahren. Dort hat die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei jungen Frauen nach Schulbesuchen von Frauenärzten und offenen Gesprächen über Verhütung erheblich abgenommen.

Brustkrebs ist der am häufigsten vorkommende Tumor bei Frauen. Jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens inzwischen daran. Obwohl das Thema über die Brustkrebszentren mittlerweile gut kommuniziert wird, nehmen viele Frauen die Präventionsangebote nicht wahr. Dabei gibt es für junge Frauen mit der Diagnose Krebs über das Netzwerk »Fertiprotekt« inzwischen sogar die Möglichkeit, Eizellen vor der Krebstherapie einfrieren zu lassen und so später noch Kinder zu bekommen.

Ein anderes Tabuthema: Blasenschwäche. »Das betrifft viele Frauen«, sagt Brucker. »Und nicht nur Ältere. Viele junge Sportlerinnen leiden darunter. Die Dunkelziffer ist hoch. Dabei ist das Problem ganz einfach mit einer kleinen Operation zu beheben.«

»Wenn wir Frauen dazubekommen, auf ihre Gesundheit zu achten, dann bekommen wir auch die Männer und die ganze Familie dazu«, weiß Brucker. »Zur Aufklärung müssen wir aber alle Player mit ins Boot holen wie Selbsthilfegruppen, Landfrauen, Frauenverbände und die Volkshochschule.« Daneben bietet das Institut Tage zur Frauengesundheit sowie über die Frauenakademie einmal im Monat Vorträge und Diskussionen zu ausgesuchten Themen mit 50 bis 80 Teilnehmerinnen an.

»Viele junge Sportlerinnen leiden unter Blasenschwäche« §§ »Wir sprechen aber auch Betriebsärzte in großen Firmen an, um dort Vorträge zu halten«, so Brucker. Es gehe darum, nicht nur von Arzt zu Frau zu informieren, sondern in größerem Rahmen und auf verschiedenen Ebenen. »Die Frauen müssen in ihrem sozialen Umfeld abgeholt werden«, weiß die Medizinerin. »Daher sind zum Beispiel Besuche in türkischen Vereinen ganz wichtig.«

Ein besonderes Augenmerk richtet das Institut auf die Gruppe von jungen Mädchen zwischen zehn und 16 Jahren in der Übergangsphase vom Kind zur Jugendlichen, in der der Kinderarzt nicht mehr und der Frauenarzt nach deren Gefühl noch nicht zuständig ist. Und auf Frauen im Alter von 50 bis 69, die außer der alle zwei Jahre fälligen Mammografie zur Brustkrebsvorsorge schwierig zu erreichen und damit in einer Versorgungslücke sind.

»Junge Mädchen klären wir über die Folgen des Rauchens und der falschen Ernährung – von Magersucht bis Adipositas – zum Beispiel auch in Bezug auf das Krebsrisiko auf«, erklärt Brucker. Aber auch über sexuell übertragbare Krankheiten wie Chlamydien. Auch Syphilis nehme wieder zu. Während sie in der Regel über HIV bestens informiert sind, haben die Teenager von anderen Krankheiten keine Ahnung. So kommen immer mal wieder Mädchen mit einem Bauch voller Eiter zur Behandlung. Solche Infektionen können zum Verschluss der Eileiter und ungewollter Kinderlosigkeit führen.

§§ »Frauen haben einen ganz anderen Stoffwechsel als Männer«
 
»Nicht unproblematisch ist auch die Freigabe der Pille danach«, sagt Brucker. In Deutschland wäre sie eigentlich nicht notwendig, da die Betroffenen aufgrund des guten Netzwerks von niedergelassenen Frauenärzten innerhalb von zwölf Stunden einen Gynäkologen konsultieren können. Das Thema Schwangerschaft werde nicht mehr diskutiert, wenn ein Besuch in der Apotheke ausreicht.

Älteren Frauen will das Institut die Ängste vor einer Hormonersatztherapie nehmen. »Sie kann Frauen in den Wechseljahren viel an Lebensqualität zurückgeben«, versichert Brucker. Bei einer Anwendung von ein bis zwei Jahren habe die Therapie auch keine negativen Auswirkungen mehr. Ein weiteres Thema: Osteoporose. Viele Frauen denken, das gehört zum Alter dazu. Die Ursache des Knochenschwunds liege aber oft an einem Mangel an Vitamin D und zu wenig Bewegung im Freien. Frauen haben auch andere Krankheits-Symptome als Männer. Nicht nur bei einem Herzinfarkt. Während er sich bei Männern mit stechendem Brustschmerz, Schmerzen in der linken Schulter und einem Gefühl der Beklemmung bemerkbar macht, können bei Frauen körperliche Schwäche, Übelkeit, Erbrechen und Kurzatmigkeit auf einen Herzinfarkt hinweisen. »Da gerade in diesem Fall jede Minute zählt, ist es gefährlich, eine falsche Diagnose zu stellen«, sagt Brucker.

Auch Aspirin wirkt bei Frauen anders als bei Männern. Bisher gibt es jedoch keine Studien zur unterschiedlichen Wirkung von Medikamenten, die in der Regel an Männern getestet werden. »Frauen haben aber einen ganz anderen Stoffwechsel und Hormonhaushalt als Männer. Die Therapien sollten daher unterschiedlich sein.« Männer wollen mittlerweile übrigens auch ein eigenes Institut, weiß Brucker. Einen Initiativkreis in Tübingen gebe es bereits. (GEA)



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