Gründung - Runde Tische Reutlingen und Tübingen bilden das »Netzwerk Antidiskriminierung«

Verein will Beratungsstellen schaffen

Von Patricia Kozjek

REUTLINGEN. In Kraft getreten ist es im August 2006: das sogenannte Antidiskriminierungsgesetz. Bei allen angekommen ist es noch lange nicht. Tagtäglich erfahren Menschen teils leidvoll, das Papier geduldig ist und – schlimmer noch – Diskriminierung an zahlreichen Stellen in der Gesellschaft sogar geduldet und hingenommen wird. Zwei Runde Tische »Antidiskriminierung«, die dem entgegenwirken wollen – der Reutlinger und der Tübinger – ziehen seit Dezember als Verein unter dem Namen »Netzwerk Antidiskriminierung – Region Reutlingen/Tübingen« an einem Strang.

Borghild Strähle, Andreas Foitzik, Lutz Adam und Marjam Kashefipour (von links) planen die nächsten Aktionen des Netzwerks Antidiskriminierung ? Region Reutlingen/Tübingen. FOTO: KOZJEK
Borghild Strähle, Andreas Foitzik, Lutz Adam und Marjam Kashefipour (von links) planen die nächsten Aktionen des Netzwerks Antidiskriminierung – Region Reutlingen/Tübingen. FOTO: Patricia Kozjek
»Gleich in zwei großen Städten zeigen wir damit auf, dass Diskriminierung geächtet ist«, betont Borghild Strähle, eine der Vorstandsfrauen und langjährige Mitarbeiterin beim Mädchentreff Tübingen und aktiv am runden Tisch der Neckarstadt. »Das langfristige Ziel soll sein, dass es zukünftig in beiden Städten je eine Beratungsstelle, ein Diskriminierungsbüro, gibt«, erläuterten Strähle und Initiatoren bei einem Pressegespräch im Haus der Jugend.

Starten will man in Reutlingen: »Es geht um eine spezielle Fachberatungsstelle, vergleichbar mit einer Sucht- oder Aidsberatungsstelle, bestückt mit qualifiziert-professionellem Personal«, erklärt Andreas Foitzik, der das Projekt, das vom Integrationsministerium finanziert wird, leitet. Damit leisten die Macher »Pionierarbeit«. »Baden-Württemberg ist leider Wüste, was die Arbeit rund um Antidiskriminierungsstrukturen angeht«, sagt Andreas Foitzik, »landesweit sind wir die Ersten, die mit einer Beratungsstelle beginnen.«

Unglaublich großes Spektrum

Man habe dabei »ein unglaublich großes Spektrum an Themen abzudecken«, auch die sogenannte aufsuchende Beratung gehöre dazu. Doch ohne ausreichende Finanzierung bliebe es die Arbeit der Ehrenamtlichen. »Die Kommunen sollten schon sagen, dass sie das auch wollen«, so der Projektleiter. Dass hingegen die Arbeit des Vereins »in beiden Städten gesehen und wahrgenommen wird«, bestätigt nicht nur Marjam Kashefipour aus der Vorstandschaft. »Wir sind regelmäßig im Gespräch mit den Fraktionen«. Offen sei man für das Thema gleichermaßen in Reutlingen wie in Tübingen. Für ein öffentlich besetztes Büro fehlen derzeit aber noch die Mittel.

Jeweils 5 000 Euro Kofinanzierungsmittel pro Stadt seien für die Arbeit des Vereins in den jeweiligen Haushalt eingestellt worden – vom Verein beantragt wurde aber das Doppelte. Eine Kofinanzierung, egal ob von Kommunen oder aus anderen Quellen, ist Voraussetzung für die Förderung durch das Integrationsministerium.

Dass die Arbeit des runden Tisches Reutlingen auch beim Land wahrgenommen wird, freut die Vereinsmitglieder: »Neben dem Integrationsministerium spricht zwischenzeitlich auch das Sozialministerium von einem ›Leuchtturm‹ in Reutlingen«, so Foitzik. »Man weiß, dass Diskriminierung ein Thema in der Gesellschaft ist«, unterstreicht Kashefipour. »Wir sind nicht so erfolgreich, weil wir so tolle Arbeit machen, sondern weil wir in der richtigen Zeit, ganz vorne auf der Welle sind«, glaubt Vereinsvorstand Lutz Adam, Geschäftsführer des Stadtjugendrings Reutlingen und Mitinitiator des runden Tisches Reutlingen.

Anspruchsvolles Ziel

»Die Beratung in Antidiskriminierungsfragen ist ein anspruchsvolles Ziel«, sagt Adam, »das Interesse an Fortbildungen zum Thema ist riesig«, wie er sagt. Die nächste Fortbildungsveranstaltung am 29./30. Januar im Haus der Jugend ist ausgebucht. Noch Plätze gibt es hingegen für einen Zusatztermin am 12./13. März.

Für den Verein geht es nun an den Aufbau einer professionellen Struktur mit drei Säulen: Einzelfallberatung, Hilfe zur Selbsthilfe sowie Fortbildung und Sensibilisierung über Öffentlichkeitsarbeit. »Diskriminierung ist keine Privatsache«, mahnen die Initiatoren, »Es ist ein gesellschaftliches Problem.« (GEA)

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www.antidiskriminierung-
reutlingen.de //



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