Luftreinhalteplan - Nach Kritik aus Reutlingen: Regierungspräsidium Tübingen lenkt ein in Sachen Lederstraße

Trotz Luftverschmutzung: Lederstraße bleibt vierspurig

VON ANDREA GLITZ

REUTLINGEN. Die Reutlinger Stadtverwaltung will nicht, dass die Lederstraße auf zwei Spuren zurückgebaut wird. Dies hatte Baubürgermeisterin Ulrike Hotz unlängst in einer Infoveranstaltung des Tübinger Regierungspräsidiums (RP) zur Fortschreibung des Reutlinger Luftreinhalteplans kundgetan.

Problemzone: Die Messstation der LUBW an der Lederstraße misst   notorisch zu hohe Stickstoffdioxid-Werte.
Die Messstation der LUBW an der Lederstraße misst notorisch zu hohe Stickstoffdioxid-Werte. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Nun ist das Veto der Stadtverwaltung auch in der städtischen Stellungnahme zum Planentwurf nachzulesen. Hotz erläuterte sie in einer Pressekonferenz gemeinsam mit dem Leiter des Stadtplanungsamts, Stefan Dvorak, und der Oberbürgermeisterin. Barbara Bosch hatte sich den Segen von höchster Stelle schon eingeholt. Sie hat mit dem Tübinger Regierungspräsidenten Klaus Tappeser höchstpersönlich telefoniert und ihm die Gründe für die Ablehnung dargelegt. »Unsere Argumente haben überzeugt. Das strittige Thema steht im Moment nicht weiter zur Debatte.«
»Mindestens eine scharfe Maßnahme ist notwendig«
 

Die Fahrzeugdichte auf der Lederstraße ist nach Auffassung der Reutlinger Planer auch nach Öffnung des Scheibengipfeltunnels zu hoch, um von zwei Spuren bewältigt werden zu können. Stefan Dvorak belegte dies mit Verkehrsberechnungen, die die Tübinger offensichtlich anders, deutlich niedriger, interpretiert haben. Zweispurig könne die Lederstraße maximal 25 000 Fahrzeuge täglich verkraften. Zwischen 30 000 und 40 000 sind nach städtischer Berechnung prognostiziert. Der Verkehr kommt laut Dvorak zum Erliegen. Die Stadt fürchtet zudem Verlagerungsverkehr in Oststadt und Ringelbachgebiet.Die Stadt legt einen alternativen Vorschlag vor, der die Pfullinger interessieren dürfte: Das Regierungspräsidium soll prüfen, welche Auswirkungen der Rückbau der Marktstraße auf zwei Spuren hat. Der Pfropf vor den Toren von Reutlingen soll möglichst viel Verkehr in den Scheibengipfeltunnel locken. Auch die anderen Maßnahmen des vom RP favorisierten »Szenarios 3«, um die hiesigen Grenzwerte von Stickstoffdioxid und Feinstaub einzuhalten (siehe Infobox), haben die Reutlinger für ihre Stellungnahme einer kritischen Würdigung unterzogen. Dem Lkw-Durchfahrtsverbot in der Innenstadt will man nur zustimmen, wenn das Land dafür sorgt, dass die Polizei verstärkt kontrolliert. Sonst sei die Maßnahme ein »Papiertiger«, fürchtet Barbara Bosch. Insgesamt möchte die Stadt weiterhin das »Szenario 1« (siehe Infobox) zur Grundlage der weiteren Überlegungen machen. Es setzt stark auf den Umweltverbund und damit auf Autoverkehrsvermeidung im gesamten Stadtgebiet. Von den drei Szenarien des RP verspricht es den stärksten Rückgang des Autoverkehrsanteils: Bis ins Jahr 2020 soll er von derzeit 52 auf 41 Prozent sinken. »Wir wollen die Luft in Reutlingen überall besser machen«, betonte Stefan Dvorak. Dazu müssen allerdings die Bürger mitziehen, sprich umsteigen. »Ich glaube an den Umweltverbund, und wir vertrauen auf die Menschen«, beteuerte der städtische Chefplaner. Barbara Bosch berichtete vom generellen Unmut der Städte. Man sieht sich in Sachen Luftverschmutzung in der Opferrolle. »Wir kommen an die Ursachen nicht ran.« Bund und Land seien in der Verantwortung. Die Reutlinger, die Modellstadt für die Luftreinhaltung sind, fordern in ihrer Stellungnahme mehr Unterstützung in Form von Geld und Personal, unter anderem für die zügige Realisierung der Regionalstadtbahn mit Gomaringer Spange und Innenstadtstrecke, Mittel für den Klimaschutz generell, übergangsweise auch Fachpersonal vom Land. Die Stadtplaner sind sich sicher, dass sie mit ihren Ansätzen auch das Problem Lederstraße in den Griff bekommen, sprich die Grenzwerte an der kritischen Messstation. Das Regierungspräsidium hatte sich im jüngst vorgestellten Planentwurf - offensichtlich zur Überraschung von Reutlinger Rathaus und der begleitenden Spurgruppe - auf das »Szenario 3« kapriziert, das stark auf die Lederstraße fokussiert ist. Die Tübinger Experten haben Zweifel an der Wirksamkeit von »Szenario 1«. Es beinhalte eine Vielzahl von nicht-restriktiven Maßnahmen, deren Umsetzung bis 2020 »ambitioniert« sei und erfordere insbesondere ein geändertes Mobilitätsverhalten der Bürger. Auch auf Maßnahmen wie Carsharing oder betriebliches Mobilitätsmanagement habe die Stadt keinen Zugriff.
»Ich glaube an den Umweltverbund«
 

»Mindestens eine scharfe Maßnahme« ist nach Auffassung des Regierungspräsidiums notwendig, um die Grenzwerte einzuhalten, sagt der beim RP zuständige Pressereferent, Simon Kistner, auf GEA-Nachfrage. Dass sich die Deutsche Umwelthilfe, die das Land vorm Verwaltungsgericht verklagt hatte, mit der »Szenario 1«-Option zufrieden gibt, hält Kistner für »kaum vorstellbar«. Die Spurreduzierung soll in der Entwurfsüberarbeitung tatsächlich nicht mehr erwähnt sein. Nun soll es nur noch »Reduzierung des Verkehrs in der Lederstraße« im Planentwurf heißen. »Das Wie ist Aufgabe der Stadt.« Den Verkehrszahlensalat auf der Lederstraße möchte Kistner nicht näher kommentieren. Der Verkehrsgutachter des Regierungspräsidiums habe die Zahlen vermutlich von der Stadt erhalten. Es gab wohl »Missverständnisse«, mutmaßt er, merkt an anderer Stelle aber auch an, dass es um »politische« Zahlen gehe. Weitere Gespräche mit den Reutlingern fänden statt. »Wir müssen eine Einigung finden«, sagt Kistner, der das gemeinsame Ziel von Stadt und Land - »verbesserten Gesundheitsschutz der Bevölkerung durch Reduzierung der Schadstoffe« - beschwört. Der Weg dahin scheint weiter unklar und die Zeit drängt: Ende September soll der Plan fertig sein. (GEA)

ZWEI VON DREI SZENARIEN

Das Tübinger Regierungspräsidium (RP) hat zur schnellstmöglichen Einhaltung der Schadstoffgrenzwerte in Reutlingen drei Szenarien erarbeitet, zwei davon sind derzeit in der Debatte.Szenario1: Der Favorit der Stadt Reutlingen setzt insbesondere auf die Förderung des Umweltverbunds (Rad- und Fußverkehr sowie ÖPNV). Weiteres Parkraummanagement, der Ausbau von multimodalen Mobilitätspunkten, ein Lkw-Routenkonzept, Förderung der Elektromobilität, von Carsharing und betrieblichem Mobilitätsmanagement sind weitere Komponenten. Szenario 3: Der Favorit des RP setzt primär auf die Umgestaltung der Lederstraße und ein Lkw-Durchfahrtsverbot auf innerstädtischen Strecken. Die Förderung des Umweltverbunds und Parkraummanagement sind ebenfalls vorgesehen. (igl)
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