Reutlingen
Finanzkrise - In Reutlingen lebende Griechinnen und Griechen zur Situation ihres Heimatlands

Zwischen Trauer und Wut

VON UNSEREN REDAKTIONSMITGLIEDERN

REUTLINGEN/ATHEN. Ist Griechenland vor der Finanzpleite noch zu retten? Die Pläne dafür scheinen voranzukommen. Die Bundeskanzlerin und der französische Staatspräsident haben sich grundsätzlich darauf geeinigt, dass der private Sektor beteiligt werden soll. Parallel jedoch schwelt die Regierungskrise in Griechenland weiter, gehen die Menschen gegen die harschen Sparmaßnahmen und Kürzungen auf die Straße. Der GEA hat in Reutlingen lebende Griechen gefragt, was sie von der Situation in ihrem Heimatland halten.

»Das bewegt uns alle«, kommentiert Stavroula Zilidou-Früh die Geschehnisse. Die heute 52-Jährige kam zum ersten Mal 1972 mit ihren Eltern nach Deutschland, entschied sich 1978 aber zurückzugehen. Erst 1996 zog es sie wieder hierher, hauptsächlich um den Kindern einen Studienplatz zu ermöglichen. Seit einiger Zeit ist sie mit einem Reisebüro selbstständig. Sie engagierte sich im Ausländerrat und leitet aktuell den griechischen Frauenverein Reutlingen.

Traurig macht sie die griechische Staatskrise, aber vor allem wütend. Dass es in ihrer Heimat korrupte Politiker gibt, das weiß sie. »Die leben nach ein paar Jahren im Amt gut von ihrer Rente, aber die Kleinen trifft's«, sagt sie. Ebenso wie das normale Volk gehören die Staatsmänner für Fehltritte bestraft, findet sie. Einen Rücktritt Papandreous fordert sie aber nicht: »Wer kommt dann, und was soll der machen?«.



Eine Mitschuld der Einwohner an der Misere sieht sie nur bedingt. Schwarzarbeit sei ein Problem, ja. Die Menschen hätten noch nicht verstanden, dass das Geld, das sie dem Staat in Form von Steuern geben, letztlich auch ihnen wieder zugutekomme. Aber mit einem Vorurteil möchte sie rigoros aufräumen: »Die Griechen sind alles andere als faul, sie arbeiten hart.«

Was also lief falsch, fragt sich Zilidou-Früh. Sie persönlich glaubt an einen »externen Feind«, ein großes Land oder große Firmen, die an einer Pleite Griechenlands Interesse haben. Ihr Wunsch wäre es, dass Papandreou auf die Hilfsgelder der EU verzichtet und die Griechen ganz neu anfangen. Sie glaubt, dass viele ihrer Landsleute ihre eindeutige Meinung teilen: »Raus aus der EU - zurück zur Drachme«. Griechenland sei in keinerlei Hinsicht mit Deutschland oder Frankreich vergleichbar und habe gar nicht die Möglichkeit, echter Teil der EU zu werden. Das sei auch eine Frage des Stolzes. »In schweren Zeiten halten die Griechen aber zusammen«, sagt sie und beruft sich auf das ihnen eigene »Filotimo«. Ein kaum übersetzbarer Ausdruck. »Er hat etwas damit zu tun, dass man Herz hat«, so Zilidou-Früh.

Die Frage, was Griechenland tun muss, um nicht in die Staatspleite zu schlittern, kann nach Ansicht von Jana Mokali nur ein Wahrsager beantworten. Die 53-jährige Sozialpädagogin lebt seit 29 Jahren in Deutschland und arbeitet bei der Diakonie in Reutlingen. Sie ist verheiratet mit einem Deutschen und lebt in Tübingen. »Man hat innerhalb der EU noch kein Land gehabt, das Pleite ging. Wir wären also die Ersten.« Klar sei allerdings, dass Griechenland nicht allein aus der Krise komme. »Solidarität innerhalb der EU ist notwendig«, sagt Jana Mokali, die aber einschränkt, dass sich die griechischen Probleme mit finanziellen Hilfen durch andere nicht lösen lassen. »Ich denke, dass das Land Reformen braucht, um voranzukommen.« Es müsse beispielsweise ein Steuersystem entwickelt werden, das mehr Steuergerechtigkeit garantiert.

Dass Griechenland, das mit 350 Milliarden Euro in der Kreide steht, durch Schattenwirtschaft und Schwarzarbeit nach Schätzungen von Fachleuten bis zu 40 Prozent des Bruttosozialproduktes verloren geht, räumt die Tübingerin ein. Gleichzeitig hätten kleine Handwerksbetriebe schon ohne die durch die Krise verordneten Sparmaßnahmen genug damit zu tun, um zu überleben. »Griechenland produziert und exportiert nicht viel. Deshalb sind Vergleiche mit anderen Industrienationen schwierig«, sagt die Sozialpädagogin. »Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer.«

Laut Mokali ließen sich auch ein Teil der Militärausgaben einsparen - »vorausgesetzt, die EU garantiert die Grenzen zur Türkei«. Auf die Frage, ob Ministerpräsident Giorgos Papandreou zurücktreten soll, hat Jana Mokali eine klare Antwort: »Wir haben keine andere Persönlichkeit, die diesem Problem gewachsen ist. Anders formuliert: Wir haben kein Persönlichkeitsproblem, sondern ein strukturelles.«

Joannis Gegas (31) hat gerade an der Hochschule Reutlingen sein Marketing-Studium abgeschlossen und ist dabei, in den Beruf einzusteigen. »Die Lage in Griechenland ist sehr schwierig«, sagt er, ein Staatsbankrott durchaus möglich. Sehr heikle und weitgehende Reformen seien nötig. Als deutscher Steuerzahler wäre er auf jeden Fall für eine Beteiligung des privaten Sektors. Es sei nur die Frage, ob dies auf europäischer Ebene durchsetzbar ist. Obwohl er 2001/2002 gegen den Beitritt zur Euro-Zone gewesen sei, hält er von einem Ausstieg aus der Wirtschafts- und Währungsunion derzeit gar nichts. »Das wäre eine Katastrophe, wenn das jetzt passiert«, meint er. Der Wechselkurs der Drachme würde in den Keller gehen, gegenüber anderen Währungen würde sie heftig an Wert verlieren, die Schulden aber wären aber immer noch da - und diese in Euro.

Was er von der Lage seiner Familie in Griechenland höre, so sei sie »galgenmäßig«. Das größte Problem sei die Arbeitslosigkeit. Durch Steuererhöhungen, höhere Benzinpreise und andere Kostensteigerungen kämen viele Unternehmen in Schwierigkeiten und setzten Leute auf die Straße. Dazu würden die ohnehin knappen Renten gekürzt. So gebe es kaum noch einen Geldfluss, eine extreme Rezession bahne sich an. Die »schiefe« Wirtschaftsstruktur Griechenlands müsse geändert werden, Wachstum sei notwendig. Dafür müssten EU und IWF sorgen, denn ohne Wachstum würde Griechenland nicht aus der Krise herauskommen, sagt Gegas. (GEA)



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