Reutlingen
Inklusion - Tageseinrichtungen stehen allen Kindern offen, egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht

Von Kopf bis Fuß ganz Paula

Von Andreas Dörr

REUTLINGEN-SONDELFINGEN. Das Unvollkommene spielt in Kinderwelten keine Rolle. Auch Sprachbarrieren sind selten. Deshalb zappelt sich der Nachwuchs mit Kommunikationsproblemen gar nicht erst ab. Für die Kinder im Sondelfinger Kindergarten in der Reichenecker Straße spricht Paula eben türkisch. Oder chinesisch. Oder eine Mischung aus beidem. Sie verständigen sich auf ihre Art mit dem blond bezopften Mädchen.

Paula (links) ist seit zwei Jahren im Kindergarten in der Reichenecker Straße. Im September geht's in die Schule.  FOTO: GUDRUN DE MADDALENA
Paula (links) ist seit zwei Jahren im Kindergarten in der Reichenecker Straße. Im September geht's in die Schule. FOTO: GUDRUN DE MADDALENA
Für Erwachsene ist die Sechsjährige, die das Downsyndrom hat, dagegen schwerer zu verstehen. Es sei denn, sie redet Tacheles: »Nein«, sagt Paula, die ihren Teller abspülen soll. Ihr Weigern garniert sie mit einem Lachen. Die kleinen Füße stecken in lilafarbenen Socken, die Beine in einer rosa Hose. Von Kopf bis Fuß ganz Paula. Sie trollt sich schließlich doch zum Waschbecken. Auf die Frage, was sie esse, beharrt das Mädchen Apfelschnitz kauend auf »Banane«.

Vor zwei Jahren ist Paula von der »Wichtelstube« in Rommelsbach in den eingruppigen städtischen Kindergarten in der Reichenecker Straße gewechselt. Waren es am Anfang zehn, maximal zwanzig Wörter, die sie sagen konnte, ist ihre Sprache nachgerade explodiert, weiß Karin G., Paulas Mutter. »Sie will und kann sehr viel alleine und wird behandelt wie jedes andere Kind auch. Mit ihren Stärken und Schwächen«, sagt die alleinerziehende Mutter, die noch drei erwachsene Kinder hat. Vor ein paar Jahren ist die Familie von Betzingen nach Sondelfingen gezogen. »Paula lässt sich unheimlich gut von den Kindern motivieren. Sie lernt jeden Tag eine Menge«, sagt die 47-Jährige.



Fünf Tage die Woche spielt Paula von 8.30 bis 13.30 Uhr mit den anderen 21 Kindergartenkindern. Dabei sprengt sie Grenzen, weil ihre eigene Welt enger gesteckt ist als die von Melissa, Jonas, Moritz oder Felix. Wenn die mit Paula spielen wollen, müssen sie zuhören, müssen hinschauen, müssen spielerisch Paulas Stimmung einfangen. Aber auch die Erzieherinnen müssen sich einlassen auf einen Menschen, dessen Fröhlichkeit ansteckend ist. Der Umgang mit Paula erweitere auch ihre Grenzen, sagt Kindergartenleiterin Bärbel Schlotterbeck.

»Bei Inklusion geht es auch um die Haltung, mit der man etwas tut«
 

Paula sitzt mit Leni, ihrer besten Freundin, auf dem blauen Sofa. Leni streicht Paula über das Gesicht. Gesa Nitzschke-Jäger stimmt das Lied vom Fröschlein an. Sie ist Inklussionsassistentin und arbeitet siebeneinhalb Stunden pro Woche mit Paula.

»Inklusion ist ein Thema, seit es Menschen mit Beeinträchtigungen gibt«, sagt Regina Costabel, Abteilungsleiterin »Soziale Leistungen« bei der Reutlinger Stadtverwaltung. Zu dieser Abteilung gehört auch die Eingliederungshilfe, die Paula unter ihre Fittiche genommen hat - und weitere 63 Kinder, die in einer Regeleinrichtung Unterstützung bekommen. Klingt sperrig, hat aber landesweit Vorzeigecharakter.

»Inklusion lässt sich mit Einschluss übersetzen«, sagt Maike Höcker von der städtischen Abteilung für Tagesbetreuung für Kinder. »Viele Kinder brauchen Unterstützung. Der eine kann nicht so gut springen, der andere nicht so gut lesen.« Helga Platen von der Arbeitsgemeinschaft Integration formuliert forscher: »Jeder Mensch braucht Assistenz.«

Was sich die Stadt auf die Fahne geschrieben hat, ist beispielhaft: Alle Kinder sollen eine Kindertageseinrichtung besuchen können - unabhängig davon, ob sie eine Behinderung oder Beeinträchtigung haben oder nicht. In der »Reutlinger Erklärung«, die 2007 alle Träger von Kindertageseinrichtungen abgefasst haben, heißt es unmissverständlich: »Kinder mit und ohne Behinderung sollen, sofern der Hilfebedarf dies zulässt, in Gruppen gemeinsam gefördert werden. Zu diesem Zweck sollen die Träger der öffentlichen Jugendhilfe mit den Trägern der Sozialhilfe bei der Planung, konzeptionellen Ausgestaltung und Finanzierung zusammenarbeiten.«

Ein Eckpfeiler dieser Erklärung war jene vom Bundestag mittlerweile ratifizierte Konvention der Vereinten Nationen, die gemeinsame Lern- und Bildungsprozesse und die Bereitstellung der dafür notwendigen Unterstützungsleistungen in Regeleinrichtungen fordert.

»Bei Inklusion geht es aber auch um die Haltung, mit der man etwas tut«, sagt Katrin Lauhoff von »Fabi«, dem Fachdienst für Assistenz, Beratung und Inklusion des Oberlin-Jugendhilfeverbundes der Bruderhaus-Diakonie Reutlingen. Inklusion soll eine Selbstverständlichkeit werden, die nicht dauernd hinterfragt werden muss. »Wir dürfen nicht ständig überlegen: Geht es? Geht es nicht? Und wenn wir an Grenzen stoßen, dann arbeiten wir eben daran.« Eltern mit behinderten Kindern dürften keine Bittsteller sein, fordert Lauhoff. »Sie sollen nicht dafür kämpfen müssen, dass ihr Kind zur Gemeinschaft gehört.«

»Der eine kann nicht so gut springen, der andere nicht so gut lesen«
 

Wo die Kinder unterkommen, wird nach individueller Prüfung und in enger Absprache mit den Eltern entschieden. Im Prinzip kommen dafür alle städtischen Tageseinrichtungen sowie die der konfessionellen und freien Träger in Frage (eine Gesamtliste gibt es im Internet unter http://www.reutlingen.de/kinder).

Ziel ist es, Kinder in gemeinsamen wohnortnahen Gruppen zu betreuen. Deren Erzieherinnen verfügen über Zusatzqualifikationen und bekommen sonderpädagogische Fachkräfte zumindest stundenweise an die Seite gestellt.

Gesa Nitzschke-Jäger ist so eine Fachfrau. Sie hat Paula schon in der Rommelsbacher Wichtelstube betreut. Sie ist angestellt bei »Fabi«. »Die Hilfe für die Kinder ist individuell zugeschnitten«, sagt Nitzschke-Jäger. »Paula ist selbstbewusster geworden, seit sie im Kindergarten ist. Auch selbstständiger, weil sie gefordert wird.« Nichts trennt die Sechsjährige da von anderen Kindern.

»Es gibt Herausforderungen, an die man nicht denkt«
 

Es war die Entscheidung ihrer Mutter, Paula im Kindergarten in der Reichenecker Straße unterzubringen. Mit Kindergartenleiterin Bärbel Schlotterbeck und Erzieherin Sandra Grüninger stand Karin G. in engem Kontakt.

Als der Umzug nach Sondelfingen kam, fiel ihr die Wahl leicht - eine Entscheidung, die Kariane Höhn nachvollziehen kann. »Dieser Kindergarten ist klein, ist knuffig.« Die Abteilungsleiterin im Bereich Kindertagesbetreuung im Sozialamt sieht die Inklusion als Netz mit vielen Bausteinen.

»Die Eingliederungshilfe geht von der Wiege bis zur Bahre. Wir in der Kindertagesbetreuung decken nur einen Teil des Lebens ab.« Jeweils 20 Millionen Euro geben Stadt und Landkreis pro Jahr für die Eingliederungshilfe aus. Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen zahlen deshalb wie andere Eltern nur das übliche Besuchsgeld, sagt Costabel.

Acht Kinder, auch Paula, sitzen im Kreis. Vor ihnen steht ein roter Eimer, halb gefüllt mit Linsen. Darin versteckt sind Tiere aus Holz, große und kleine. Mit geschlossenen Augen suchen die Kinder nach den Figuren. Paula findet ungeschummelt ein Huhn. Zehn Minuten später liegt ein Pfund Linsen verstreut im Zimmer.

Paula hilft beim Aufräumen, auch wenn sie sich schwer tut beim Einsammeln der kleinen Hülsenfrüchte. An Paulas Langsamkeit stört sich niemand. »Für jedes Kind gibt es Herausforderungen, an die man anfangs nicht denkt«, weiß Höhn. »Aber nur, weil ein Kind irgendetwas hat, heißt das noch lange nicht, dass Assistenzbedarf vorhanden ist.« Es gebe Kinder mit Auffälligkeiten, die auch ohne Unterstützung in einem Kindergarten zurechtkommen, sagt Lauhoff.

Fakt ist aber auch, dass manchmal erst im Kindergarten bemerkt wird, dass Assistenz notwendig wird. Bei Untersuchungen sei festgestellt worden, dass rund ein Viertel aller Kindergartenkinder einer Förderung bedarf, um überhaupt die Schulreife zu erhalten, sagt Höhn.

Sandra Grüninger hat Paula einen Kittel angezogen, weil Wasserfarben auf weißem T-Shirt hässliche Flecken machen. Paula malt eine Wiese. Der grüne Strich geht quer übers Blatt. Um halb zwei holt sie ihre Mutter ab. »Sie fordert mich zurzeit ziemlich. Montag Turnen, Dienstag Logopädie, Mittwoch Reiten, Freitag Schwimmen« - ein strammes Programm für eine Sechsjährige.

»Sie fordert mich zurzeit ziemlich«
 

»Wie ich mir die Zukunft von Paula vorstelle? Ab Mitte September werde ich Paula jeden Tag in die Sondelfinger Mörikeschule bringen. Mittags hole ich sie ab. Dann laufen wir nach Hause wie hundert andere Kinder auch«, sagt Karin G., die sich für ihre Tochter eine Stelle am ersten Arbeitsmarkt erhofft. »Und dass sie alleine wohnen kann. Oder wenigstens in einer integrativen Wohngruppe.« Von ganzem Herzen wünscht sie ihr, dass sie einmal heiraten wird.

Aber noch interessieren Männer nicht. Spannender sind Geschichten von Vimala, dem indischen Mädchen. Paula klettert aufs Sofa, legt den Arm um Bärbel Schlotterbeck. Sie will, dass ihr vorgelesen wird. Paula sieht glücklich aus. Die Kindergartenleiterin auch. (GEA)



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