Gesellschaft - Was Ausländer für Deutschlands Zukunft bedeuten: Podium der ESB Business School im Kinocenter
Über Landesgrenzen hinaus denken
VON CHRISTOPH B. STRÖHLE
REUTLINGEN. »Ausländer - Deutschlands letzte Chance?« Für das 15. Wirtschaftsforum der ESB Business School in Reutlingen hatte das studentische Organisationsteam bewusst einen provokativen Titel gewählt und eine illustre Runde aufs Podium geladen.
Auf dem Podium im Planie-Kinocenter diskutierten (von links): Vassilis Tsianos, Eva Marie Haberfellner, Normen Odenthal, Ursula Schwarzenbart, Christian Lindner und Thomas Renz.GEA-Verleger Valdo Lehari jr. (zweiter von rechts) und Ottmar Schneck - Dekan der ESB Business School (vierter von rechts) - empfingen die illustre Gäste-Runde im Service-Center des Reutlinger General-Anzeigers am Burgplatz. FOTOS: NIETHAMMER
FOTO: Markus Niethammer
Mit ZDF-Nachrichtenmoderator Normen Odenthal diskutierten FDP-Generalsekretär Christian Lindner, Ursula Schwarzenbart von der Daimler AG, die Leiterin der Schule Schloss Salem, Professorin Dr. Dr. Eva Marie Haberfellner, der Hamburger Soziologe Dr. Vassilis Tsianos und Weihbischof Thomas Renz von der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
Dass die Wahl des Veranstaltungsorts auf das Planie-Kinocenter gefallen war, hatte damit zu tun, dass vor der Landtagswahl öffentliche Veranstaltungen mit Politikern auf dem Campus tabu sind. So kam es, dass die ESB drei Kino-Vorstellungen aufkaufte. Einen Vorempfang mit Livemusik, Sekt und Häppchen gab es im Service-Center des Reutlinger General-Anzeigers, wo Ottmar Schneck, Dekan der Business School, GEA-Chefredakteur Hartmut Troebs und Verleger Valdo Lehari jr. die Besucher begrüßten.
Mehr Attraktivität im Wettbewerb
»Wir sind gerne als Gastgeber eingesprungen«, sagte Lehari. Das Thema liege auch ihm am Herzen. Bereits in den 1970er-Jahren habe er als Student an der Stanford University und im Beruf erlebt, »dass das Ausbildungssystem der Exzellenz der Welt in den USA auch ein Teil der Immigrationspolitik ist«. Er bedauerte, dass Deutschland sich nach wie vor schwertue mit dem Begriff »Elite« und Immigrationspolitik fast ausschließlich als Sozialpolitik begreife.
Integration der hier lebenden Ausländer einerseits, Erhöhung der Attraktivität Deutschlands im internationalen Wettbewerb andererseits: Für Christian O. Erbe, Präsident der Reutlinger Industrie- und Handelskammer, sind dies notwendige Schritte, um der demografischen Herausforderung und dem Fachkräftemangel hierzulande zu begegnen, erklärte er nach der Veranstaltung.
An Anerkennungskultur arbeiten
Ähnlich hatte sich auf dem Podium FDP-Generalsekretär Christian Lindner geäußert und dafür plädiert, »alle Begabungsreserven, die es in Deutschland gibt, auszuschöpfen«. Dazu gehörten intensive Bildungsanstrengungen, eine höhere Durchlässigkeit der Gesellschaft und die Weiterqualifizierung von Menschen, die dauerhaft arbeitslos sind. An seiner Anerkennungskultur für Leistung müsse das Land noch arbeiten und gleichzeitig ein Klima dafür schaffen, dass »hochtalentierte Leute, die etwas aus ihrem Leben machen wollen, nach Deutschland kommen und hier gerne bleiben«. Mit einem Punktesystem lasse sich Zuwanderung sinnvoll steuern, meinte Lindner. Es sei legitim, dass die Bundesrepublik dabei auch ökonomische Interessen zugrunde legt.
Der katholische Weihbischof Thomas Renz sprach sich dafür aus, die hier lebenden Menschen aus anderen Ländern um ihrer selbst willen zu fördern und als Teil der Gesellschaft zu begreifen. Alle Gruppen auch der deutschen Mehrheitsgesellschaft müssten sich einbringen, damit Integration gelinge. Entscheidend sei die Erkenntnis, dass jeder vom Anderen lernen kann.
Der griechischstämmige Soziologe Dr. Vassilis Tsianos sieht in Sachen Integration mehr erreicht, als viele glauben. Sein Befund: »Es gibt in Deutschland seit 50 Jahren eine unsichtbare Geschichte der Autointegration, der freiwilligen Selbsteingliederung von Migranten, die keine Anerkennung genießt.« In gewissem Sinne habe sich Deutschland abgeschafft. »Es gibt nicht mehr das alte, muffige, monokulturelle, mononationale Deutschland, sondern ein postnationales, kosmopolitisches, in dem Mehrheiten und Minderheiten vielleicht jetzt neu anfangen können, über Demokratie zu diskutieren statt über Gleichheit.«
Es sei »bereichernd, Entwicklungen über Landesgrenzen hinauszudenken«, meinte Ursula Schwarzenbart, die bei der Daimler AG das Global Diversity Office leitet. Das Unternehmen fahre gut damit, die Unterschiedlichkeit und Vielfalt der Beschäftigten aus 70 Nationen (die Zahl bezieht sich auf den Großraum Stuttgart) nicht als Barriere, sondern als Chance zu begreifen. »Wenn wir Nachwuchstalente fürs Management suchen, ist uns interkulturelle Kompetenz besonders wichtig«, betonte sie.
Eva Marie Haberfellner, die in der Internatsschule Schloss Salem 700 Schüler aus 37 Nationen betreut, riet zu »akademischer Demut« im Umgang mit ausländischen Bildungsabschlüssen. »Die Bildung erlebt derzeit in vielen Ländern der Welt eine Revolution. Nur wir bemerken es nicht«, sagte sie. Der Föderalismus werde in Deutschland in dem Maße zum Problem, wie die Schulstrukturen auseinanderdriften. »Im Augenblick ist es fast leichter, einen Schüler aus Honolulu zu integrieren als aus Nordrhein-Westfalen.« Neben einem verpflichtenden Vorschuljahr für alle Kinder wünscht sie sich flächendeckend »echte Ganztagsschulen« und einen kompletten Neuanfang bei der Lehrerausbildung. (GEA)
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