Reutlingen
Amoklauf - An Reutlingens Schulen hat sich nach Winnenden einiges getan. Neben der Prävention ist das richtige Verhalten im Ernstfall (über-)lebenswichtig

Wenn jede Sekunde zählt

Von Alexander Rabe

REUTLINGEN. Fast ein Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden am 11. März 2009 hat sich auch an Reutlingens Schulen einiges getan. Dabei geht es nicht nur um Vorbeugung, sondern vor allem auch um genaue Alarmpläne. Pläne, die im Ernstfall über Leben oder Tod entscheiden können. Deswegen steht der Punkt »Alarmierung« auch ganz oben auf der Agenda der Schulen.

In einer landesweiten Gedenkminute um 10 Uhr trauert das Land um die Opfer des Amoklaufs von Winnenden vor einer Woche. FOTO: DPA
Morgen jährt sich der Amoklauf von Winnenden. FOTO: dpa
Carola Rieger, die geschäftsführende Schulleiterin der Grund-, Haupt-, Sonder- und Realschulen, klärt auf: »Lange wurde gesagt, es muss ein Codewort sein, das Schüler und Lehrer im Fall eines Amoklaufs warnt. Dieser Ansicht ist die Polizei jetzt nicht mehr. Das durchgesagte Wort heißt nun einfach 'Amok'.«

»Das durchgesagte Wort heißt nun einfach 'Amok'«
 

Wenn jede Sekunde zählt, werden Schüler wie Lehrer durch diese Durchsage unmissverständlich informiert. Das ist deshalb so wichtig, weil bei Feueralarm völlig anders reagiert werden müsste als bei einem Amoklauf. Während bei einem Brand alle schnellstens das Gebäude verlassen müssen, gilt im Amok-Fall: Klassenzimmer abschließen, weg von den Fenstern, runter auf den Boden und nicht rauskommen, bis alles vorbei ist. Aber was, wenn der Ernstfall eintritt und an der Schule vor lauter Nervosität die Alarmierung nicht funktioniert?

Ein Tonband mit dem aufgespielten Wort »Amok« soll menschliches Versagen verhindern. Auf Knopfdruck soll das Signalwort dann über die Lautsprecheranlage durchgesagt werden. Erst am 24. Februar hat die Stadt die Schulleiter über dieses Vorhaben informiert. Allerdings ist der Einbau dieses Systems an den Schulen mit unterschiedlichen technischen und baulichen Voraussetzungen unterschiedlich aufwendig und teuer.

Auch Hans Selinka, geschäftsführender Schulleiter der Reutlinger Gymnasien und Rektor des Johannes-Kepler-Gymnasiums, unterstreicht, dass die Installation geeigneter Sprechanlagen und die sinnvolle Platzierung der Auslösepunkte höchste Priorität hat und die Stadt Reutlingen dafür nun Gelder eingestellt hat, um die bauliche Umsetzung möglichst zeitnah zu realisieren.

Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen stehen dabei laut Selinka an erster Stelle, Grundschulen werden nachrangig versorgt, weil dort das Risiko eines Amoklaufs deutlich geringer eingeschätzt wird. »In welchem Umfang die Änderungen erfolgen, hängt davon ab, wie weit das verfügbare Geld reicht.«

Zu einer weiteren diskutierten Schutz-Maßnahme im Klassenzimmer - Spezial-Türen, die nur von innen ohne Schlüssel zu öffnen sind - haben Carola Rieger und Hans Selinka die gleiche Meinung: »Gut gedacht, aber im Schulalltag nicht praktikabel.« Jeder Schüler, der zu spät kommt oder von der Toilette zurückkehrt, müsse dann vom Lehrer wieder reingelassen werden, um nur zwei Beispiele zu nennen, die gegen solche Türen sprechen. Neben den Alarmplänen, die die Folgen eines Amoklaufs in Grenzen halten sollen, wird auch die Vorbeugung an den Reutlinger Schulen groß geschrieben. Von Ernstfallszenarien wie bei Brandschutzübungen riet die Polizei in Gesprächen allerdings ab. Dies verstärke nur die Angst, speziell bei jüngeren Schülern. Vielmehr wird stattdessen empfohlen, offen über das Thema zu sprechen.

»Eines ist klar: Absoluten Schutz gibt es nicht!«
 

»Die einzige Chance ist die Erkennung im Vorfeld. Wir sind sicher sensibler geworden, wenn sich einzelne Schüler zurückziehen oder sich isolieren«, sagt Hans Selinka und verweist dabei auch auf die gute Kooperation mit der Polizei und auf die Möglichkeit, übergeordnete Krisenteams in Anspruch zu nehmen. Schließlich gebe es an den Schulen in der Regel keine Sozialarbeit, die das Problem direkt aufgreifen könne.

Gleichwohl gibt es aber schulinterne Krisenteams, bestehend aus Elternvertretern und Kollegen mit Zusatzausbildungen in verschiedenen Bereichen wie Sanitätsdienst, Brandschutz oder Trauer. Auch ein jährlich zu aktualisierender Krisenplan mit wichtigen Kontaktnummern und Ansprechpartnern existiert an allen Schulen und ist nicht nur dort, sondern ebenfalls bei der Polizei hinterlegt. »Im Ernstfall ist man darauf angewiesen«, sagt Schulleiter Hans Selinka und ergänzt: »Eines ist klar: Absoluten Schutz gibt es nicht!« (GEA)

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