Polizei - Seit Februar informiert das Reutlinger Polizeipräsidium die Öffentlichkeit auch über Twitter und Facebook

So arbeitet die Polizei mit Twitter und Facebook

VON ULRIKE GLAGE

REUTLINGEN. »Was tun, wenn man einen gefangenen Igel nicht frei kriegt? Richtig, die Münsinger Kollegen rufen.« Dazu das Foto eines Igels mit der Headline »Voller Einsatz für einen Igel.« Kurz, knackig, populär. So kommen die »Tweets« der Reutlinger Polizei daher. »Wir versuchen, Mehrwert zu liefern«, sagt Oliver Maichle, seit Februar Social-Media-Beauftragter im Polizeipräsidium. Die Igel-Geschichte fällt unter die Rubrik »nice to know«, eine Botschaft - die Polizei, dein Freund und Helfer - kommt trotzdem mit rüber. Das Gros der Tweets hat freilich ganz andere Inhalte und Ziele: Informieren, klarstellen, warnen. Und beruhigen, wie jüngst bei einem Amokalarm in einer Esslinger Schule.

Social-Media-Experte Oliver Maichle an seinem Arbeitsplatz im Polizeipräsidium.
Social-Media-Experte Oliver Maichle an seinem Arbeitsplatz im Polizeipräsidium. FOTO: Uschi Pacher
Stuttgart, Mannheim und Konstanz waren die Vorreiter, seit diesem Jahr sind alle Polizeipräsidien in Baden-Württemberg im Social Web unterwegs. Wer die Twitter- und Facebook-Kanäle befüllt, muss sich nicht nur in der virtuellen Welt auskennen, sondern auch im Polizeialltag. Der 29-jährige Maichle hat sein Fachabitur in Technischer Kommunikation gemacht. Ein halbes Jahr war er beim Polizeiposten Pfullingen, eineinhalb Jahre bei der Bereitschaftspolizei Göppingen beschäftigt.

»Twitter und Facebook sind eine sinnvolleErgänzung zurklassischen Pressearbeit«
 

Jetzt sitzt er im Büro vor zwei Bildschirmen, Tablet und Smartphone griffbereit daneben. In anderen Bundesländern sind die Social-Media-Teams direkt dem Präsidenten unterstellt, in Baden-Württemberg gehören sie zur Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit. Facebook und Twitter, sagt dessen Leiter Björn Reusch, sind eine »sinnvolle Ergänzung zur klassischen Pressearbeit« der Polizei. »Die Informationsbeschaffung verlagert sich zunehmend ins Internet, ein Großteil der Öffentlichkeit tummelt sich in der virtuellen Welt - da wollen wir uns nicht raushalten, sondern einsteigen«, erklärt Reusch. Der Vorteil der Sozialen Medien: Die Polizei kann direkt mit den Bürgern in Kontakt treten. »Ohne Filter, in Echtzeit«, sagt Reusch.

Vor allem die jüngere Generation, die mit Printmedien wenig am Hut hat, ist erreichbar. Fahndungsaufrufe bekommen eine größere Reichweite. Und Twitter oder Facebook machen schnelle Reaktionen möglich - Aufklärung inklusive. Björn Reusch nennt als Beispiel den Überschallknall Mitte Juli mitten in der Nacht. Über Twitter griff Maichle das Thema sofort auf, erklärte die Ursache, gab Entwarnung: »Es bestand zu keiner Zeit Gefahr für die Maschine oder Personen am Boden. Wie gesagt, Standardverfahren bei einem Funkausfall.«

Bei einem Gasunfall in Kirchheim und einem Amokalarm an einer Esslinger Schule nutzte das Polizeipräsidium gezielt den Twitter-Account, um die Bevölkerung zu informieren. Beim Alarm an der Schule - ein bewaffneter Mann war ins Gebäude gelaufen - gingen die Tweets unter einem eigenen Hashtag im Minutentakt raus. Oliver Maichle war es gelungen, zu einer ins Klassenzimmer geflüchteten Schülerin Kontakt aufzunehmen. Er konnte direkt mit ihr kommunizieren, sie beruhigen. Die Eltern wurden auf dem Laufenden gehalten, nach der Entwarnung informiert, wo sie ihre »Kids« abholen können. Die Polizei erreichte damals 1,5 Millionen Nutzer.

»Wenn man frühgenug einsteigt,hat man die Informationshoheit«
 

Ziel bei dieser wie bei anderen über Twitter und Facebook verbreiteten Polizeinachrichten: »Wenn man früh genug einsteigt, hat man die Informationshoheit«, sagt Oliver Maichle. Die Nutzer können sich darauf verlassen, dass die als Echt-Account verifizierte Quelle verlässlich ist - ein unschätzbarer Vorteil in Zeiten von Fakenews. Als beispielsweise das Gerücht kursierte, eine bulgarische Organmafia sei unterwegs, entführe Kinder und schlachte sie aus, grätschte die Reutlinger Polizei am gleichen Tag rein. Nachdem sie recherchiert und ermittelt hatte, dass nichts dran ist an der »Mafia«, stellte Oliver Maichle via Twitter umgehend und »sehr offensiv« klar, dass die Gerüchte jeglicher Grundlage entbehrten - und verhinderte damit, dass Panik entsteht.

Die enge Zusammenarbeit mit den Kollegen von der Pressestelle, den Sachbearbeitern im Präsidium, aber auch den Beamten »draußen« ist für Oliver Maichle in diesen und allen anderen Fällen enorm wichtig. »Wir versuchen auch, die Informationen vor Ort abzugreifen. Je besser wir informiert sind, desto besser können wir die Bürger informieren.« Mit den Sachbearbeitern wählt er die für die Sozialen Medien relevanten Themen aus - Kurioses wie die Igel-Rettung inklusive.

Die Accounts werden von der Polizei rund um die Uhr im Auge behalten. Nachts übernimmt das Führungs- und Lagezentrum, das allerdings nur in dringenden Fällen reagiert. So könne man auf Hinweise eingehen, bei denen man sofort tätig werden müsse, sagt Björn Reusch. Vorwiegend passiert das, wenn jemand eine Straftat ankündigt. Kürzlich wurde die Polizei aktiv, als ein Hinweis auf eine illegale Müllablagerung einging.

»Das ist eine Verantwortung,mit der man klarkommen muss«
 

Zum prompten Reagieren über Twitter oder Facebook veranlasst sieht sich Oliver Maichle aber auch dann, wenn beispielsweise Notrufe wegen eines Hubschraubereinsatzes eingehen. Das war erst vor Kurzem wieder der Fall. Er erklärte, warum Hubschrauber bei einer Vermisstensuche auch nachts unerlässlich und Anrufe völlig unangebracht sind. »Das wurde von den Nutzern sehr positiv aufgenommen. Die meisten hatten Verständnis für uns.« Polizeiarbeit transparenter machen zu können - auch das, so Björn Reusch, ist ein Vorteil von Social Media.

Oliver Maichle schreibt auch »normale« Polizeimeldungen, die übers Presseportal veröffentlicht werden. Die Sprache in den Sozialen Medien ist eine andere - lockerer, verkürzter. Aber nicht flapsig. Aus Respekt gegenüber dem Nutzer, der sich ernst genommen fühlen soll. Aber auch, weil die Polizei keine Spaßtruppe ist. »Es muss klar sein, wo das Gewaltmonopol ist«, sagt Björn Reusch.

Oliver Maichle spricht von einer Gratwanderung. Schon deshalb, weil er in den Sozialen Medien Sprachrohr der 2 000 Mitarbeiter im Präsidium ist. »Das ist eine Verantwortung, mit der man klarkommen muss. Aber auch eine Herausforderung, die den Job spannend macht.«

Immerhin ist er nicht als Einzelkämpfer unterwegs, sondern stimmt sich eng mit den Mitarbeitern der Pressestelle ab, bei wichtigen Themen auch nach dem Vier-Augen-Prinzip.

»Hate speechs« (Hassreden) tauchten auf den Accounts der Reutlinger Polizei bislang relativ selten auf. Bei Beleidigungen oder rassistischen Äußerungen gibt's die rote Karte, der Nutzer wird von der Seite ausgeschlossen. Auch strafrechtliche Konsequenzen sind möglich. »Da sind wir sehr konsequent«, sagt Oliver Maichle.

Tierischer Einblick in die Polizeiausbildung

Das Polizeipräsidium Reutlingen nutzt Twitter und Facebook auch, um Einblick in die Polizeiarbeit zu geben und für Nachwuchs zu werben. Zum vierbeinigen Nachwuchs gehört Kyra, eine attraktive belgische Schäferhündin. Sie will Polizeihund werden und »berichtet« auf Facebook über ihre Ausbildung. »Wir geben unseren Facebook-Account heute mal wieder an unsere Kollegin mit der kalten Schnauze ab«, heißt es dann. Mit einem »Hey!« eröffnet Kollegin Kyra ihren Post, um dann aus ihrem tierischen Polizeialltag zu berichten. Die Follower können sich ein richtig gutes Bild davon machen, denn ein Video gibt's auch. »Ghostwriter« von Kyra, Filmemacher und Regisseur ist Social-Media-Mann Oliver Maichle. Vorgestellt wird nicht nur der nette Polizeihund (»ich bin halt ne ganz Liebe«), sondern eben auch der Schutzhund (»ICH KANN AUCH ANDERS!«), der richtig Zähne zeigt, wenn es drauf ankommt. Wer das Video gesehen hat, wird es sich künftig verkneifen, einen Diensthund streicheln zu wollen. (keg)

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