Wissenschaft - Forscher befürchten: Ein Klagerecht für Tierschutzverbände bremst den medizinischen Fortschritt

»Das ist die Arroganz der Gesunden«

Von Philipp Förder

TÜBINGEN. Mit 18 hat er seine erste Brille bekommen. Diagnose: kurzsichtig. Auf die Frage, warum er kurzsichtig sei, murmelte die Augenärztin etwas von »genetisch bedingt«. Heute, 42 Jahre später, weiß Hans-Peter Thier, was ihm zu einer Brille verholfen hat. Neben einer tatsächlich vorhandenen genetischen Veranlagung sind unnatürliche Seherfahrungen in der Kindheit die Ursache für Kurzsichtigkeit: die Tatsache, dass zu einem großen Teil nur Seherfahrungen im Nahbereich gemacht werden.

Symbolbild
Symbolbild FOTO: dpa
Herausgefunden haben dies die amerikanischen Wissenschaftler und Nobelpreisträger David Hubel und Torsten Wiesel. Dabei wollten sie eigentlich etwas ganz anderes untersuchen, wollten grundsätzlich herausfinden, wie das Gehirn Sehen ermöglicht und der Frage nachgehen, warum Kinder schwachsichtig sind, also kein räumliches Sehen haben und keine Bewegungen wahrnehmen können. Dafür haben die amerikanischen Forscher jungen Affen die Augen zugenäht, um ihnen den Seheindruck zu nehmen. Als die Augen wieder geöffnet wurden, waren die Affen tatsächlich schwachsichtig. Aber, zur Überraschung der Wissenschaftler, auch kurzsichtig. Womit der Weg geöffnet war für ein neues Verständnis von Kurzsichtigkeit.

»Die Patienten, die kommen in der ganzen Diskussion gar nicht vor«
 

Hans-Peter Thier ist Hirnforscher wie die beiden Amerikaner und heute Leiter der Abteilung Kognitive Neurologie am Tübinger Hertie-Institut für klinische Hirnforschung. Auch er forscht an Tieren und ist deshalb immer wieder Angriffsziel von Tierschützern. Als einer, der aber nicht nur forscht, sondern als Ärztlicher Direktor an der Uniklinik gleichzeitig das Leid vieler Patienten vor Augen hat, ärgert er sich über die »emotionale Einseitigkeit« und über »die Arroganz der Gesunden«, mit der über Tierversuche diskutiert und gestritten wird: »Da werden wir Wissenschaftler so dargestellt, als ob wir leichtfertig mit Tieren umgehen und in faustischer Manier in dunklen Kammern werkeln. Die Patienten aber, die kommen in der ganzen Diskussion gar nicht vor. Dabei basiert fast alles, wovon die Menschen in der Medizin heute profitieren, auf tiermedizinischer Forschung.«

Als junger Doktorand, erzählt Thier, habe er auch zunächst Probleme gehabt mit Tierversuchen. Was ihm heute diese Forschung möglich macht, ist die Überzeugung vom Nutzen für den Menschen. Der Impfstoff gegen Kinderlähmung? Entwickelt an Rhesusaffen. Das Erregerprinzip des Rinderwahnsinns? Enträtselt an Affen. Alzheimer-Forschung? Undenkbar ohne Versuche an Nagern. Das Retina-Implantat seines Tübinger Kollegen Eberhart Zrenner, das Blinden wenigstens wieder ein schemenhaftes Sehen ermöglicht? »Die ganzen Vorarbeiten beruhen auf Tierexperimenten mit Schweinen und Nagern.«

Vor diesem Hintergrund betrachten Thier und seine Wissenschaftler-Kollegen die mögliche Einführung eines Verbandsklagerechts für Tierschutzvereine in Baden-Württemberg mit großer Sorge. Dies, warnt die Uni Tübingen in ihrer Stellungnahme in der laufenden Anhörung, »würde die international sichtbare biomedizinische Forschung in Tübingen massiv behindern«. Schließlich waren gerade die Neurowissenschaften ein Baustein für die erfolgreiche Bewerbung der Uni in der Exzellenz-Initiative.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft sieht in einem zusätzlichen Klagerecht für die Tierschutzverbände »eine enorme Belastung für den Forschungsstandort Deutschland«. Wie schwierig diese Forschung ohnehin schon ist, zeigt der Fall von Andreas Kreiter in Bremen. Der Hirnforscher betreibt dort an der Universität Grundlagenforschung an Makaken. Seine Versuche hatte die Gesundheitsbehörde immer zugelassen, 2008 aber auf politischen Druck hin die Genehmigung verweigert.

Kreiter klagte und bekam recht. Im Dezember entschied das Oberverwaltungsgericht, dass die Forschung von »außerordentlicher Bedeutung« sei. Fünf Jahre hat die Auseinandersetzung gedauert - eine Horrorvorstellung für die Wissenschaftler, dass bei einem Verbandsklagerecht künftig jede Genehmigung vor Gericht angefochten werden kann. »Das zerstört unsere Arbeitsgrundlage«, kritisiert Hans-Peter Thier. Spitzenforschung läuft heute fast immer in großen internationalen Kooperationen. Würden sich in Deutschland Genehmigungsverfahren über Jahre hinziehen, wären deutsche Wissenschaftler schnell auf dem Abstellgleis, befürchtet er.

»Die Behauptung, dass man so etwas am Computer modellieren könnte, ist Käse«
 

Abgesehen davon, dass es heute manchmal schon schwierig ist, wissenschaftlichen Nachwuchs zu finden. Wer sich dafür entscheidet, sieht sich oft genug behandelt wie bei der Inquisition, hat Thier bei seinen Mitarbeitern erfahren: »Das Thema Tierversuche ist so tabuisiert, dass junge Leute Schwierigkeiten haben mitzumachen und sich fragen, warum sie sich das antun sollen.«

In Tübingen arbeiten in vier Institutionen 200 bis 300 Wissenschaftler mit Tieren, unter anderem zur Erforschung von Parkinson und Alzheimer. Hans-Peter Thiers Spezialgebiet sind Bewegungsstörungen, die aus Erkrankungen des Kleinhirns resultieren und bis heute nicht behandelt werden können. Wer darunter leidet, bewegt sich, als ob er sturzbetrunken wäre; er torkelt, hat keine Präzision in seinen Bewegungen.

»Viele Patienten haben Probleme mit ihrer Umgebung, weil jeder denkt, dass sie heimliche Trinker sind«, berichtet Thier. Eine Zeit lang hat man den Kranken Medikamente gegeben, die aber wirkungslos blieben, weil die Ursachen der Störung nicht bekannt sind. »Man muss erst einmal verstehen, was da eigentlich passiert, und dafür müssen wir wissen, wie unser Gehirn funktioniert.«

Und das, sagt der Neuro- und Biologe Thier, geht nicht ohne Tierversuche: »Die Behauptung von Tierschützern, dass man so etwas am Computer modellieren könnte, ist Käse. Unser Gehirn hat etwa zehn Milliarden Nervenzellen, und jede ist komplizierter als ein Computerchip. Es gibt nichts Komplexeres als das menschliche Gehirn.«

Thier widerspricht auch der Vorstellung, dass Tiere leichtfertig für Versuche eingesetzt würden. Nicht nur ethische, auch ökonomische Gründe sprechen dagegen. Ein Rhesusaffe, den die Tübinger vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen beziehen, kostet etwa 8 000 Euro. Schon deshalb gehen die Forscher achtsam mit ihren Versuchstieren um. »Wir hatten Affen«, berichtet Thier, »mit denen haben wir zehn Jahre gearbeitet.«

»Man kann Anwendungs- und Grundlagenforschung nicht trennen«
 

Ob überhaupt Tiere eingesetzt werden müssen, hängt immer von der Fragestellung ab. Oft arbeitet der Neurologe mit Patienten und gesunden Versuchspersonen, mit der Beobachtung von Bewegungsabläufen, mit psychophysischen Methoden oder mit Beobachtungen des Gehirns durch Kernspintomografie. »Nur wenn es die Fragestellung unbedingt erfordert, setzen wir Tiere ein, Mäuse, Ratten und auch Rhesusaffen, denn nur Affen verfügen über ähnliche Hände und Sehsysteme wie Menschen.«

Wenn etwa der Deutsche Tierschutzbund besonders die Grundlagenforschung kritisiert, »denn hier werden den Affen beispielsweise ohne Zweckbestimmung, aus reiner Forscherneugier, Elektroden ins Gehirn getrieben«, hält der Wissenschaftler dagegen: »Es gibt eine ganz enge Beziehung zwischen Anwendungs- und Grundlagenforschung. Das kann man nicht trennen.«

Am Ende steht immer die Frage, wie viel Tier der Mensch nutzen darf. Zum Essen, zum Vergnügen, für seine Gesundheit. Für Hans-Peter Thier ist klar: »Der Mensch kann nicht leben, ohne Tiere zu nutzen.« (GEA)

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