Kultur vom Rande - 13 Menschen mit Behinderung experimentieren mit Musik. Jetzt treten sie erstmals auf
Und kläglich quäkt die Tröte
REUTLINGEN. Sie sind das wohl skurrilste Orchester Reutlingens, und die Musik, die sie hervorbringen, lässt sich mit dem gängigen Vokabular einer Rezension kaum beschreiben. 13 behinderte Menschen experimentieren seit fünf Jahren unter professioneller Anleitung gemeinsam mit Klängen. Beim Festival »Kultur vom Rande« (17. bis 25. Juni) werden sie zum ersten Mal öffentlich auftreten und fünf Tage in Folge je eine geschlagene Stunde lang das spielen, was ihr Leiter »ihr erstes Stück« nennt.
»Was wir machen, ist etwas Besonderes und gar nicht mal so einfach zu erklären«, sagt Johannes Joliet, der künstlerische Kopf der Gruppe. »Wir füllen eine bestimmte Menge von Zeit mit Klang und sagen dazu Musik«, beginnt der 50-Jährige, das Thema einzukreisen: »Musik deshalb, weil der Klang gewollt und gestaltet ist und sich nicht nur einfach ausbreitet.«
Verstehen durch Zuhören
Um das zu verstehen, muss man die Gruppe hören und sehen: Quer über den Festsaal der Heime am Gustav-Werner-Platz verstreut stehen ihre Instrumente. Der Flügel in der Ecke lässt sich als einziger einem klassischen Orchester zuordnen. Daneben: ein ganzes Gestell voller Gongs in allen Größen, eine Schalmei, ein Didgeridoo, Klangschalen, Klopfbretter, ein metallenes Windspiel.
Die ausgefalleneren Geräte stellt Joliet persönlich vor: das Polychord in der Mitte, 13 Metallsaiten waagerecht auf einen Klangkörper gespannt, mit dem bereits Pythagoras mathematische Verhältnisse zwischen Tönen erforscht haben soll; das selbst erfundene »Langsait«, eine Zweieinhalb-Meter-Latte mit zwei Saiten, das eine Ende per Schraubzwinge am Tisch befestigt, das andere frei schwebend im Raum, zu spielen mit einem Geigenbogen; die unterarmlangen Rasselschoten vom Affenbrotbaum, die man selbst in Reutlingen findet, wenn man weiß wo.
Sobald das Rauschen des Zuges hinterm Haus verklungen ist, legen sie los. Johannes Joliet hebt den Arm. Gezielte Handbewegungen animieren die Spieler. Rhythmisches Schrubben über das Polychord beginnt, die Klangschalen bringen den Raum zum Schwingen, ein einzelner schräger Klavierton kommt hinzu.
Beschwörung und Ritual
Nach und nach steigern sich die Klänge. Zwei Geigenbögen schrubben das Langsait, das Didgeridoo brummt, und wohldosierte Gongschläge breiten sich aus. Ein minutenlanges Auf und Ab. Eine Beschwörung. Eine Meditation. Ein Ritual. Dann langsames Abklingen. Nach und nach verstummen die Instrumente. Am Schluss quäkt nur noch die Tröte der Schalmei; ein kläglicher Rest vom verklingenden Geräuschefest. »Töne sind kostbar«, hat Johannes Joliet seiner Gruppe in den wöchentlichen Mittwochnachmittags-Treffen beigebracht. Nur wenn man sie bewusst erzeugt, kann Musik daraus werden. Das Geräusch beim Weglegen der Rassel auf den Stuhl klingt falsch, unpassend. »Jeder Ton ist verbindlich«, hat Joliet deshalb gelehrt: »Ein Geräusch, das erklingt, kann man nicht mehr zurücknehmen.«
Mit 13 behinderten Menschen macht Joliet seit Jahren Musik. Die meisten von ihnen arbeiten in Bruderhaus-Werkstätten, die anderen sind bereits Ruheständler und in den Heimen am Gustav-Werner-Platz zuhause. Joliet selbst, der seit 1999 in Reutlingen aktiv, ist bildender Künstler mit einem Hang zur Musik. Mit einer anderen Gruppe der Bruderhaus-Diakonie malt und werkelt er ebenfalls seit Jahren in der ehemaligen Franzosenkaserne in der Ringelbachstraße.
»Halle 016« nennt sich diese Gruppe, und weil das Experimentalorchester beim Festival Kultur vom Rande in der Ausstellung »Farbige Klänge« in der Volkshochschule spielt, bei der auch die Künstlerwerkstatt »Halle 016« der Bruderhaus-Diakonie vertreten ist, hat sie sich denselben Namen gegeben. Bei den »Farbigen Klängen« werden die Musiker zur Eröffnung am Sonntag, 19. Juni, ab 11 Uhr spielen sowie in der darauf folgenden Woche von Montag bis Freitag je zwischen 14 und 15.30 Uhr. (GEA)
Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
Wir denken schon heute an unsere Leser von morgen. Deshalb bringen wir Lokal-Nachrichten mit Deutschlands größter WG-Börse www.wg-gesucht.de zu jungen Leuten und Studenten.