Szene Aktuell - Die Konzertkritiken - Howe Gelb Piano Trio begeistert im Kulturzentrum franz.K

"Spiel's noch einmal, Howe"

VON RAINER BÄTZ

REUTLINGEN. Howe Gelb, Sänger, Gitarrist, Pianist, Songwriter und Produzent aus Tuscon, Arizona, hat in vier Jahrzehnten mit mehr als 50 Tonträgern Musikgeschichte geschrieben. Die Experimentierfreude des Alternativ-Country-Rockers manifestiert sich in zahlreichen Ausflügen in verschiedenste Genres, von Zigeunermusik über Gospel bis hin zum Elektro-Pop. Auf der aktuellen Tour mit dem Howe Gelb Piano Trio, die jetzt im franz.K endete, bewegt sich der mittler-weile 61-Jährige in den Gefilden des Jazz.

Das Howe Gelb Piano Trio in Aktion. FOTO: FRANK GRIESHABER
Das Howe Gelb Piano Trio in Aktion. FOTO: FRANK GRIESHABER
Das Licht ist gedämmt. Kleine Lichter erhellen die runden Tischchen, an denen gut 150 Besucher Platz gefunden haben, als die Künstler kurz nach acht die Bühne betreten. Heute als Quartett, denn neben dem Dänen Thøger Lund am Kontrabass und dem Schweden Andrew Collberg am Schlagzeug, beide mit Wahlheimat Arizona und alte Weggefährten Howes, ergänzt der Holländer Jan-Bart »JB« Meijers mit Stimme und Gibson Jazz-Gitarre die Besetzung. Howe Gelb selbst nimmt mit Hut, Sakko und Cowboystiefeln am Steinweg-Flügel Platz.

Schon nach wenigen Takten versetzt er das Publikum unmittelbar in die intime, nächtliche Atmosphäre einer Bar, in die sich einsame Seelen in einer verregneten Nacht verloren haben. Mit seinem weichen, sonoren Bass, teils gesungen, teils gesprochen, strahlt er die Reife eines Mannes aus, der gelebt hat, was er in seinem neuen Oeuvre über Liebe, Beziehungen und das Leben zu sagen hat.

Es sind Kreationen am Piano im Stile der Klassiker eines Cole Porter oder Burt Bacharach. »Future Standards« heißt sein Ende 2016 veröffentlichtes Album, dessen Name zu Recht Programm ist, denn Lieder wie »Terribly So« oder »Irrespondsible Lovers« klingen in der Tat, als wären sie längst von Sinatra gesungen. So reiht sich mit George Jones »I Always Get Lucky With You« auch ein Standard aus der Vergangenheit nahtlos ein, natürlich frei interpretiert.

Routiniert bearbeitet er die Tasten, mal hart, mal verspielt, und die Akkordfolgen mit einer Fülle von Melodien verzierend, die er oft erst im Moment zu finden scheint. Hin und wieder bedient er sich zum Amusement des Publikums der Saiten im Inneren seines Instruments, dessen vordere Abdeckung er kurzerhand entfernt.

Gleichwohl Gentleman und Entertainer versteht er es, die Zuhörer vom ersten Moment an zu packen und nicht mehr loszulassen, zumal es nach den ersten Standards zunehmend temporeicher zugeht. Die Cowboystiefel geben den Takt vor. Der Barjazz tendiert zum Boogie Woogie, bei dem der kongeniale JB Meijers ordentlich auspackt, mit Effekt, laut und verzerrt.

Eine Setlist gibt es nicht. Howe bummelt weitgehend spontan durch seinen Fundus. Die Arrangements sind offen. Nach Laune lässt er die anderen sich entfalten, die seinen Eskapaden mühelos gerecht werden. Mit brillanten Bassfiguren, feinen Gitarren-licks und dezentem Schlagzeugspiel gibt die Band den »zukünftigen Klassikern« Gestalt.

Nach kurzer Pause ein Szenenwechsel, denn »Too much piano can also be punishment« (Zu viel Klavierspiel kann auch Bestrafung sein). Howe trennt sich vom Sakko und greift zur Ovation-Gitarre. Es folgt eine Reminiszenz an frühere Zeiten, ein Paket Alternative-Folk und Country, wie in den besten Tagen von Giant Sand, seines wohl erfolgreichsten Bandprojekts.

Das Publikum quittiert es mit großem Wohlwollen, insbesondere, als er bei »Song So Wrong« meisterlich mit dem Tempo variiert. Ein Riesenspaß.

Mit JB Meijers »Calm After The Storm« weht noch eine Brise Eurovision Song Contest herein, bevor wieder Barjazz-Piano-Kost vom Allerfeinsten serviert wird, komplettiert von JB am Flügelhorn. Projizierte Rauchschwaden tun ein Übriges. Fehlt nur Ingrid Bergman, die sich an den Flügel lehnt und »Spiel es noch einmal, Howe!« haucht. Statt Ingrid gibt es Zugabe satt, in die sich wie zufällig noch eine Jazz-Improvisation von »All Along The Watchtower« einmischt.

Einmal mehr hat sich Howe Gelb musikalisch neu erfunden. Seine brandneue CD trägt den Titel »Further Standards«. Den Schalk hat er stets im Nacken. (GEA)

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