Beschäftigung - Frischemarkt der Bruderhaus-Diakonie sorgt für die Reintegration von schwerbehinderten Menschen

Was den Frischemarkt in Orschel-Hagen einzigartig macht

VON NORBERT LEISTER

REUTLINGEN. Die ersten drei bis vier Jahre waren heftig, erinnert sich Erika Katzenmayer als Leiterin des Frischemarkts am Dresdner Platz in Orschel-Hagen. Ebenso wie Ronald Thiery ist sie von Anfang an dabei. »Zu Beginn haben wir nicht gewusst, ob das klappt«, so Katzenmayer. Zuvor war die Ladenfläche mit gerade mal 430 Quadratmetern in der Mitte von Orschel längere Zeit leer gestanden, »die Käuferströme haben sich dann anders orientiert«, weiß Klaus Fischer als Werkstattleiter bei der Bruderhaus-Diakonie und Geschäftsführer der hundertprozentigen Bruderhaus-Tochter Intego.

Erika Katzenmayer (von rechts), Intego-Geschäftsführer Klaus Fischer und Ronald Thiery sind froh über die Entwicklung des Frischemarkts in Orschel-Hagen.
Erika Katzenmayer (von rechts), Intego-Geschäftsführer Klaus Fischer und Ronald Thiery sind froh über die Entwicklung des Frischemarkts in Orschel-Hagen. FOTO: Norbert Leister
Der Frischemarkt am Dresdner Platz - der zu Beginn noch nicht von Edeka beliefert wurde und auch nicht der Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen »Cap« angehörte - wird nun aber schon 15 Jahre alt, was am Samstag mit Wurststand, Verlosung und mehr gefeiert wird.

Die Ziele sind dabei nach wie vor die gleichen: Die Nahversorgung der Bevölkerung in Reutlingens Stadtquartier zu sichern und gleichzeitig Menschen wieder in den Ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. So wie Ronald Thiery, der heute 66 Jahre ist, vor 15 Jahren in dem Supermarkt zunächst als Praktikant anfing, aber schon bald in eine feste Arbeitsstelle übernommen wurde. Zuvor war er drei Jahre arbeitslos, davor Übersetzer und in der Tourismusbranche tätig. Durch mehrere Schicksalsschläge innerhalb von nur einem Jahr litt er dann an schweren Depressionen. »Ich hatte rund 50 Bewerbungen geschrieben, als das Jobcenter mich wieder für arbeitsfähig erklärte, durchlief ich mehrere Maßnahmen wie Computerkurse, Bewerbungstraining und so was.«

Obwohl er in Rottenburg wohnt, wurde ihm als Reintegrationsmaßnahme die Stelle im Supermarkt in Orschel-Hagen vorgeschlagen. »Ich wusste nicht, ob das funktioniert, ich hatte ja vorher nie körperlich gearbeitet«, so Thiery. »Aber ich wollte unbedingt wieder eine Aufgabe haben.« Im Nachhinein sieht er die Tätigkeit in dem Frischemarkt als Glücksfall an. Seit einem Jahr ist er in Rente, davor konnte er aber noch 14 Jahre einer geregelten Tätigkeit nachgehen und von seinem selbst verdienten Geld leben. »Und er ist unser erster Mitarbeiter, der bei uns in Rente gegangen ist«, betont Fischer.

»Wir haben momentan acht Mitarbeiter hier, zwei Azubis und einen Praktikanten«, berichtet Erika Katzenmayer. Das sei deutlich mehr als in anderen Discountern etwa. Über die 15 Jahre hinweg wurden 16 Azubis zu Einzelhandelskaufleuten ausgebildet, etwa 40 Praktikanten waren da und bis zu 13 Mitarbeiter sind gleichzeitig beschäftigt worden. Von allen Mitarbeitern sind laut Klaus Fischer jeweils rund 40 Prozent schwerbehindert. Was aber nicht heiße, dass der Frischemarkt am Tropf der Eingliederungshilfe oder eines anderen öffentlichen Geldgebers hänge.

»Der Markt muss sich selbst über die Umsatzerlöse finanzieren, wir kriegen maximal 20 Prozent Zuschüsse für eine Arbeitsstelle eines schwerbehinderten Menschen an Eingliederungszuschüssen oder für einen »Minderleistungsausgleich«, so der Geschäftsführer von Intego, einer Gesellschaft, die sich um die Integration von benachteiligten Menschen in den Ersten Arbeitsmarkt bemüht.

Personal sei vorhanden, um sich um die speziellen Probleme der behinderten Mitarbeiter zu kümmern. Ziel des Frischemarkts sei nicht, Gewinne zu erzielen, sondern jedes Jahr wieder »die schwarze Null«, so Fischer. Und die werde auch erreicht, ergänzt Katzenmayer. (GEA)

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