Ausstellung - »Logen-Leben in Reutlingen«. Selbstdarstellung im Treppenhaus des Heimatmuseums
Symbole, Rituale und Absichten
VON HANS A. LASSLOB
REUTLINGEN. »Freimaurer« und »Druidenorden«, Ritter und Novizen, Meister und Gesellen - das hört sich geheimnisvoll an und wird bis heute oft mit Vorbehalten betrachtet, um nicht »Vorurteile« zu sagen.
Beim Pressetermin im Heimatmuseum von links: Werner Zey (Freimaurerloge), Helga Widmann und Barbara Thom-Kollross (Freimaurerinnen-Loge), Wolfgang-Peter Triebs (Loge Achalm) sowie der Museumsleiter Dr. Werner Ströbele.
Ihr gemeinsam dreifaches Jubiläum nehmen nun die drei Reutlinger Logen zum Anlass, sich im Heimatmuseum der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu zeigen, was es auf sich hat mit ihren Symbolen und Ritualen, vor allem aber mit den Zielen dieser Orden von Druiden oder Freimaurer(innen).
Jawohl, es gibt, wenn auch keine »gemischte«, so doch eine weibliche, eine Freimaurerinnenloge in Reutlingen, seit nunmehr 15 Jahren, »Drei Säulen im Zeichen der Silberdistel« heißt sie, lehnt sich jedoch nur hinsichtlich der symbolischen Distel an den Albverein an. Fast zehn Mal so alt, nämlich 125 Jahre, ist inzwischen das männliche Pendant, die Freimaurerloge »Glocke am Fuße der Alb«, und auf immerhin schon 100 Jahre blickt in diesem Jahr der Druidenorden »Loge Achalm« zurück.
Im Marchtaler Klosterhof
Alle drei Logen residieren in einem der ältesten sakralen Gebäude der Stadt aus dem Mittelalter, dem unverwechselbaren Marchtaler Klosterhof mit Marienkapelle, direkt gegenüber des Heimatmuseums. Und auch ihre Ziele sind grundlegend gemeinsame: Toleranz, Gedanken- und Glaubensfreiheit, Gleichheit und Verantwortung für Mensch und Natur. Die stete Arbeit an der eigenen Vervollkommnung und an der Verbesserung dieser Welt gehört zu ihrem Selbstverständnis, das sie mit dieser Ausstellung an die Öffentlichkeit tragen wollen.
Symbolhaltig wie zahlreiche Darstellungen, Ritual-Gegenstände und Zeichen der Logen scheint auch der stufenweise nach oben führende Ausstellungsort: Auf acht Ebenen im Treppenhaus des Heimatmuseums wird die mit der Aufklärung beginnende Geschichte der Orden gezeigt. Zahlreiche Dokumente und Objekte, dazu Mulitmedia-Darstellungen sollen dazu beitragen, die vielbeschworenen »Geheimnisse« der Logen transparenter zu machen und sie in ihrem Zusammenhang mit ihrer Herkunft und ihrer in die Zukunft weisenden Bedeutung zu erläutern.
In der Symbolik wie in der Hierarchie, die den Logen eigen ist, spiegelt sich die Herkunft oder Zurückführung auf das (Bau-)Handwerk mit seiner Zunftordnung: Lehrling (oder Novize), Geselle und Meister sind Stufen der Entwicklung, die alle Logenmitglieder durchlaufen sollen. Und es spiegelt sich die Ge- und auch die Verschlossenheit der Handwerker-Zünfte im obligatorischen Logen-Gelöbnis der »Verschwiegenheit über das in der Loge Gesagte und Erfahrene«. Durch sie soll dem Logen-Mitglied beim freien Gedanken- und Ideenaustausch die notwendige Sicherheit gegeben werden; diese Verschwiegenheit trug den Logen allerdings da und dort auch den Ruf von womöglich zweifelhaften Geheimbünden ein.
Erneut symbolträchtig im Keller des Heimatmuseums, einem ehemaligen Luftschutzraum, ist die Zeit der Verbote und der Diskriminierung aller Logen in der Nazizeit dokumentiert. Vor allem der »Erfinder der Dolchstoß-Legende«, Erich Ludendorff, polemisierte heftig gegen die Logen. Und die Hetz-Propaganda der Nazis, Freimaurer strebten gemeinsam mit »den Juden« nach der Weltherrschaft, wirke bis heute nach und habe dazu geführt, dass die Orden sich nach ihrem Verbot und ihrer Auflösung in den dreißiger Jahren noch immer nicht vollständig hätten erholen können, so Werner Zey von der Freimaurerloge und Wolfgang-Peter Triebs vom Druidenorden.
Fragen nach dem Sinn
Auf der anderen Seite beobachtet Zey ein neuerdings wachsendes Interesse jüngerer Menschen an den Orden und Logen. Er führt dies darauf zurück, dass heute wieder vermehrt »der Sinn des Lebens« gesucht und nachgefragt werde. Positiv sehen auch die Freimaurerinnen Helga Widmann und Barbara Thom-Kohlross in die Logen-Zukunft, denn es gebe in Deutschland ein mittlerweile »ziemlich flächendeckendes« Netz weiblicher Logen, in denen zwar »selbstbewusst und stark, aber nicht feministisch« (Widmann) gearbeitet werde.
Festliches Gefüge
Solche Vernetzung, auch europa- und weltweit, kennzeichnet ebenfalls die Orientierung und das Selbstverständnis der Logen, deren Mitglieder »hinaus in die Welt« zu anderen Logen und deren Meistern ziehen, sobald sie den Gesellen-Status erreicht haben. Alle diese sozialen, intellektuellen und gesellschaftlichen Tätigkeiten, die Arbeit an sich selbst und nach außen, sind begleitet von festen Ritualen, die zwar teilweise auf die inzwischen eher als überholt angesehenen Grundeinstellungen des 19. Jahrhunderts zurückgingen, so Zey, der Gemeinschaft und ihrem Wirken andererseits jedoch ein festigendes und sicheres, durchaus auch ein gewollt festliches Gefüge geben. Auch darüber informiert die Ausstellung, die noch bis 13. November zu sehen ist. (GEA)
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