Selbsthilfegruppe - Histaminintoleranz kann heftige Symptome auslösen. Der richtige Speiseplan beugt vor

Wenn Essen krank macht

VON CLAUDIA HAILFINGER

REUTLINGEN. Wie wär's mit einer leckeren Pizza, dazu ein Glas Rotwein und zum Dessert ein paar frische Früchtchen? »Nein danke«, müssen Stefanie Krumm, Eveline Grünupp, Brigitte Wendt und Annamaria Eisenschmid da sagen.

Genießen gemeinsam: Brigitte Wendt, Eveline Grünupp, Stefanie Krumm, Annamaria Eisenschmid (von links).
Genießen gemeinsam: Brigitte Wendt, Eveline Grünupp, Stefanie Krumm, Annamaria Eisenschmid (von links). FOTO: Claudia Hailfinger
Sie leiden an einer Histaminintoleranz. Wie vielen es genauso geht, ist kaum abzuschätzen. »Jeder reagiert anders«, stellt Stefanie Krumm fest. Die Symptome der Unverträglichkeit sind höchst vielfältig: Sie reichen von Magen-Darmbeschwerden über Juckreiz und Hautausschläge bis hin zu Herzrhythmusstörungen, Herzrasen und chronische Erkrankungen der Atmungsorgane. Manche Betroffene klagen zudem über einen wunden Rachen, über Kopfschmerzen und Schwindel und über starke Erschöpfungszustände und Müdigkeit. Häufig haben Insektenstiche extreme und lang anhaltende Schwellungen zur Folge.

Eveline Grünupp kann davon ein Lied singen. Mit immer neuen Beschwerden suchte sie beim Hausarzt Hilfe, der bald keinen Rat mehr wusste und sie zu verschiedenen Fachärzten überwies. »Das ist ja das Problem, es werden nur die einzelnen Symptome gesehen, nicht aber das große Ganze«, beklagt Grünupp.

Mehrfach wurde sie mit rasendem und stolperndem Herzschlag, Schweißausbrüchen und Todesangst per Notarzt in die Klinik gebracht, um kurze Zeit später wieder nach Hause geschickt zu werden. Völlig entkräftet verbrachte sie tagelang im Bett. Erst als ihr Arzt im Internet recherchierte, konnte die Diagnose gestellt werden: Histaminintoleranz.

»Es werden nur die einzelnen Symptome gesehen, nicht das Ganze«
 

Für eine Woche hielt sie sich an eine strikte Diät. »Da hab ich ziemlich spartanisch gegessen«, erinnert sie sich. Nach und nach nahm sie dann wieder mehr Lebensmittel in ihren Speiseplan auf und konnte so ausmachen, was ihr Körper verträgt und was nicht. Mithilfe von Schüssler-Salzen und einer bewussten Ernährung hat sie das Problem heute weitgehend im Griff.

Histamin wirkt im Körper als Hormon. Es wird zum einen vom Körper selbst produziert, etwa bei Entzündungen, bei Stress oder allergischen Reaktionen. Zum anderen wird es durch Nahrungsmittel aufgenommen. Abgebaut wird der Botenstoff durch das Enzym Diaminooxidase. Geschieht dies nicht in ausreichendem Maße, reagiert der Körper mit Vergiftungserscheinungen. Histamin entsteht dann, wenn ein Nahrungsmittel reift oder gärt. Rotwein, reifer Käse, Sauerkraut, Essig oder gerauchte Wurst sind daher stark belastet. Aber auch Backwaren mit Hefe, oder bestimmte Früchte und Gemüsesorten, wie Ananas und Erdbeeren oder Tomaten und Spinat können den Betroffenen schwer zu schaffen machen. Probleme macht auch die Einnahme gewisser Medikamente: »Entweder zeigen sie keine oder eine viel zu heftige Wirkung«, weiß Brigitte Wendt.

Auch wenn auf manchen Gaumenschmaus verzichtet werden muss, darben bedeutet das für Betroffene nicht. Das zu vermitteln ist Stefanie Krumm besonders wichtig. Auf Fertigprodukte und Essen aus der Konserve verzichtet sie. Gemüse kauft sie frisch auf dem Markt, idealerweise aus biologischem Anbau. In ihrem Küchenschrank reihen sich die Bio-Gewürzdosen. Mit ihnen verleiht sie dem Gekochten mal eine orientalische, mal eine mediterrane Note. So variiert sie zum Beispiel Reis-Gemüsepfannen.

Aus Süßkartoffeln, Zucchini, Kohlrabi und Brokkoli zaubert sie im Nu ein verträgliches Mahl und garniert es mit Schafskäse. Alle nicht-gegärten Käsesorten sind nämlich erlaubt. Daher darf auch der Mozzarella auf den mit Hirse gefüllten Zucchinihälften seine braunen Blasen werfen. Genuss ist also auch mit einer Histaminintoleranz möglich.

Stefanie Krumm sieht die Unverträglichkeit nicht nur als Bürde, sondern kann ihr auch etwas Positives abgewinnen. Viel bewusster isst sie inzwischen. »Man setzt sich ganz anders mit Lebensmittel auseinander«, betont sie. »Vorher merkte man gar nicht, was für einen Schrott man zu sich nimmt«.

Zurück zu den Wurzeln laute das Motto. Kochen wie zu Großmutters Zeiten: Frisch und einfach. Um andere Betroffene kennenzulernen, schaltete sie eine Annonce. Vier Frauen haben sich daraufhin gemeldet und sich zusammengetan. Gemeinsames Kochen und Essen steht seither regelmäßig im Kalender.

Alle, die den Verdacht haben, an der Unverträglichkeit zu leiden, empfiehlt Krumm, dran zu bleiben. Sich nicht als Hypochonder abstempel oder unberechtigterweise auf die »psychosoziale Schiene« schieben zu lassen. Sowohl bei Ärzten als auch bei der Bevölkerung gäbe es noch reichlich Aufklärungsbedarf. Mit einem Bluttest kann die Unverträglichkeit nachgewiesen, durch gewisse Essregel und Medikamente reguliert werden. Alle die sich angesprochen fühlen, finden bei Stefanie Krumm ein offenes Ohr und praktische Tipps. (GEA)

0 71 21/5 92 86 11

steffi.krumm68@web.de



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