LEUTE - Drei junge Reutlinger waren beim Weltpfadfindertreffen in Schweden - zusammen mit 39000 anderen

Zwei Wochen permanent euphorisch

Von Elke Schäle-Schmitt

REUTLINGEN. Ob er einen Vogel hätte, sei er im Vorfeld von manchen gefragt worden, erzählt Fabian Welsch schmunzelnd. »Tausend Euro Teilnehmerbeitrag bezahlen, um zwei Wochen lang zu arbeiten« - das leuchtet nicht jedem auf Anhieb ein. Zumal sich die Gesamtkosten der Reise letztlich eher auf anderthalbtausend Euro beliefen, richtig viel Geld für einen Studenten.

Zwei Wochen gute Laune in Gemeinschaft mit fast 40 000 jungen Menschen aus aller Welt erlebten Fabian Welsch, Rebecka Wombacher und Florian Doms (von links) beim »World Scout Jamboree« in Schweden. FOTOS: ERIC HAMPUSGARD/SCOUTERNA, ELS
Zwei Wochen gute Laune in Gemeinschaft mit fast 40 000 jungen Menschen aus aller Welt erlebten Fabian Welsch, Rebecka Wombacher und Florian Doms (von links) beim »World Scout Jamboree« in Schweden. FOTOS: ERIC HAMPUSGARD/SCOUTERNA, ELS
Und doch hat Fabian die Fahrt zum Weltpfadfindertreffen im südschwedischen Rinkaby keine Sekunde bereut - genau wie seine beiden Reisegefährten Rebecka Wombacher und Florian Doms. Alle drei gehören dem Leitungsteam des Stamms Reutlingen-Nord der deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) an. Rund siebzig Mitglieder zählt der in der St.-Andreas-Kirche in Orschel-Hagen beheimatete Stamm.

Riesiges Zeltlager

Wölflinge, Jungpfadfinder, Pfadfinder und Rover nennen sich die vier Altersstufen, wobei die Pfadfinder-Stufe die 14- bis 17-Jährigen umfasst, also die Zielgruppe des »World Scout Jamboree«. Das ist ein riesiges Zeltlager, bei dem sich alle vier Jahre, jeweils in einem anderen Land, zigtausend Pfadfinder aus der ganzen Welt treffen, um gemeinsam Spaß zu haben und Freundschaften zu knüpfen, über alle nationalen, kulturellen oder religiösen Grenzen hinweg.

»Jeder Pfadfinder soll ein Mal die Möglichkeit haben, das World Jamboree zu besuchen«, erklärt Fabian die Beschränkung auf 14- bis 17-Jährige. Er selbst, Florian und Rebecka haben allerdings schon vor mehr oder weniger langer Zeit ihren zwanzigsten Geburtstag gefeiert, ohne je bei einem World Jamboree dabei gewesen zu sein. Dumm gelaufen? Keineswegs. Denn für ein Jugendtreffen dieser Größenordnung werden natürlich auch jede Menge Helfer benötigt.

Dass die dort unter Umständen zwei Wochen lang Toiletten putzen und trotzdem den vollen Teilnehmerbeitrag bezahlen, finden die drei in Ordnung. »Wir haben ja nicht nur gearbeitet«, sagt Fabian und erklärt: »Der Beitrag variiert je nach Herkunftsland. In die Berechnung fließt unter anderem das Bruttosozialprodukt mit ein.« Gelebte Pfadfinderwerte: Jugendliche aus reichen Ländern finanzieren so die Teilnahme ihrer Kameraden aus armen Regionen ein Stück weit mit.

Aus insgesamt 150 verschiedenen Ländern kamen die 39 000 Pfadfinder nach Rinkaby. Den weitesten Weg hatte mit 15 613 Kilometern die Abordnung von den Fidschi-Inseln. Stars des Camps waren jedoch die Scouts aus Uganda, die eine sechswöchige Anreise per Fahrrad auf sich genommen hatten. »Und zwar auf Rädern, mit denen unsereins kaum eine Tagestour unternehmen würde«, sagt Florian anerkennend.

Als Fahrradsani im Einsatz

Er selbst radelte zwar nicht nach Schweden, dafür aber vor Ort, denn als ausgebildeter Rettungssanitäter war er in Rinkaby als Fahrradsani eingesetzt. »Es ist erstaunlich wenig passiert: Sonnenstiche, verstauchte Knöchel, kleinere Schnittwunden - Der Großteil unserer Arbeit bestand darin, zu mahnen, wenn etwa Leute mit Beil und Flipflops unterwegs waren«, berichtet er. Und: »Manche waren auch einfach emotional total erschöpft, denn alle waren permanent euphorisch.« Augenzwinkernd fügt Rebecka hinzu: »Zwei Wochen gute Laune, das ist auf die Dauer anstrengend.«

Sie und Fabian arbeiteten beim Programm des Treffens mit. Insgesamt gab es fünf Module, die jeder Teilnehmer durchlief. Rebecka kümmerte sich um die Erlebnispädagogik: »Riesenlabyrinth, Geschicklichkeitsparcours, Kooperationsspiele«, erläutert sie. Fabian betreute einen Workshop zum Thema Müllvermeidung. »Wir hatten Glück mit unseren Jobs«, meint er. Klos putzen mussten sie nicht. Aber: »Auch die Toiletten- und Müllteams hatten ihren Spaß. Die bildeten eine Art Schicksalsgemeinschaft und machten das Beste daraus.«

Außer den Modulen gab es Feste und Bühnenshows, einen »Vergnügungspark« aus Holz, einen Bereich, in dem sich die einzelnen Länder, und einen, in dem sich verschiedene Religionen präsentierten. »Die ganze Welt auf zwei Quadratkilometern«, resümiert Florian begeistert.

Die Offenheit und Entspanntheit unter all den Menschen hat die drei besonders beeindruckt - und der unvorstellbare Aufwand für das Camp. Mit fast 40 000 Bewohnern war es vorübergehend die viertgrößte Stadt Südschwedens, mit eigenem Radio- und Fernsehprogramm, Zeitung, Läden, Restaurants und medizinischen Zentren. Dem steht gegenüber, mit welch einfachen Mitteln die Teilnehmer zu begeistern waren, so Rebecka.

Spezielles Jamboree-Feeling

»Teelichthalter aus alten Dosen basteln, damit könnten wir unseren Jugendlichen hier nicht kommen«, meint auch Fabian. Dass es im Camp funktionierte, liegt am ganz speziellen »Jamboree-Feeling«, vermuten die drei einhellig.

Dieses Feeling soll beim nächsten Mal auch die Pfadfinder-Stufe des DPSG-Stammes Reutlingen-Nord erleben, haben sie sich vorgenommen. Ein hochgestecktes Ziel, denn das nächste World Scout Jamboree findet 2015 in Japan statt. »Wir haben jetzt ja vier Jahre Zeit, das vorzubereiten«, meint Rebecka zuversichtlich, »und Geld dafür zu sammeln.« Damit nicht nur die finanziell Bessergestellten mitkönnen. Gelebte Pfadfinderwerte - (GEA)

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