Asyl

Zahl der Flüchtlinge steigt: Teilhabe statt Ausgrenzung

VON ULRIKE GLAGE

Die Zahl der Flüchtlinge steigt. Das stellt die Landkreise vor große Probleme. Die bestehenden Unterkünfte reichen nicht aus, die Suche nach neuen gestaltet sich schwierig. Doch die Zeit ist knapp. Die Kreisverwaltung Reutlingen rechnet im Dezember mit 40 Neuankömmlingen. Jetzt setzt sie auf dezentrale Unterkünfte. Die Anschlussunterbringung, zu der Gemeinden verpflichtet sind, soll mit der Erstaufnahme von Flüchtlingen verbunden werden

Warten, wie es weitergeht - in kleineren, wohnlichen Unterkünften wie in Münsingen lässt sich das für die Flüchtlinge besser aushalten. FOTOS: TRINKHAUS
Warten, wie es weitergeht - in kleineren, wohnlichen Unterkünften wie in Münsingen lässt sich das für die Flüchtlinge besser aushalten. FOTOS: TRINKHAUS
REUTLINGEN. Die Zahl der Flüchtlinge steigt rasant. Das bereitet dem Landkreis Probleme - und das nicht zu knapp. Die alte Sammelunterkunft in der Betzinger Carl-Zeiss-Straße platzt aus allen Nähten und macht's auch wegen ihres miserablen baulichen Zustands nicht mehr lange. Ersatz muss also her. Und zusätzlicher Wohnraum. Auch, so Dr. Claudius Müller, Ordnungsdezernent des Landkreises, in Form kleinerer Unterkünfte. Womit der Landkreis schon vor dem nächsten Problem steht: Geeignete Domizile für Flüchtlinge zu finden, gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Das Sammellager vor den Toren Betzingens stammt nicht nur baulich, sondern auch konzeptionell aus grauer Vorzeit. 1992/93 gab es, so Müller, einen »enormen Anstieg« von Asylbewerbern. Um die Flüchtlinge schnell wieder loszuwerden, wurde das »Sechswochenmodell« entwickelt: Von der Antragstellung bis zur Abschiebung sollten nicht mehr als sechs Wochen vergehen. Darauf war alles ausgerichtet. Die Einrichtung von Bezirksstellen - in Reutlingen am Heilbrunnen - mit Entscheidern, auswärtigen Verwaltungsgerichts-Kammern, Ausländerbehörde, Unterbringungsverwaltung und polizeilichen Abschiebegruppen. Aber auch die mageren Leistungen, die man den Asylbewerbern gewährte, die unschönen Massenunterkünfte mit 4,5 Quadratmetern pro Flüchtling. Abschrecken, keine Anreize zum Dableiben schaffen, nur keine Integration - das war die Devise.

»Wir gehen da in eine ganz virulente Situation«
 

Aus dieser Zeit stammt die Unterkunft in der Carl-Zeiss-Straße. Im ehemaligen Möbellager lebten etwa 300 Flüchtlinge auf engstem Raum, weitere 200 in der früheren Ypernkaserne in der Ringelbachstraße. Die Zahl ging kontinuierlich nach unten, 2008 waren es gerade noch 78 Asylbewerber, die in Betzingen untergebracht waren. Die Wohnsituation verbesserte sich dadurch erheblich. Generell sei die Stimmung nach anfänglichem Protest in Reutlingen etwas entspannter als in anderen Städten gewesen, sagt Claudius Müller - auch dank der Betreuung und rechtlichen Begleitung der Flüchtlinge durch die Mitarbeiter des Asylcafés seit 1994.

1998 übernahm das Landratsamt die Zuständigkeit für die Unterbringung der Flüchtlinge. Wegen des drastischen Rückgangs der Asylbewerberzahlen stellten die Verantwortlichen 2008 erste Überlegungen an, die Zuflucht suchenden Menschen dezentral in kleineren Unterkünften unterzubringen. Die Suche nach geeigneten Immobilien blieb allerdings erfolglos. Doch dann drehte sich der Trend. Und zwar vehement, in den vergangenen Jahren ging die Zahlen der Asylbewerber wieder steil nach oben. Aktuell sind 278 Flüchtlinge in den Landkreis-Unterkünften untergebracht: 237 in der Carl-Zeiss-Straße, 27 im neuen, für Familien gedachten Münsinger Quartier, sowie 14 in einer Wohnung, die der Landkreis in Bad Urach angemietet hat.

»Es ist problematisch geworden«, sagt Müller. Denn das Limit in Betzingen sind 250 Bewohner, Münsingen ist voll belegt, auch in Bad Urach geht nichts mehr. Dass der Kreis demnächst aber noch mehr Flüchtlinge unterbringen muss, ist absehbar. Von Januar bis Oktober wurden bundesweit 61 000 Asylanträge gestellt, davon 50 000 Erstanträge - ein Anstieg um 40 Prozent. 12,9 Prozent muss Baden-Württemberg aufnehmen, 2,7 Prozent werden dem Kreis Reutlingen zugeteilt. 157 Männer, Frauen und Kinder musste der Kreis in diesem Zeitraum zusätzlich unterbringen. Weil aber 112 Bewohner aus den Unterkünften wieder auszogen, blieben unterm Strich »nur« 45 Personen.

Schon im Dezember, schätzt Müller, werden dem Kreis mindestens 40 weitere Asylbewerber zugeteilt. Doch wohin, wenn die zur Verfügung stehenden Unterkünfte fast schon voll belegt sind? »Wir gehen da in eine ganz virulente Situation«, sagt der Ordnungsdezernent. Sollten die Zahlen weiter steigen, müsste sogar an eine Unterbringung in Turnhallen gedacht werden. Was aber niemand will. Denn anders als in den frühen Neunzigerjahren ist die Teilhabe der Flüchtlinge am gesellschaftlichen Leben durchaus erwünscht - ohne eine halbwegs erträgliche Wohnsituation ein schwieriges Unterfangen.

Grund für das Umdenken sind die Asylverfahren, die heutzutage bis zu zwei Jahren dauern. »Wir können es uns nicht erlauben, diese Gruppe in der langen Zeit am Rand der Gesellschaft zu lassen«, sagt Claudius Müller. Wegen der langen Verfahrensdauer müsse das Unterbringungskonzept heute »mit einer Art Integrationskonzept hinterlegt« werden. Er verweist auf das »Modell Münsingen«, wo durch die »äußerst erfreuliche« Zusammenarbeit mit der Stadt, den Trägern der freien Wohlfahrtsverbände bis hin zu den Schulen den Flüchtlingen Angebote wie etwa Deutschkurse, Hausaufgabenbetreuung und sogar Mitarbeit im Bauhof gemacht werden. »Es geht nicht nur um Hotellerie, sondern um soziale Teilhabe und die Strukturierung des Tages«, nennt er das Ziel.

»Wir können diese Gruppe nicht am Rand der Gesellschaft lassen«
 

Seit 2008 arbeitet der Landkreis an einem Unterbringungskonzept, das aus drei Bausteinen besteht. Es beinhaltet zum einen die »Ablösung« der Betzinger Sammelunterkunft. »Sie ist am Ende ihres Lebenszyklus angekommen«, sagt Müller. Zudem sei sie als längerfristiges Asyl für die Asylbewerber ungeeignet. Gedacht wird an einen Ersatzbau an gleicher oder aber zentralerer Stelle für etwa 150 Personen. »In einem Bereich, wo man Verwaltung und Sozialbetreuung hat, macht es Sinn, größere Kapazitäten vorzuhalten«, erklärt der Chef des Ordungsamtes..

Ergänzend will der Landkreis kleinere, »integrationsgeeignete« Unterkünfte wie in Münsingen schaffen. Dort soll zunächst mit einem Neubau im Garten des Bestandsgebäudes Platz für weitere 25 bis 30 Personen geschaffen werden. Nach dem gleichen Muster ist eine weitere Unterkunft in einer größeren Gemeinde im Echaz- oder Ermstal geplant. Keine neue Idee. »Wir sind seit eineinhalb Jahren auf der Suche«, sagt Müller - bisher ohne Erfolg.

Besser läuft's beim dritten Baustein. Für geduldete oder auch abgelehnte Asylbewerber, deren Verfahren noch nicht abgeschlossen ist, sieht das Gesetz eine kommunale Anschlussunterbringung meist in ganz normalen Wohnungen vor. Für die Gemeinden gibt es auf Grundlage der Einwohnerzahl Aufnahme-Quoten. Rein rechnerisch liegt die in Reutlingen bei insgesamt 130 Personen. Doch dem Landkreis wurden eher weniger Asylbewerber zugeteilt als anderen, sagt Müller: »Die Zahlen in der Anschlussunterbringung waren bisher sehr niedrig.« Das hatte unter anderem zur Folge, dass die von den Gemeinden für diesen Zweck angemieteten und vom Landkreis bezahlten Wohnungen »fremd belegt« waren.

Wegen des starken Zuzugs von Flüchtlingen will die Kreisverwaltung dieses Potenzial jetzt auch für die Erstaufnahme von Flüchtlingen nutzen. »Um Flexibilität zu bekommen, versuchen wir, mit den Gemeinden Unterkünfte zu finden, die deren Integrationskraft nicht übersteigen«, so Müller zum dezentralen Konzept, das auch mit Betreuungsangeboten verknüpft sein soll.

»Man übernimmt gemeinsam Verantwortung«
 

Er spricht von maßgeschneiderten Lösungen. Den Anfang macht Engstingen, wo in einem GWG-Haus vier Wohnungen für 15 Personen angemietet wurden. Bis Mitte nächsten Jahres, schätzt der Ordnungsdezernent, braucht der Kreis »mindestens« 100 solcher dezentraler Unterkünfte. Die Zeichen stehen nicht schlecht: Bei der Vorstellung des Konzepts auf dem Bürgermeister-Sprengel sei er auf breite Unterstützung gestoßen, berichtet Claudius Müller. Das findet er bemerkenswert. »Man übernimmt gemeinsam Verantwortung, um das Problem der steigenden Flüchtlingszahlen zu lösen.« (GEA)



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