Projekt - Die »Wissens-Tage Baden-Württemberg« machen am 19. und 20. März Station in Reutlingen
Später nähren, heute nicht langweilen
Von Andreas Dörr
REUTLINGEN. Die Wissenschaften nähren die Jugend und ergötzen das Alter, schrieb Cicero in einer Rede für den Dichter Aulus Licinius Archias ohne zu ahnen, dass mehr als zweitausend Jahre später »nähren« allein keinen Schüler mehr hinterm Ofen hervorlockt.
Wie funktioniert der Mensch? Eine jener spannenden Fragen, die am 19. und 20. Februar gestellt werden dürfen. FOTO: PR
Deshalb haben sich die Organisatoren der baden-württembergischen »Wissens-Tage«, die am 19. und 20. März in Reutlingen über die Bühne gehen, etwas einfallen lassen, um jungen Menschen Lust zu machen auf Wissenschaft und Technik: Anfassen, Mitmachen, Staunen und Entdecken heißt es an besagtem Wochenende, wenn Reutlinger Unternehmen und Institutionen, aber auch überregionale Partner unter der Regie des städtischen Amtes für Wirtschaft und Immobilien an einem Strang ziehen, um Familien zwei Tage lang eine Mischung aus Workshops, Vorträgen, Mitmach-Angeboten und Experimenten zu bieten - kostenlos, wohlgemerkt.
Jeweils von 10 bis 18 Uhr gibt es in der Listhalle und in Jahnhalle sowie in den beiden Wissens-Trucks »Biotechnikum« und »Expedition N«, die auf dem Schulhof des angrenzenden Johannes-Kepler-Gymnasiums parken, Wissenswertes in geballter Form und bunt: Umwelt, Energie und Nachhaltigkeit, Biologie, Chemie und Physik, Kunst, Literatur, Musik, Geschichte und Politik, Astronomie und Weltraum, Medizin und Gesundheit, Maschinenbau, Gestaltung und Design. 40 Wissensstationen sind in Vorbereitung, 2 800 Quadratmeter werden den Ausstellern eingeräumt.
Wissenschaft ordentlich verpackt
Mitmach-Elemente, Themen-Lounges, Vorträge, Ausstellungen, Workshops (für die man sich aus Platzgründen unbedingt am Tag der Veranstaltung vor Ort anmelden muss) und Experimente bieten massig Raum für hautnahes Erleben diverser Wissenschaften, die so manchen Schüler später vielleicht tatsächlich »nähren«, ihn aber heute im Unterricht nur langweilen. Physik? Biologie? Mathematik? Chemie? Nein danke!
An dieser Einstellung wollen die Projekt-Macher rütteln, wollen zeigen, wie spannend Wissenschaft sein kann, wenn man sie nur ordentlich verpackt und präsentiert. Dass ihnen das nach der Premiere 2009 in Balingen und der »Wissens-Tage« im vergangenen Jahr in Bietigheim-Bissingen auch heuer gelingt, daran zweifelt keiner der zahlreichen Kooperationspartner. Den bisherigen Zuspruch von jeweils etwa 7 000 Zuschauern wollen sie jedenfalls toppen.
Federführend eingefädelt wurde auch die dritte Auflage von der Agentur »101 Entertainment«, Idee- und Lizenzgeber sowie Produzent einer Veranstaltung, die Wissen als »wichtigste Ressource im rohstoffarmen und exportorientierten Hochlohnland« Deutschland sieht. Einfallsreichtum und Kreativität seien Voraussetzung für Innovationen und damit auch für Arbeitsplätze, bestätigte auch Dr. Christoph-Michael Pfefferle, Leiter des städtischen Amtes für Wirtschaft und Immobilien bei der Pressekonferenz zu den »Wissens-Tagen«.
Dass Reutlingen den Zuschlag erhalten hat - etwa 40 Mitbewerber galt es aus dem Feld zu schlagen - dürfte auch der Vielzahl kompetenter Partner geschuldet sein, die sich in die zweitägige Veranstaltung eingeklinkt haben: Die Industrie- und Handelskammer mit ihrem »Haus der kleinen Forscher«, die Volkshochschule samt Sternwarte, die Hochschule Reutlingen mit allen Fakultäten, das NMI Reutlingen, die Stadtbibliothek, Naturkundemuseum, Heimatmuseum, Kunstmuseum und Spendhaus stehen ebenso Gewehr bei Fuß wie zahlreiche regionale Unternehmen, die Weltruf genießen und als Sponsoren die »Wissens-Tage« befeuern - allerdings nicht ganz uneigennützig, wie Axel Bartmann, Leiter der Unternehmenskommunikation der Manz Automation AG einräumt. Die Veranstaltung biete eine gute Gelegenheit, sich zu positionieren und Interesse zu wecken beispielsweise an Ingenieursstudiengängen.
»Es fehlt in Deutschland an Fach- und Führungskräften«, sagte Bartmann, dem Martin Legner von der Firma Stoll zustimmt. Der Reutlinger Flachstrickmaschinenbauer, nach eigenen Angaben einer der Weltmarktführer, will die »Wissens-Tage« jedenfalls dazu nützen, das Thema Stricktechnik einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen.
Spannende Einblicke
Auch die Reutlinger Sternwarte wird vor Ort sein und spannende Einblicke geben in eine Wissenschaft, die in Reutlingen einen regelrechten Boom erlebt: Im November des vergangenen Jahres war die Sternwarte nach viermonatigem Umbau neu eröffnet worden. Seitdem stehen vor allem Schüler Schlange, um in der neuen großen Kuppel durch das 0,5-Meter-Spiegelteleskop in die Unendlichkeit zu blicken. Heinz Lenhart, Leiter der Sternwarte, bekommt jedenfalls reichlich Rückmeldung von Lehrern, die ihre Schützlinge im Physikunterricht kaum bremsen können, wenn sie im Reutlinger Planetarium waren - was für die Sternwarte und gegen den bisherigen Physikunterricht spricht.
Unterm Strich wird ein Programm geboten, das den Enkel genauso faszinieren soll wie den Großvater, das Tante und Onkel begeistern möchte und das junge Eltern in die Listhalle locken will, auch wenn sich der ganz junge Nachwuchs noch nicht für Satellitentechnik, digitale Bibliothek oder das Altern von Schnittschutzhosen interessieren sollte. Macht nichts: Am Sonntag, 20. Februar, nehmen die Kinderbetreuerinnen des »Kathrinchens« die Kleinen in ihre Obhut, damit sich Mama und Papa ausgiebig und ungestört informieren können.
Nur bei der Frage, was das zweitägige Spektakel kostet, bleibt Thomas Greiner, Geschäftsführer von »101 Entertainment« auch nach mehrmaligem Nachbohren beim hartnäckigen »kein Kommentar«. Wichtig sei doch, dass Sponsoren die Veranstaltung möglich machten. Markus Flammer, städtischer Wirtschaftsförderer, nickt und zeigt auf die Butterbrezeln. »Greifen Sie zu. Die sind umsonst.« (GEA)
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