Stipendium - Ammar Kamel kam erst vor eineinhalb Jahren aus Syrien nach Reutlingen und ist schon »Talent im Land«

»Talent im Land«: Spitze in der Schule und im Sport

VON ULRIKE GLAGE

REUTLNGEN. Ammar Kamel aus Syrien kam im Februar 2016 nach Deutschland. Ein begabter Gymnasiast, der mit der Familie seine Heimat verlassen musste, weil dort Krieg war. Als er hier ankam, konnte er sich nur auf Englisch verständigen. Inzwischen spricht er fast fließend deutsch. Er besucht die elfte Klasse des Isolde-Kurz-Gymnasiums, liefert beachtliche Noten ab. Der 19-Jährige büffelt nicht nur fleißig, er trainiert auch wie ein Wilder - schließlich will er Radprofi werden. Mit seiner geballten Motivation überzeugte er jetzt die Jury der Robert-Bosch- und Baden-Württemberg-Stiftung: Er wurde als Stipendiat ins »Talent im Land«-Programm aufgenommen.

276 Bewerbungen gab es, Ammar Kamel hat es mit weiteren 52 Jugendlichen geschafft: Er  wurde ins Stipendienprogramm »Talent im Land« aufgenommen. Der junge Syrer ist erst seit eineinhalb Jahren in Deutschland und liefert  im Gymnasium und im Leistungssport  bereits beachtliche Leistungen ab. Foto: Trinkhaus
276 Bewerbungen gab es, Ammar Kamel hat es mit weiteren 52 Jugendlichen geschafft: Er wurde ins Stipendienprogramm »Talent im Land« aufgenommen. Der junge Syrer ist erst seit eineinhalb Jahren in Deutschland und liefert im Gymnasium und im Leistungssport bereits beachtliche Leistungen ab. Foto: Trinkhaus
»Ich habe vielgelernt undviel trainiert«
 

Ammar lebte mit seiner Familie in Aleppo. Der Vater Elektriker, er Schüler mit Supernoten. Zuletzt hatte er einen Schnitt von 1,3. Damit nicht genug. Seine Leidenschaft ist das Rennradfahren. Das betrieb er nicht irgendwie, sondern richtig gut. So gut, dass er als 15-Jähriger ins syrische Nationalteam aufgenommen wurde. Der Traum von einer Profikarriere und einem tollen Beruf platzte jäh, als der Krieg begann. In der elften Klasse verließ Ammar das Gymnasium. »Es wurde zu gefährlich.«

Der Vater flüchtete zuerst. Übers Meer, eine gefährliche Reise. In Reutlingen hatte er Glück. Im Brenzgemeindehaus traf er auf Susanne Schöpfer. In ihrer Druck- und Werbetechnikfirma bekam er nicht nur einen Job, die Unternehmerin unterstützte ihn auch bei der Wohnungssuche und beim schwierigen Familiennachzug. Fast zwei Jahre dauerte es bis zum Wiedersehen mit seiner Frau und den drei Söhnen. Umso glücklicher war der Vater, als er sie in die Arme schließen konnte.

Ammar hielt sich nicht lange auf. Im April 2016 begann er mit einem Sprachkurs an der Eduard-Spranger-Schule. Der ging drei Monate. Klarer Fall für Ammar: In den Sommerferien paukte er weiter. »Ich will im Gymnasium sein«, nennt er den Grund. Im September nahm er Kontakt zur Schulleitung des Isolde-Kurz-Gymnasiums (IKG) auf. Probeweise wurde er in die zehnte Klasse aufgenommen - mit der Option, sie zu wiederholen. »Wir haben gesagt: Wie versuchen's einfach«, erzählt Schulleiterin Gabriele Häfele. Ammar wurde von einer Lehrerin mit Zusatz-Deutschunterricht gefördert. »Sie hat mir sehr geholfen«, so der 19-Jährige.

Ammar ist ein ehrgeiziger junger Mann. Die zehnte Klasse wiederholen? Niemals. Also paukte und paukte er. »Ich habe in diesem Jahr viel gelernt und viel trainiert.« Sein Vater hatte Kontakt mit der Radsportabteilung des TSV Betzingen aufgenommen. Mit einem geliehenen Rad erschien er zur ersten Ausfahrt. Mit seinem Talent überzeugte er nicht nur Trainer Tilman Bücheler, sondern auch das Team des Radgeschäfts Hardys, dem Sponsor der Abteilung. Es spendierte dem jungen Syrer ein sehr gutes Rennrad. »Durch sein aufgeschlossenes Wesen und seine gelebte Begeisterung für den Radsport gewann er sofort unsere Sympathie«, heißt es auf der Hardys-Homepage zum Sponsoring für Ammar. Der nahm gleich an den ersten Rennen teil und erreichte achte oder neunte Plätze. »Ich will aufsteigen«, sagt er entschlossen.

Morgens Unterricht, nach Hause, Essen, danach außer an zwei Ruhetagen 100 bis 120 Kilometer auf dem Rennrad runterspulen, duschen, und dann drei Stunden mindestens lernen - so sieht sein Pensum im Sommer aus. Im Winter trainiert er Zuhause auf der Radrolle, zwei Mal in der Woche ist Teamtraining im Kraftraum angesagt. Außerdem schwimmt und läuft er »für die Grundausdauer«.

Lernen und Leistungssport - das kostet Kraft, räumt Ammar ein. »Viele sagen, beides zusammen geht nicht. Aber ich sage: Ich will beides schaffen.« Er habe, räumt der 19-Jährige ein, nicht viel Zeit für Freunde. Aber er hat Ziele. Abitur will er machen, möglichst mit guten Noten. Studieren, Ingenieurwissenschaften vielleicht, Medizin oder Sport. Und Profiradler werden. »Mein Traum ist es, die Tour de France zu fahren.«

Bei aller Anstrengung macht ihm die Lernerei Spaß. Seine Stärke sind Naturwissenschaften. In Mathe und Physik hat er jeweils eine Zwei. »Das war kein Problem.« Schwerer tut er sich mit Geschichte. Und natürlich mit Deutsch. Sprechen klappt bestens. »Aber schreiben wie andere Schüler kann ich nicht. Ich hätte nicht gedacht, dass alles so schwierig ist.« Bis jetzt, sagt Ammar, läuft's gut für ihn am IKG, wo er sich auch in der SMV engagiert. Das findet auch Gabriele Häfele. Vieles habe zusammengespielt: Das Engagement der unterstützenden Lehrer, aber auch das des Schülers. »Er ist sehr einsatzbereit und entschlossen.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass alles so schwierig ist«
 
Die hohe Motivation, Ammars Engagement und Bildungsstreben beeindruckte auch die Jury von »Talent im Land«. Ammar habe »sehr großes Potenzial«. 276 Bewerbungen gingen ein, 53 Jugendliche wurden ausgewählt. Kriterien sind neben besonderen Leistungen auch Härten - bei Ammar die Flucht und die finanzielle Lage in Deutschland. Dass er mit dabei ist bei »Talent im Land«, macht Ammar stolz. Erst recht die Eltern, die ebenso wie Schulleiterin Häfele mit dabei waren beim Festakt am 15. November in Stuttgart.

Seine neue Heimat und seine Zukunft ist Deutschland, sagt Ammar. Nach Syrien zurück will und kann er nicht. »Es ist dort sehr gefährlich und ich würde sofort zur Armee eingezogen.« Das Land vermisst er nicht. »Ich vermisse meine Schwester in Damaskus, meine Freunde und die schöne Zeit vor dem Krieg.« (GEA)

Talent im Land unterstützt begabte Schüler

Das Stipendienprogramm »Talent im Land« (TiL) unterstützt begabte Schüler aus Baden-Württemberg, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft Hürden zu überwinden haben, auf ihrem Weg zum Abitur oder zur Fachhochschulreife. Die finanzielle Förderung liegt bei 150 Euro im Monat, die zweckgebunden für Bildungsausgaben genutzt werden sollen. Dazu kommt ein begleitendes Seminarprogramm sowie individuelle Beratung. All das soll den Jugendlichen dabei helfen, die eigenen Begabungen zu entfalten und ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Träger von »Talent im Land« sind die Robert-Bosch-Stiftung und die Baden-Württemberg-Stiftung. Die organisatorische Abwicklung sowie individuelle Beratung und Begleitung erfolgt durch die Mitarbeiter des TiL-Büros, das am Institut für Erziehungswissenschaft der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen angesiedelt ist. (pr)

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