Von Blümelein und Hagelschlag
VON HEIKE KRÜGER
Meine Freundin Franziska ist erleichtert. Wegen der globalen Klimaerwärmung, wie sie sagt. Denn die erweise sich derzeit als außerordentlich segensreich. »Nicht auszudenken«, meint Franzi, was Reutlingen und die Region durchmachen müssten, wenn es diesen weltweiten Temperaturanstieg nicht gäbe. »Statt bei komfortablen fünf Grad vor uns hinzubruddeln, würde uns wahrscheinlich die Spucke gefrieren.«
Kein Zweifel: So eine globale Erderwärmung hat was für sich. Wiewohl - auch das hat meine Freundin erkannt - das volkstümliche Liedgut, den meteorologischen Verhältnissen schleunigst angepasst werden müsste. Denn auch wenn der kalendarische Mai längst gekommen ist - seine wonnige und sonnige Seite will sich partout nicht herbeisingen lassen.
Trotzig widersetzt sie sich Franzis stimmlichen Bemühungen. Und so nimmt es kaum Wunder, dass meine Freundin seit geraumer Zeit an einem Kompendium aktualisierter Volksweisen arbeitet. Überschrieben mit »Der Mai ist verschwunden« soll es vor allem die Erzieherinnen in den Kindergärten entlasten.
Die nämlich, hat meine Freundin beobachtet, geraten immer stärker in Erklärungsnot, wenn sie den Nachwuchs Witterungsverhältnisse besingen lassen, wie sie allenfalls vor der weltweiten Wärmekatastrophe Gültigkeit hatten. »Besser«, glaubt Franziska, »man nennt die Dinge klar beim Namen«.
Und deshalb schlagen in ihren Texten auch keine Bäume aus, sondern Hagelkörner ein. Da sprießt es nicht, sondern gießt. Und die Blümelein? Die - so viel sei an dieser Stelle verraten - beschränken sich nicht aufs Schlafen - selbstverständlich begleitet von einem fidelen Vi-Di-Ral-La-La.