Verkehr - Stadtentwickler Stefan Dvorak hält die Seilbahn-Idee der WiR-Fraktion in Reutlingen für unrealistisch

Stadtentwickler hält Seilbahn für unrealistisch

VON HANS JÖRG CONZELMANN

REUTLINGEN. Die Idee einer Seilbahn trifft Reutlingen unvorbereitet, die ersten Reaktionen sind entsprechend. Nicht so im Rathaus: Die Stadtplaner, die seit Jahren an der Idee einer Regionalstadtbahn arbeiten, halten die Seilbahn-Alternative für eine clevere, aber unrealistische Idee, jedenfalls für Reutlingen. Stefan Dvorak, Leiter des Amts für Stadtentwicklung und Vermessung, hat gute Gründe.

FOTOMONTAGE: PR
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»Seilbahnen haben weltweit Potenzial und sind in den letzten Jahren stark in den Fokus geraten«, weiß er aus eigener Anschauung, wobei einige Voraussetzungen erfüllt sein müssten: Hanglagen und Schluchten etwa, die es zu überwinden gelte, oder, wie in Koblenz, in vier Minuten zur hoch gelegenen Festung Ehrenbreitstein, wohin man mit dem Bus 30 Minuten unterwegs ist. Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, sei die klassische Infrastruktur der Seilbahn überlegen. So wie in Reutlingen.

Das erste Problem aus Dvoraks Sicht sind die Haltepunkte. »Das sind große Bauwerke, die nicht niveaugleich sind mit dem Straßenraum.« Mindestens fünf, sechs Meter müssten mit Aufzügen überwunden werden. »Die Frage ist dann, wie barrierefrei ist das« – im Vergleich zur ebenerdigen Regionalstadtbahn. Allein schon die Vorstellung, dass jede Haltestelle mit einem solchen Bauwerk bestückt werden müsste, mache klar, dass die Eingriffe so minimalinvasiv nicht sind.

Zweites Problem an den Haltepunkten ist das Aus- und Einsteigen. Die Gondeln, wie man sie vom Skifahren kennt, werden zwar aus dem Transportseil auf ein Stationsseil gehoben und werden langsamer, aber sie kommen nicht zum Stillstand. »Man muss sich auf das Tempo einstellen.« Eine dritte Frage schließt sich für Dvorak an: die Frage des Aufsichtspersonals. Braucht man an jeder Haltestelle Personal, das beim Aus- und Einsteigen behilflich ist? Bei der Regionalstadtbahn ist der Fall klar: Das Personal sitzt im Cockpit und schaut in den Spiegel.

»Es spricht alles dafür, auf die Regionalstadtbahn zu setzen«, sagt Dvorak, denn der entscheidende Vorteil sei der, dass man nicht umsteigen muss. Das wäre bei der Seilbahn der Fall: Beim Bahnhof müsste der Fahrgast von der Bahn in die Seilbahn steigen. »Umsteigen ist immer etwas, was den Öffentlichen Personennahverkehr unattraktiver macht.« Schließlich wolle man vor allem die Berufspendler erreichen, die die Hälfte des Verkehrs in Reutlingen ausmachen. »Die Leute wollen ans Ziel kommen und nicht am Bahnhof erneut umsteigen.« Noch dazu dann, wenn es keinerlei Zeitgewinn gibt.

Die Trassenführung, die von der WiR-Fraktion als zu raumgreifend als Argument angeführt wird, sieht Dvorak als unproblematisch an. Sowohl die Garten- wie auch die Lederstraße wären technisch möglich.

Das optische Erscheinungsbild komme noch dazu: Wie verändert sich das Stadtbild, und was sagen Bewohner in den Obergeschossen von Häusern, an denen die Leute mit den Gondeln vorbeifahren? Bestenfalls die Achalm als touristisches Ziel käme für eine Seilbahn infrage, scherzt Dvorak, wobei sich das Landschaftsbild durch ein weiteres großes Bauwerk am Hausberg verändern würde.

Mit ein bisschen Nachdenken

Im Haushalt für eine Machbarkeitsstudie 200 000 Euro zu verankern, wie es die WiR-Fraktion vorhat, hält Dvorak für reichlich übertrieben. »Mit ein bisschen Nachdenken kann man sehen, dass es für Reutlingen zur Regionalstadtbahn keine Alternative gibt.« Seilbahnen generell als Aprilscherze abzutun, sei allerdings auch falsch: Es gebe Städte, in denen das funktioniert. Allerdings wohl nicht in Reutlingen. (GEA)

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