Mutscheln - Auf Spurensuche in der Reutlinger Innenstadt. Wo wird ums mürbe Gebäck gespielt?

Zocken um Zacken

VON ANDREAS DÖRR

REUTLINGEN. Das waren Zeiten: »Ich erlaube mir meine Freunde auf heute Abend zu bestbereiteten Mutscheln einzuladen und bitte um zahlreichen Besuch. Für gute und billige alte Weine ist gesorgt. J. Heimberger's Witwe untere Gerberstraße« hieß es im Amtsblatt von 1851.

FOTO: Andreas Dörr
Wo treffen sich heute die fröhlichen Zecher? Die ehemaligen Mutschel-Hochburgen Falken und die Weinstube Achalm in der Mauerstraße sind entweder dauerhaft geschlossen oder werden gerade umgebaut. Dass Mitglieder des Gemeinderates und die Spitzen der Stadtverwaltung mit Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister Alexander Kreher und Verwaltungsbürgermeister Robert Hahn im Gerberstüble in der Unteren Gerberstraße um Zacken zocken, ist bekannt.

Durchgesickert ist auch, dass im Vis à Vis in der Wilhelmstraße und im Rebstöckle in der Gartenstraße - bei Thorsten Brinkmann und Annika Walker sind unter anderem Mitglieder der Achalmritterschaft zu Gast - die Würfelbecher kreisen. Und sonst? Eine Radtour durch die Innenstadt muss Licht ins Dunkel bringen.

Erste Station ist der Nürtinger Hof. Dort haben fast 50 Gäste vorbestellt. Die ersten spielen seit 17 Uhr ums mürbe Gebäck. Direkt nach Arbeitsende sind die Fünf von Stuttgart eingeflogen. Es sind Kollegen, die im Flughafen arbeiten und die schon etliche Mutscheln ausgespielt haben. Auch im Rappen, einer anderen Altstadtkneipe, in der seit Jahrzehnten gemutschelt wird, gibt es Reservierungen. Wirt Georgios Nedeltsos erwartet rund ein Dutzend Gäste.

Bester Laune

Eine feine Adresse ist die Weinhandlung von Andreas Nübling und Uwe Holwein. Erlesene Tropfen, deftiger Wurstsalat und ein ganzer Krätta mit goldgelben Mutscheln in allen Größenordnungen sind Zutaten für eine Fete, die seit fast zwanzig Jahren fest zum Jahresprogramm dieser Weinhandlung in der Georgenstraße gehört. Heinz-Eugen Schramm, schrieb in seinem Gedicht »Dr Reutlinger Mutscheltag«: »....drom schmeckt e Mutschel halt zom Woi so donderschlächtig guat.« Dem fast genau vor hundert Jahren in Ulm geborenen Mundartdichter hätte es an den langen Tischen gefallen.

Letzte Station ist Uwe Marchls »Zentrale« am Burgplatz. Im oberen Turmzimmer sitzt ein starkes Dutzend starker Männer, die eine Riesenmutschel in der Mache haben. Die ehemaligen Kicker des TSV Sondelfingen sind bester Laune. Auch ihnen dürfte Heinz-Eugen Schramm aus der Seele sprechen. Mutscheln, dichtete Schramm, sei eine »Allmachts-Kugelfuhr! Koi Wonder guckt koi Mensch au no e gotzigsmol uf d'Uhr.« (GEA)

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