Tübingen
Bildung - Das Mössinger Firstwald-Gymnasium hat im Schullabor das Konzept »Abitur im eigenen Takt« entwickelt

»Abitur im eigenen Takt«: Das Tempo selbst wählen

Von Michael Merkle

MÖSSINGEN. Die Initiative hat es in sich, das Konzept heißt »Abitur im eigenen Takt«. »Es könnte den Gordischen Knoten zwischen G8 und G9 zerschlagen«, ist Friedemann Stöffler überzeugt. Der Lehrer des Mössinger Firstwald-Gymnasiums war maßgeblich an seiner Erarbeitung beteiligt. Im Kultusministerium, wo das Konzept bereits vorgelegt wurde, so berichtet Rektor Helmut Dreher, sei es auf großes Interesse gestoßen. Ob und wie es möglich ist, dieses mit einem Schulversuch Realität werden zu lassen, damit befassen sich nach Darstellung von Dreher im Ministerium nun fürs Abitur und das Gymnasium beauftragte Fachkräfte sowie ein Jurist. Es geht darum, was im Rahmen der Kultusministerkonferenz möglich ist und was eventuell umgewandelt werden muss.

Gymnasiasten waren nicht immer von G8 begeistert, viele sehen sich mit viel Lernstoff in kürzerer Zeit konfrontiert. Die Folge ist eine höhere Belastung und weniger Freizeit. FOTO:  AP
Kern des Konzepts ist eine Flexibilisierung der fürs Abitur relevanten Oberstufenphase. Die Schüler sollen mit sogenannten »Modulen« - dahinter verbergen sich Kurse mit Fächern pro Halbjahr - ihren individuellen Weg zum Abitur finden. Dieser kann über zwei oder drei Jahre gehen. Einzelne Module, die nicht gemeistert wurden, könnten einmalig wiederholt werden. Durch die Anzahl der belegten und bestandenen Kurse entscheidet sich, ob der Schüler das Abi in zwei oder drei Jahren in der Tasche hat.

Unterschiedliche Voraussetzungen bei Begabung und (Vor-)bildung werden so besser berücksichtigt. Auch die Formen der Leistungsmessung sollen vielfältiger sein. Es soll nicht immer nur auf Klausuren gesetzt werden. Auch Realschulabsolventen und Leute, die ein Jahr im Ausland waren, könnten in die flexibel gestaltete Oberstufe einsteigen.

Auslandsaufenthalt wird leichter

Als Preisträger-Schule beim Deutschen Schulpreis 2010 (siehe auch nebenstehende Box) hat die Schule zusammen mit den ebenfalls zur »Lerngemeinschaft« gehörenden Gymnasien, dem Karl-von-Frisch-Gymnasium in Dußlingen, dem Gymnasium Sankt Meinrad in Rottenburg sowie dem Gymnasium in Neckartenzlingen das Konzept entwickelt. Der Standard bleibt im Prinzip G8, kann aber mit einem Auslandsaufenthalt oder einer einjährigen Phase der Wiederholungen für Realschüler und Gymnasiasten mit Nachholbedarf zeitlich auch zu G9 werden. Durch diese zeitliche Flexibilität wäre es zudem für Schüler leichter, Zusatzangebote wie Praktika in die vollgepackte Oberstufe zu integrieren.

Das Konzept setzt nicht zuletzt auf mehr Eigenverantwortung. Die Lehrer werden zu »Lernbegleitern«. Das andere Kurssystem, das kollektive Unterrichtsformen wie Vorlesungen und Übungsgruppen kennt, soll es Lehrern ermöglichen, frei werdende Deputatsstunden in die individuelle Förderung und gezielte Betreuung als Mentoren investieren zu können. Auch ältere Schüler fungieren, wie schon praktiziert, als Tutoren.

Alle wollten es einführen

Die Resonanz in den Schulen auf das Konzept ist ausgesprochen positiv. Im Firstwald-Gymnasium wurde es einem interessierten Kreis von rund 50 Eltern am vergangenen Dienstag vorgestellt. Es gab nur Zustimmung. »Alle waren dafür, es einzuführen«, so Stöffler. Ähnlich positiv das Ergebnis einer Umfrage zur Reform der Kursstufe im Karl-von-Frisch-Gymnasium: Knapp 54 Prozent sahen darin eine gute Idee. Bei den Schülern gaben fast zwei Drittel der Befragten an, dass sie sich überlegt hätten, ihre Kurse auf drei Jahre zu verteilen, wenn es diese Option gegeben hätte.

Insgesamt soll mit dem Konzept mehr Schülern der Weg zum Abitur ermöglicht werden. Es gehe dabei aber nicht um ein niedrigeres Niveau oder eine Entwertung, sondern um ein passgenaues Lernangebot. »Ein Stück weit Schule anders denken«, nennt es Friedemann Stöffler. Fritz Gugel, Rektor des Frisch-Gymnasiums, habe offenbar die Rückmeldung von Schülern erhalten, dass es viele toll fänden, sich mit mehr Zeit mit Dingen intensiver befassen zu können.

Klappt alles, könnte ein Schulversuch schon 2013 losgehen. »Es ist eine menschengemäßere Form, nicht Durchhecheln zu müssen«, ist Friedemann Stöffler überzeugt. Die Bildungslandschaft sei reif für so was. Die Idee für das Konzept haben Helmut Dreher und Friedemann Stöffler bei einem Besuch in Finnland bekommen. Hier gibt es für die ebenfalls flexible Oberstufe extra Schulen. Egal, ob hochbegabt oder mit Handicap - mit dem Konzept lasse sich laut Helmut Drehers die Heterogenität der Schüler »ein Stück weit auffangen«. (GEA)

Preisträgerschulen dürfen Schullabor einrichten

Erfolg zahlt sich aus. Mit Blick auf den Deutschen Schulpreis, bei dem das Mössinger Firstwald-Gymnasium 2010 den »Preis der Akademie« erhalten hatte, bedeutet das nicht nur die Würdigung der Strukturen der Schule und die 15 000 Euro Preisgeld. Die Preisträger-Schule darf nun auch ein Schullabor einrichten, das von der Robert-Bosch-Stiftung mit 20 000 Euro gefördert wird. Sie musste sich dazu Partnerschulen als »Lerngemeinschaft« suchen, die sie in Dußlingen, Rottenburg und Neckartenzlingen gefunden hat. Beim Schullabor gilt es, mit einem gemeinsamen Arbeitsprogramm ein innovatives pädagogisches Projekt zu entwickeln, das auch für andere Schulen sinnvoll sein kann. Das Firstwald-Gymnasium hat als Konzept nun das »Abitur im eigenen Takt vorgelegt«, das den Weg zum Abi flexibel gestaltet. Jeder Schüler wählt mit Modulen seinen Weg zwischen G8 und G9. (GEA)

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