Theater - Isolde-Kurz-Gymnasium spielt ein Stück zum 175-Jahr-Jubiläum der einstigen Mädchenschule

Über die eigene Geschichte

VON MARTIN BERNKLAU

REUTLINGEN. Das Isolde-Kurz-Gymnasium bringt seine Geschichte auf die Bühne – und wie! Am Mittwochabend war im franz.K eine umjubelte Premiere, am heutigen Freitag um 20 Uhr gibt es dort die letzte der drei Vorstellungen. »Zeit für Wandel« heißt das Stück zum 175-jährigen Jubiläum der einstigen Mädchenschule. Es ist ein Stück Reutlingen in Geschichte und Gegenwart – und ein geradezu grandioses Schulstück mit allem, was tolles Theater braucht.

Weit mehr als gängiges Schultheater: In »Zeit für Wandel« spielen Schüler die Geschichte der Schule. FOTO: BERNKLAU
Weit mehr als gängiges Schultheater: In »Zeit für Wandel« spielen Schüler die Geschichte der Schule. FOTO: BERNKLAU
Verfasst hat diesen rasant geschnittenen Bilderbogen in 27 Szenen der langjährige Leiter der Theater-AG, der inzwischen pensionierte Pädagoge Eckhard Wurm. Mit mehreren virtuos verknüpften Erzählsträngen und auf verschiedenen Zeitebenen entfaltet er eine historisch sorgsam recherchierte Doku-Fiktion über die Gründung der Schule und über die schillernde Namenspatronin Isolde Kurz. Die ungewöhnlich emanzipierte Schriftstellerin arrangierte sich in ihren greisen Jahren freilich recht bereitwillig mit der Naziherrschaft.

»Ein fortschrittlicher und optimistischer Rapper Friedrich List«
 

Als Prolog tritt ein rappender Friedrich List (Denny Petla) an die Rampe, zu dessen Reformideen ganz zentral auch die Verbesserung der Bildung gehörte. Isolde Wandel, die erfundene und von Luisa Beck durchgängig als eindrucksvoller Charakter dargestellte Hauptperson muss sich nicht nur auf ihrem Schulhof mit doofen Mackern herumschlagen, sondern auch mit lustlosen Lehrern und einem drögen Lehrplan. Das mutige und wissbegierige Mädchen will lernen, und zwar richtig, was wichtig ist. Großartige Schul- und Unterrichtsszenen zeigen die Zustände und das Bildungselend der Biedermeierzeit.

In Isoldes Familie treffen die Kräfte dieser Zeit aufeinander. Der Tuchmacher Wilhelm Wandel (Konstantin Bleher) aus der Krämerstraße ist zwar noch unangefochtener Patriarch, aber schon ein bisschen aufgeklärt und der Zukunft zugewandt. Für das Alte steht die Oma (Marie Seffner), bigott und bibelfest, während der ältere Bruder Hans (Luis Büttner) schon ganz rebellisch gestimmt ist. Was am scheinbar betulichen Wandelschen Mittagstisch – linker Bühnenrand – an Zeit- und Lokalkolorit dargestellt ist, wird durch den funkelnden Witz der Dialoge nebenbei auch zu großartiger Unterhaltung.

So eine Art humoristischer Lubitsch-Touch von feinen Running Gags und sorgsam gesetzten Pointen durchzieht das ganze Stück, ohne dass es je zur Komödie oder gar zum Klamauk wird. Denn Isolde ist es ernst mit dem Lernen, und sie findet einen Verbündeten in dem feuerköpfigen und revolutionären, in Tübingen studierten Theologen und Junglehrer Karl Friedrich Kleemann (Leon Sommer), der partout eine eigene Schule gründen will.

Als Zwischengeschichte wird am rechten Bühnenrand immer wieder Isolde Kurz (Isabelle Müller) eingeblendet, deren fiktive Interviews mit zwei Radio-Reporterinnen weitgehend aus echten Zitaten der 1944 gestorbenen Dichterin montiert sind. Sie machen deren zwiespältige und fragwürdige Rolle von selbstbewusst moderner Frauenfreiheit einerseits und fatal angepasster Nazi-Nähe auf der anderen Seite sehr anschaulich.

Zwischen burlesken Kneipenszenen, bei denen trinkfreudige Studenten eine herrliche neue Reutlinger Hymne im Stil der Zeit intonieren, Gerichts- oder Amts- Ambiente, zwischen Tisch, Bett und Schulbank, kammerspielartigen Begegnungen, Tratschweiber-Gewäsch und einem versonnenen Brief-Monolog fährt dieses großartig inszenierte und bis in die kleinen Rollen hinein wunderbar selbstbewusst und sicher gespielte Stück mit hohem Tempo alle Theater-Genres auf, die auf der Bühne gefragt sind.

Als den pädagogischen Visionär im Traum alle personifizierten Widerstände peinigen, vertreibt der Engel Isolde die unseligen Geister mit dem Laserschwert der Jedi-Ritter.

Solche überzeugenden Regietheater-Verknüpfungen mit der Gegenwart, auch zahllose leise, oft witzige und meist kritische Anspielungen geben dieser »Zeit für Wandel«-Inszenierung eine Brillanz, die in allen Belangen weit über gängiges Schultheater hinausgeht.

Am Ende gelang die Schulgründung bekanntlich. Im aufgegebenen Gasthaus »Adler« am Reutlinger Marktplatz 8 mietete der wirkliche Friedrich Kleemann die ersten Schulräume für seine »Höhere Privattöchterschule« an. Aber nichts ist für die Ewigkeit. Im Stück zerstört ein »Fuck-Skool!«-Destroyer die Steine des mühsam aufgebauten Schulgebäudes zu den anti-pädagogischen Klängen von »The Wall«. Aber das letzte Wort hat – unter dem begeisterten Beifall der 40, 50 jungen Schauspieler – dann doch der fortschrittliche und optimistische Rapper Friedrich List.

Noch länger und lauter fiel der Jubel des Publikums aus, der mehr als nur verdient war. Am heutigen Freitag um 20 Uhr ist im franz. K die letzte Gelegenheit, das fulminante Stück zu sehen. Für den Sommer sind zwar zum 175. Schuljubiläum noch eine Projektwoche und ein großes Fest geplant. Aber eine Wiederaufnahme des Schauspiels ist nicht vorgesehen. Dieser Kraftakt mit Theaterfreizeit in Tieringen noch im Januar war für die Schüler vor dem Abitur anstrengend genug. (GEA)



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