Soziales - »Arbeiterbildung« feiert dreißigsten Geburtstag mit Podium: »Arbeitsmarktpolitik - Placebo gegen Armut?«
Von Arbeit, Löhnen und Armut
Von Hans A. Lasslob
REUTLINGEN. Bei einer Geburtstagsfeier wären kontroverse Diskussionen eher fehl am Platze, und so herrschte auf dem Podium des nun 30 Jahre alten Vereins Arbeiterbildung im Haus der Jugend weitgehend Einmütigkeit. Das Thema allerdings war darum nicht weniger brisant: die Arbeitsmarktpolitik als bloßes »Placebo gegen Armut?«. Moderator Dr. Ulrich Bausch, Reutlinger Volkshochschul-Geschäftsführer, formulierte es drastischer: Etliche aktuellen Gesetze und Regelungen liefen auf ein »Dulden und Fördern von Armut« hinaus.
Podium ohne Diskussion beim Verein Arbeiterbildung (von links): Verdi-Geschäftsführer Martin Gross, Sozialhochschul-Professor Hans-Ulrich Weth, MdB Hilde Mattheis (SPD), Moderator und Themengeber Dr. Ulrich Bausch von der VHS, Ulrich Häfele von der Arbeitsagentur und MdL Thomas Poreski (Grüne).
FOTO: Hans A. Lasslob
Dem widersprachen weder die SPD-Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis noch Professor Hans-Ulrich Weth von der Hochschule Ludwigsburg, weder Grünen-Landtagsabgeordneter Thomas Poreski noch gar Martin Gross von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Und auch der Vorsitzende der Geschäftsführung der Reutlinger Arbeitsagentur, Ulrich Häfele, wünscht sich klare politische Positionen und einen offenen Blick auf die höchst unterschiedlichen Auswirkungen der an sich erfreulichen Arbeitsmarkt-Entspannung auf einzelne Bevölkerungsgruppen, Frauen und Ausländer etwa, die kaum davon profitierten.
Schönrechnerei
Verhängnisvoll ist aus Sicht vieler - und aller auf diesem Podium - die rasche Zunahme der schlecht bezahlten und der Mini-Arbeitsplätze, die nicht nur gegen die Menschenwürde verstoße (»gute Arbeit verdient gute Bezahlung, von der man leben kann«), sondern auch noch die Schönrechnerei bei der Arbeitsmarktstatistik stütze. Ebenso verurteilt wurde die Entwicklung zum Aufteilen von Voll- in Teilzeit-Jobs mit der Absicht, die Arbeitsplatzzahlen zu schönen.
Mindestlohn und die klare Eindämmung von Leih- und Zeitarbeit waren zentrale Forderungen, aber auch die Verbesserung von Bildung und Ausbildung stellten alle Diskussionsteilnehmer ganz oben auf die Prioritätenliste. Und hier fand sich auch gleich der Zusammenhang mit der »immer noch nicht angemessenen« Berechnung von Hartz IV.
Umdenken müsse die Politik, denn auch in den aktuellen Krisen seien die Reichen immer noch reicher geworden, während sich auch in der gesellschaftlichen Mitte die Angst vor Armut immer stärker breit mache. Und leider, so der Ludwigsburger Rechts-, Verwaltungs- und Politik-Professor Weth, sei es eben nicht Konsens, dass Arbeit genug Lohn für ein anständiges Leben eintragen müsse - vielmehr werde in der Wirtschaftswissenschaft die Meinung vertreten, der erzielbare Preis, der Markt müsse den Lohn regeln; für den Rest müsse halt der Staat einspringen ...
Kultur und Gespräch
In der kopfschüttelnden und empörten Ablehnung solcher Sichtweisen stimmten die Gratulanten auf dem Podium der Arbeiterbildung so rasch und nahtlos überein, dass Bausch diesen Gedanken-Austausch vor Publikum höchst pünktlich beenden konnte. Hatten zuvor schon die Gäste und Mitarbeiter des Geburtstagsvereins ihre Grußadressen vorgetragen, war jetzt Kultur angesagt: Isabell Bläubaum sang zur Begleitung des Gitarristen Reinhard Klatt zum Tenor passende Lieder und Chansons »Von der belebenden Wirkung des Geldes«.
Der Abend klang mit einem gemütlichen Teil aus, der laut Programm freilich vorrangig dem Austausch von Informationen und Meinungen dienen sollte. Der Verein Arbeiterbildung hat sich der »unabhängigen, kostenlosen und gemeinnützigen Beratung für Erwerbslose und Sozialhilfeberechtigte« verschrieben und hofft - wie viele ähnliche Einrichtungen - über die verbale Anerkennung hinaus auf eine langfristig gesicherte Finanzierung, statt alljährlich neu um Förderung nachsuchen zu müssen und derart stark von Spenden abhängig zu sein. (GEA)
Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
Wir denken schon heute an unsere Leser von morgen. Deshalb bringen wir Lokal-Nachrichten mit Deutschlands größter WG-Börse www.wg-gesucht.de zu jungen Leuten und Studenten.