Literatur - »Seine Feigheit ist erbärmlich«: Wie das Schaf von Dichtern und Denkern gesehen wird

Tierisches Gedankengut in Bronnweiler

VON MARTIN BERNKLAU

REUTLINGEN-BRONNWEILER. Im Frühsommer geht's auch den Schafen von Barbara Zeppenfeld an die Wolle. Frisch geschoren zeigten sich die meisten ihrer Mädel-Herde am Samstagnachmittag beim »Literarischen Schafspaziergang« rund um Bronnweiler.

40 Mitläufer zählte die Menschenherde, die das bunte Grüppchen der organisierenden Schafsköpfe an der Seite der Schäferin begrüßte.
40 Mitläufer zählte die Menschenherde, die das bunte Grüppchen der organisierenden Schafsköpfe an der Seite der Schäferin begrüßte. FOTO: Martin Bernklau
Den alten Arten aber geht es überhaupt an den Kragen, wenn dieses älteste menschliche Nutztier nicht mit massig Wolle, Milch und Fleisch für genug Profit sorgt. Die Rassen zu erhalten, die Herden zu hüten, auch zur Landschaftspflege, hat sich die Arche-Schäferei zur Aufgabe gemacht. Und dabei kann ein bisschen Image-Pflege für das Schaf nicht schaden. Denn der Ruf ist schlecht, gerade literarisch: Das blökende Schaf gilt als blöd.

»Allgegenwärtig in der Literatur und Kulturgeschichte«
 

Man traf sich unterm majestätischen Mammutbaum der Bronnweiler Kirche. Rund 40 Mitläufer zählte die Menschenherde, die das bunte Grüppchen der organisierenden Schafsköpfe an der Seite der Schäferin begrüßte: der journalistische Literat und Vollbuchhändler Jürgen Jonas neben dem Naturschützer, Gomaringer Obstbauexperten und grünen Kommunalpolitiker Jürgen Hirning, die Musikanten Claudia und Julian Jochen sowie Kulturtouristikerin Henriette Dieter, der die hübsche Idee für diese lehrreiche Premiere zu verdanken war.Emmi war auch dabei. So frisch noch ziemlich ungezogen für die verantwortungsvolle Aufgabe, soll das verspielt-charmante Border-Collie-Mädchen nach dem Tod von Ronja vor zwei Monaten bald die Rolle von Barbara Zeppenfelds Schäferhündin übernehmen können.Der Erfolg von Leonie Swanns Schafskrimi »Glennkill« hat den intellektuellen Ruf der genügsamen Huftiere und Wiederkäuer noch nicht nachhaltig verbessern können. »Dabei sind sie allgegenwärtig in der Literatur und Kulturgeschichte«, sagte Jürgen Jonas zur Einführung, »nicht nur in der Schäferdichtung von Theokrit bis Sara Kirsch«. Allein die Bibel zähle gut 200 Erwähnungen des Schafs. Das Jungtier, 188 mal genannt, hat es als »Gotteslamm« gar zu allerhöchsten göttlichen Weihen gebracht.Mit Christian Morgensterns blödel-lyrischem »Geburtsakt der Philosophie« belegte Jonas die fortdauernde Bedeutung der Gattung zum ersten Mal. Auch wenn Alfred Brehm, der Ahnherr der Tierforscher, das Schaf so rüde schmähte (»Seine Furchtsamkeit ist lächerlich, seine Feigheit erbärmlich«), ist für Jonas dennoch klar: »Schafe werden immer da sein.« Nach der Einführung ging es hinüber und hinauf zum ersten der wechselnden Weidepferche, einer frisch gesteckten Koppel an einem Streuobsthang. Gut 70 Tiere der vom Aussterben bedrohten, eher kleinen Rassen »Krainer Steinschaf« und »Waldschaf« hält Barbara Zeppenfeld in ihrer sogenannten Erhaltungszucht-Herde, bis auf den kastrierten Bock Ludwig lauter weibliche Tiere. Ihre Widder hält sie getrennt im Gomaringer Gehege.

»Die Feli ist ein Flaschenlämmle, die trödelt ein bisschen«
 
Nach einer kurzen Einweisung durften die Besucher ins Gatter und sich davon überzeugen, dass die Tiere zwar ein bisschen schreckhaft, aber im Grunde zutraulich und geradezu schmusig sind - jedenfalls »Beziehung aufnehmen können« und auch geistig etwas heller sind als ihr Ruf. Es gab ein erstes Mitsing-Lied nach Naturdichter Hermann Löns in der Version von Claudia und Julian Jochen mit der Ukulele: »Schatz, dann bin ich Dein«. Zwischen der in Vorhut und Nachhut aufgeteilten Gruppe rief die Schäferin dann ihre Herde herbei, die ihr fast vollzählig - »Die Feli ist ein Flaschenlämmle, die trödelt manchmal ein bisschen« - und geschlossen hinterhertrottete zum Pferch im Tal, wo ein paar ältere, unfitte oder noch zu junge Tiere zurückgelassen wurden. Mal spöttisch, redensartlich oder satirisch, mal mit poetischen Liedern, Fabeln oder Versen, hin und wieder mit grobem Witz oder auch skurril - etwa beim ersten scheppernden Phonographen-Lied des Erfinders Thomas Alva Edison (»Mary had a little lamb«), aber immer auch informativ, konnte die menschliche und die tierische Welt des Schafs von allen denkbaren Seiten erkundet werden, während die Herde an verschiedenen Stellen nebenan geduldig grasen durfte. Vor dem Rückmarsch wurde sie getränkt. Nach gut drei Stunden ließen sich die Schafe bereitwillig wieder einpferchen, und die Besucher gingen nach freudigem Beifall sichtlich bereichert ihrer Wege. (GEA)

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